Solothurn
Radikal und musikalisch: Wenn Bild und Musik zusammenfinden

Die Künstlerin Müller -b- stellt erneut im Kunstforum Solothurn aus. Und der ausgebildete Pianist Nikola Dimitrov zeigt seine musikalischen Arbeiten zeitgleich in der Galerie Abbühl.

Eva Buhrfeind
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Nikola Dimitrov beschreibt den Rhythmus linearer Anordnungen. zvg

Nikola Dimitrov beschreibt den Rhythmus linearer Anordnungen. zvg

Die Geschichten und Gedanken dahinter sind auf den ersten Blick nicht offensichtlich, sie sind eher subjektiv zu erfassen, über den Eindruck, den diese rudimentären Objekte aus in Porzellan und zum Teil in Klinker getauchtes Verpackungsmaterial hinterlassen: eine Schneise der Zerstörung, das, was bleibt, wenn eine Sintflut über Dörfer und Städte hinwegfegt, wenn die Flutwelle in Japan nur noch Verwüstung hinterlässt. Gelagert auf den zementgebundenen Holzfaserplatten wie archäologische Reste einer global zerstörten Ordnung, aufgebockt auf den grauen Transportkisten, mit denen die Künstlerin, die unter dem Namen Müller -b- auftritt, die Objekte transportiert. Sie sind über den künstlerischen Anspruch vor allem eine Art Metapher, ein Sprachmittel, um ihre konzeptuellen Ideen und Reflexionen, das Durchdachte und Erfahrene in eine Form zu kleiden: die radikale, konzeptuelle Reflexion über unseren Umgang mit der Natur, mit unseren Ressourcen, mit unserem Planeten.

Das irdische Material steht für irdisches Geschehen. Und diese in weisses Porzellan getauchten gerippeartigen Gebilde, die sich auftürmen, zusammensacken, verbiegen, fragmenthaft unter klinkerfarbigen Dächern verstecken, choreografieren wie die architektonisch skelettierten Überbleibsel oder archaisch wirkenden Formen ausgebeuteter Erde - kleine schmuckhafte Details verweisen auf menschliches Sein - als Parabeln jene Fluten, die unser Dasein bedrohen, Verpackungsfluten über Naturfluten. Man spürt noch mehr als bei der vergangenen Ausstellung im Kunstforum 2010, «Schwellen», eine düstere Endzeitstimmung im Wissen um die Unvernunft der Menschheit.

Auch die Ästhetik ist inzwischen noch radikalisierter, beinahe kryptisch, erhebt keinerlei Anspruch auf äussere oder innere Schönheit. Sie wirkt wie das intellektuelle Kalkül eines kritischen Geistes, wenn sie ihre apokalyptischen Geschehen mit dem edlen Material Porzellan dialektisch umsetzt. Was bleibt, ist die Vorstellung, von dem, was ist, was wichtig ist. Was geschieht, wenn wir keine Sorge tragen. Was bleibt und was verloren geht. Ihre in Weiss gehaltenen «Clouds» sind dabei weniger sommerliche Himmelsstimmung als vielmehr eine bedrohlich schwebende Wolkenansammlung, die wiederum Fukushima assoziiert, aber auch an Tschernobyl erinnert.

Ursprünglich ist der 1961 geborene Nikola Dimitrov ausgebildeter Pianist mit Konzertreife, doch schon 1988 begann sein künstlerischer Weg, den er im Spannungsfeld zwischen Musik und Malerei entwickelte. Und so erstaunt es nicht, wenn der erste Eindruck ein durchaus musikalischer ist: der Rhythmus der linearen Anordnungen, deren Vernetzung, die Verdichtungen und Durchblicke, das innere Vibrieren der feinen Geflechte, die sich als Bildtiefe erweitern, vereinigt zu wohl temperierten Kompositionen. Doch das, was auf den ersten Eindruck sich eher zeichnerisch gibt, ist Malerei. Mit einem breiten, schmalen Pinsel setzt der in der Nähe von Saarbrücken lebende Dimitrov seine Farbpigmente, schwarz-graue Nuancen, Rottöne, zu schmalen vertikalen und darüber horizontalen Flächen, strukturiert und konzentriert in den regelmässigen Anordnungen, zu Reihen untereinander gefügt. Hin und wieder wird man an Notenblätter erinnert. Er folgt bei seinen musikalischen Variationen nicht unähnlichen Kompositionen bestimmten Bildregeln, schafft durch die Vielschichtigkeit, den mit einbezogenen weissen Bildhintergrund subjektive Räume und dezente Bewegungen, die seinen inneren Klängen folgen, harmonisch und unaufgeregt, in einer ihm ganz eigenen, stillen wie klar durchdachten Bildwirkung.

Die kleinen Arbeiten im zweiten Raum dann geben als Studien Einblick in die bildnerische Entwicklung und den Aufbau der malerischen Arbeiten.

Galerie Abbühl und Kunstforum Solothurn, Schaalgasse 9, Solothurn. Bis 6. April. Geöffnet: Do +Fr 15-19 Uhr, Sa 14-17 Uhr.

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