Kuno W.* gilt für die Solothurner Behörden schon länger als eine Art tickende Zeitbombe. Entsprechend soll er im Rahmen des kantonalen Bedrohungsmanagements unter Beobachtung gestanden haben. Diese Woche geschah das, was wohl einmal geschehen musste: Kuno W.* griff einen Solothurner Oberrichter und einen Gerichtsschreiber tätlich an. Eine Woche zuvor stand der einschlägig Vorbestrafte in Selzach beim «Obligatorischen» noch auf dem Schiessplatz der Sportschützen Leberberg. Aber nicht etwa als Schütze, sondern als Schützenmeister, der für die Sicherheit im Schiessstand verantwortlich ist.

Am 20. Juni letztmals im Einsatz

Peter Brudermann, Präsident der Sportschützen Leberberg, bestätigt auf Anfrage: Kuno W. war am 20. Juni Aufseher bei der Schiessübung. So, wie dies in der Vergangenheit öfters der Fall gewesen war.

Rund einmal in der Woche stand Kuno W. auf dem Schiessplatz. Er habe aber nicht dieselben Aufgaben gehabt, wie die anderen Aufseher, so Brudermann. «Er hat die Schützen nicht direkt überwacht.» Er habe überprüft, ob abgestellte Waffen gesichert waren und das Schiessgelände überwacht. Und dies stets unter Aufsicht. Der Mann habe «nie Zugang zu den Waffen und zu Munition gehabt», versichert der Präsident. Er sei auch nicht Mitglied des Vereins gewesen.

Verein ändert wegen W. Statuten

Allerdings: Vor wenigen Monaten hat Kuno W. ein Aufnahmegesuch beim Sportschützenverein Leberberg eingereicht. Kurz darauf änderte der Verein seine Statuten: Wer Mitglied werden will, muss seinen Strafregisterauszug vorweisen. Nur ein Zufall, dass die Statuten gerade nach dem Beitrittsgesuch von Kuno W. geändert wurden? «Sein Fall hat wohl dazu beigetragen», erklärt Präsident Brudermann. Die Vorgeschichte von Kuno W. – mehrfache Drohung gegen Beamte und Vorstrafe wegen eines Gewaltausbruchs – war dem Verein nämlich bekannt. Es sei aber darum gegangen, generell eine rechtliche Grundlage zu schaffen, um Personen allenfalls die Mitgliedschaft zu verweigern.

Neue Schützen erhalten nach rund einem halben Jahr die Lizenz zum Schiessen. Nicht aber Kuno W. Man sei nicht blauäugig gewesen, so Brudermann. Der Vorbestrafte erhielt zwar die Erlaubnis zu schiessen, jedoch ausschliesslich unter Aufsicht eines Vorstandsmitglieds. Unter dieser Überwachung «wollte der Verein Kuno W. eine Chance geben». Ihm Zugang zu einem geregelten Betrieb verschaffen. «Er interessierte sich sehr für den Schiesssport», erklärt der Vereinspräsident. «Und fast drei Jahre lang ist es ja relativ gut gelaufen mit ihm», so Brudermann.

Eine Chance gab der Verein Kuno W. auch, indem er ihn bei der Ausbildung zum Schützenmeister unterstützte. Wer diese Funktion erlernen möchte, muss einen zweitägigen Kurs absolvieren und wird vom Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) geprüft. «Ich hätte nie gedacht, dass das bei Kuno W. klappen würde», erklärt Brudermann offen.

Trotz «Umständen»: VBS sagte Ja

Und doch wurde Kuno W. Schützenmeister. Er besuche vergangenen April in Balsthal den «Schützenmeisterkurs Gewehr 300 Meter». Dies bestätigt Walter Frik, stellvertretender Informationschef Verteidigung des VBS. Wer diesen Kurs besuchen will, müsse gewisse Kriterien erfüllen – so zum Beispiel eine Rekrutenschule absolviert haben. Dagegen dürfen Personen, die laut den Schiessverordnungen andere oder sich selbst gefährden, oder ihre Armeewaffe abgeben mussten, den Kurs nicht mit einer Waffe absolvieren.

Dies sei auch bei Kuno W. der Fall gewesen. Aufgrund «bekannter Umstände» habe das Aufnahmeverfahren des Vorbestraften länger gedauert. Laut Frik «rund sechs Wochen». Ob Kuno W. die Schützenmeister-Lizenz nun entzogen wird, sagt der VBS-Mann nicht klar. Aber: «Aufgrund der entsprechenden Meldung des Kreiskommandos Solothurn» werde nun geprüft, ob «Massnahmen zu treffen sind».

Kuno W. selber muss um seinen zunehmenden Leidensdruck gewusst haben: Vor rund einem Monat forderte er selber den Sportschützen-Präsidenten auf, in seinem Fall eine Gefährdungsmeldung bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) einzureichen.Dies habe er dann auch umgehend gemacht, sagt Brudermann gegenüber dieser Zeitung.

Der jüngste Ausraster von Kuno W. wird seine Tätigkeit für den Verein nun endgültig beenden. Brudermann: «Er darf bei unserem Verein sicher keine Schiessanlagen mehr betreten.»

* Name der Redaktion bekannt