Erich Gysling hat dem engagierten TV-Journalismus als Tagesschau-Chef, Rundschau-Mitbegründer, Auslandkorrespondent und Kommentator ein Gesicht gegeben. Der 1936 geborene Kenner des Nahen und Mittleren Ostens ist auch Osteuropa-Experte und gehört zu den profiliertesten Referenten der Schweiz. Egal, ob Erich Gysling im Fernsehen oder wie in der Akademie der Generationen vor Publikum spricht, der vitale Top Shot fasziniert mit messerscharfen Analysen und der Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen.

Unter dem provokativen Titel «Russlands Vision: Vorwärts in die Vergangenheit?» stellte er zum Auftakt die Frage: «Ist Putin wirklich an allem Schuld?» Mitnichten. In Gyslings Augen wird der Herr des Kremls in den westlichen Medien zu eindimensional dargestellt. «Um das Handeln des Präsidenten der Russischen Förderation zu interpretieren, muss der Westen vom Schwarz-Weiss-Denken wegkommen. Die Optik sollte dabei nicht allein auf die Position des Westens gegenüber Russland zielen, sondern auch das Verhältnis Russlands zum Westen einschliessen. In Moskau tickt die Welt halt ein bisschen anders», meinte der langjährige Sonderkorrespondent in Moskau.

National toppt rational

Um die Eskalationen und Spannungen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu begründen, erinnerte Gysling an die frühen 1990er-Jahre. «Wir gehen immer davon aus, dass Russland die Erwartungen des Westen nicht erfüllte. Doch auch wir haben die Russen enttäuscht. Beim Zerfall des Warschauer Paktes ist Russland davon ausgegangen, dass sich in der Nato ein ähnlicher Prozess entwickle. Während der Westen von einer Demokratisierung Russlands ausging und ausser Acht liess, wie weit die Wertvorstellungen auseinander driften.»

In dem Kontext erinnerte er an die während der Sowjetherrschaft gewachsenen und gewollten Abhängigkeiten. Der Nationalismus, auf dessen Wogen Putin schwimme, sei mächtig und Putins Popularität ungebrochen. «Standen sich in der Vergangenheit wirtschaftlich-rationale und nationale Ideologien gegenüber, haben die nationalen noch immer gewonnen», resümierte er .

Situation ist beunruhigend

Wohl habe das Embargo den ehemaligen Energie-Hauptlieferanten der EU empfindlich getroffen und die Erdöl- und Erdgaspreise in den Keller gezwungen. Dies habe Russland gewaltig geschadet und in eine Rezession geführt. Trotzdem werde Russland sein Verhalten nicht ändern. Erich Gysling erklärte, Embargos seien schnell ausgesprochen. Doch die Geschichte lehre, dass es jeweils lange daure, bis sie wieder aufgehoben würden. Erich Gysling: «Die Situation ist beunruhigend. Wie, verdammt noch mal, kommen wir aus dieser Sackgasse wieder raus..? Ich weiss es auch nicht.»

Daraufhin erntete der Russland-Experte tosenden Applaus. Hatte er doch im Vortrag weder den Ukraine-Konflikt noch die Krim ausgeklammert («kulturhistorisch zu Russland gehörend, nicht jedoch völkerrechtlich») und schon gar nicht die wirtschaftliche Annäherung an China oder Putins Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien. «Der Westen drängt auf den Sturz des Diktators, während Putin ihm die Treue hält.»

Putin sehe die Dschihadisten als wachsende Gefahr für die russische Peripherie, da sich immer mehr Tschetschenen, Dagestaner und Inguschen dem IS anschliessen würden. Erich Gysling ist es mit seinem Referat gelungen, die verschiedenen Positionen transparenter zu machen, ein gewisses Verständnis für Putin zu wecken und einige Versäumnisse des Westens aufzudecken.