Gewaltberatung
Prügel können auch bei Frauen nicht die Lösung sein

Gewalt ist männlich. Das jedenfalls ist die gängige Meinung. Dass auch Frauen prügeln, schlagen und mobben, rückte bis anhin nicht in den Fokus. Das wollen zwei Solothurnerinnen jetzt ändern.

Michael Hugentobler
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Prügelnde Frauen. (Symbolbild)

Prügelnde Frauen. (Symbolbild)

Pressedienst

Lucia von Däniken und Christine Paratore haben letzte Woche die erste Solothurner Stelle für Gewaltberatung für Frauen eröffnet. Gibt es denn viele gewalttätige Frauen? «Es gibt leider eine grosse Dunkelziffer, aber Experten gehen davon aus, dass zwei Drittel der häuslichen Gewalt von Frauen verübt wird», sagt dazu Lucia von Däniken.

Ihr Angebot richtet sich in erster Linie an Frauen und Mädchen, die physische Gewalt ausüben. Das kann eine Ohrfeige sein, ein Faustschlag, ein Tritt. Die Blessuren reichen vom Bluterguss bis zur Wunde, die genäht werden muss. Dabei ist denkbar, dass eine Mutter ihr Kind schlägt, ein Mädchen ein anderes Mädchen oder eine Ehefrau ihren Mann.

In Bern gibt es ein ähnliches Angebot seit rund drei Jahren. «Es ist ein Angebot, das genützt wird, besonders im Rahmen von häuslicher Gewalt und von jungen Frauen im Teenager-Alter», sagt dazu Leena Hässig, Psychologin und Gewaltexpertin des Forensisch-Psychiatrischen Dienstes der Universität Bern. Sie gehe davon aus, dass Gewalt durch Frauen eine bestehende Problematik sei und dass ein gewisses Angebot bestehen müsse.

Auch physische Gewalt

Die Gewaltberatung in Solothurn nimmt sich auch physischer Gewalt wie Mobbing, Demütigung und Drohungen an. «Das ist besonders in der Schule und am Arbeitsplatz ein grosses Problem», sagt Lucia von Däniken.

Für betroffene Frauen und Jugendliche bietet von Däniken Gespräche an, in denen die Ursprünge der Gewalt erörtert werden. «Wir schauen hin, was die Gewalt auslöste und bieten Alternativen an.» Es gehe primär darum, dass die Frauen aus den Situationen lernen würden.

«Eine Frau, die Mobbing oder Bedrohungen anwendet, tut dies nicht, da sie schlechter ist als andere Frauen.» Viel eher laufe ein Programm ab, das mit Trauer, Scham oder Angst zu tun habe.

Damit sie für ihre neue Beratung gewappnet sind, haben Lucia von Däniken und Christine Paratore eine dreijährige Ausbildung in Deutschland absolviert. Das dabei angewandte Hamburger Modell nach Oelemann und Lempert wird europaweit angewendet. Auch die Mitarbeiter des Instituts für Gewaltberatung in Basel setzen auf diese Ausbildung.

Von Däniken und Paratore betreiben ihre Gewaltberatung nebenamtlich. Ihre Gespräche bieten sie sowohl in persönlichem Rahmen an, aber auch als Beratung per E-Mail oder Telefon. Da beide noch anderweitig berufstätig sind, zahlt es sich aus, eine Nachricht auf der Combox zu hinterlassen, damit sie zurückrufen können. «Wenn eine Person sich bei uns meldet, hat sie schon einen grossen Schritt in die richtige Richtung gemacht», so von Däniken. Danach stehe eine Verbesserung der Situation nichts mehr im Weg.

Probleme mit Gewalt - wo kann man sich melden?

Mit der Solothurner gewaltsleistung.ch hat die erste Beratungsstelle für gewalttätige Frauen und Mädchen geöffnet. Gewaltbetroffenen Männern bietet in Solothurn Martin Schmid von Touring-Kompetenzzentrum Hilfe an. Anlaufstellen für die Beratung von Opfern bietet die Kantonspolizei Solothurn. Sie verfügt über eine Fachstelle Opferhilfe und Häusliche Gewalt und kann bei Fragen weiterhelfen. Die Beratungsstelle Opferhilfe Aargau Solothurn vermittelt dem Opfer medizinische, psychologische, soziale, materielle und juristische Hilfe. Die Beratung ist kostenlos und auch anonym möglich. Weitere Anlaufstellen sind die lokalen Schulsozialarbeiter und öffentliche Ämter und Institutionen. (HUG)