Aus dem geöffneten Fenster des reformierten Kirchgemeindehauses dringt Gesang nach draussen. Gut 20 Jugendliche üben unter der Leitung von Martin Wüthrich die Chorlieder des Jugendmusicals «Linus» ein. Obwohl erst der zweite Tag der Probewoche angebrochen ist, singen die meisten auswendig. «Am Sonntagabend vor der Probewoche haben wir immer Panik, dass das nie klappen wird, in so kurzer Zeit ein Musical einzustudieren», gesteht Rebeka Hintermann. Sie hilft seit mehreren Jahren als Szenenleiterin mit. «Aber am Mittwoch haben wir jeweils den ersten vollständigen Probedurchgang auf der Bühne, und dann funktioniert es immer schon wirklich gut.»

«Die ganze Stimmung und das Singen sind toll»

60 Jugendliche nehmen am Musicalprojekt teil und verbringen die erste Augustwoche mit Proben. Das diesjährige Stück wurde von Ruth Wüthrich geschrieben. Die Geschichte von Linus, einem alten Bauern, der sich mit allen Mitteln gegen die Modernisierung seines Bauernhofes wehrt und sich dann mit seinem Enkel Willy zusammentut, wird erzählt. Teilnehmer Natanael spielt Enkel Willy. «Willy verbündet sich mit seinem Grossvater und erklärt ihm, wie die Technik funktioniert. Zusammen hacken sie die Bauernhof-App und legen den ganzen Betrieb lahm», erklärt er.

Natanael war schon zwei Mal beim Jugendmusical dabei. Was ihm besonders gefällt, ist das gemeinsame Singen und Schauspielern und wie man lernt, auf der Bühne zu stehen. Die 18-jährige Svea pflichtet ihm bei. «Das Zusammensein, die ganze Stimmung hier, das Singen ist toll», strahlt sie. Vor ihrem Solo sei sie zwar ziemlich nervös, sobald man auf der Bühne stehe, vergesse man die Nervosität aber, beruhigt sie sich selber. Die Botschaften der Stücke und das schöne Zusammensein während der Probewoche nehme sie jeweils mit aus der Musicalerfahrung, berichtet sie. Dieses Jahr habe das Stück verschiedene Botschaften, wie zum Beispiel, dass Lügen das Vertrauen zerstören oder dass Urteilen schlecht ist, erklärt Rebeka Hintermann.

Überall im ganzen Haus wird geübt

Im ganzen Haus herrscht Konzentration. Chorsingen im grossen Raum neben dem Eingang, die Solos im Büro, die Theaterszenen im Treppenhaus und auf der Bühne – überall arbeiten die Jugendlichen in Grüppchen. Viele der Szenenleitenden kennt man von früheren Vorstellungen, in denen sie noch als Schauspielende mitwirkten. Lisa Bay ist eine von ihnen. Vor zwei Jahren spielte sie selbst noch im Musical mit. «Ich wollte unbedingt weiter am Projekt teilnehmen, darum habe ich mich dazu entschieden, in der Szenenleitung mitzuhelfen.» Besonders die Zusammenarbeit und die Insiderwitze, die sich die Teilnehmenden ausdenken, findet sie toll. Ihr diesjähriges Highlight habe sie bei der ersten Bühnenprobe erlebt, als die Schauspieler und das Bühnenbild zusammengekommen sind. «Ein richtiger ‹Hüehnerhut›-Moment war das.» Auch Martin Hintermann hat schon als Kind im Jugendmusical mitgemacht. «Früher machten gar 90 Jugendliche mit! Seitdem hat sich das Projekt laufend weiterentwickelt und professionalisiert.» Zum Beispiel könne das Bühnenbild viel aufwendiger gestaltet werden, seitdem die Aufführungen nur noch in der Kirchgemeinde in Solothurn stattfinden – am Anfang ging die Musicaltruppe noch auf Tournee und trat in verschiedenen Gemeinden auf. «Das Musical hat mich sehr geprägt und viel dazu beigetragen, wer ich heute bin», sagt er dankbar.

Um halb elf gibts für die Jugendlichen die erste Pause. Einige Eltern kochen jeweils während der Woche und haben ein Znüni vorbereitet. Aus der Küche duftet es schon nach Riz Casimir. Auf dem Probeplan an der Pinnwand schauen die Schauspieler nach, wo ihre nächste Probe stattfindet. Elin Bogaert «opfert» ihre Pause, um vom Probealltag zu berichten. «Es ist cool, mit Leuten, die die gleiche Leidenschaft teilen, zusammenzuarbeiten und verschiedene Persönlichkeiten in einem Raum zu haben», berichtet die 17-Jährige. «Jeder hat seine eigene Rolle und ist voll dabei, das ist toll.»