Dargeboten wird musikalisch und inhaltlich ein Potpourri, das eher einer Show oder einem oberflächlichen Musical gleicht denn einer Märcheninszenierung. Man fühlt sich im Rückblick auf die Premiere wie beim etwas hilflosen Blättern in einem vorweihnächtlichen Katalog voller Kinderspielzeug, das «Action» verheisst und in Bezug aufeinander gesetzt werden will.

Nervende Teenies

Das Gerippe des Grimmschen Märchens «Hänsel und Gretel» ist erkennbar: Überarbeiteter alleinerziehender Vater, zwei nervende Teenies, die frustiert zu «Hutmacher» und «Grinsekatze» (aha, «Alice im Wunderland», aber warum?) im Zauberwald verschwinden. Die Hexe mästet Hänsel in einem Magic-Toy-Automaten; das Hexenhaus ist ein Lebkuchenstand eines Weihnachtsmarktes.

Die Kinder überlisten die Hexe, die dann im Ofen verbrannt wird. Versöhnung mit dem Vater (Konstantin Nazlamov). So. Jetzt zur «Garnitur»: Als eine Art Spielleiter fungiert der chaotische Wichtel Sprinkle (Jördis Wölk), der dank Tarnkappe für Hänsel (Martina Gegenleithner) und Gretel (Daniela Braun) unsichtbar ist, die Kinder im Publikum aber immer wieder charmant ins Geschehen mit einbezieht. Zudem ist er auch eine Art Zirkusdirektor, Hexenmacher (davon später), «Männlein im Walde», der die musikalischen Einlagen szenisch umsetzt.

Kriminaltango

Als Reminiszenz an den Zauberwald gibt es einen fliegenden Fisch, eine Schnecke und ein paar Sterne. Die drei Musiker (Matthias Ammann, Mario Hänni, Tobias Zwicky) als Hase, Fuchs und Pinguin bringen mit ihrem Auftreten etwas Ruhe ins Stück - wobei der Pinguin in Bruchteilen von Sekunden die Kinderherzen erobert.

Auch die Musik bietet für jeden etwas: Vom klassischen Kinderlied über den „Kriminaltango" zu Rock, Rap und Swing. Die Grenze zum Klamauk ist fliessend: Etwa wenn die Hexe auf ihrem motorisierten Rennbesen (aha, Harry Potter) einen Unfall baut und in Depression versinkt, da sie dabei einen Fingernagel abgebrochen hat. Dabei sind einzelne Szenen wie die Überlistung der Hexe durchaus gelungen, die musikalische Leistung ist überzeugend.

Überladen und bedenklich

Doch die Inszenierung ist klar überladen, dies nicht nur wegen des wuselnden Figurenreichtums, sondern auch wegen der Geschichten hinter den Geschichten (etwa Hänsels Mülltonnenerlebnis). Psychologisch bedenklich ist allerdings die - sehr gut gespielte - Verwandlung des Vaters in die Hexe vor dem Publikum. Merke: Vater wird zur Tussi-Hexe, will Kinder fressen und wird verbrannt.

Mit der dunklen, abgespaltenen weiblichen Seite des Mannes kann hier wohl nicht argumentiert werden... Bleibt zu hoffen, dass die Kinder nach der Vorstellung den Eltern vom „voll geilen" Hexenbesen erzählen und den Vater nicht fragen, ob er eine Hexe werden kann. Dann müsste das Erlebte wohl mit dem echten Märchen der Brüder Grimm neutralisiert werden.

Weitere Aufführungen: 9.12., 15:00 Uhr; 22.12, 15:00 Uhr; 29.12., 15:00 Uhr; 13.1., 15:00 Uhr; 26.1., 15:00 Uhr. Diverse Schulvorstellungen.