Damit hatten die Organisatorinnen nicht gerechnet. Am Tag der Frau und ein Jahr nach dem «Super-GAU» in Fukushima war am Donnerstagabend ein Podium zum Thema Energie geplant. Dann platzte am Mittwoch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts herein und entzog dem Kernkraftwerk Mühleberg die unbefristete Betriebsbewilligung. Das Podium konnte nun nicht besser besetzt sein. Denn vorne stand Anne Eckhardt Scheck, Präsidentin des Ensi-Rates und damit oberste Sicherheitsverantwortliche für Kernkraftwerke in der Schweiz.

Zu sehen war im «Kreuz» eine nüchtern abwägende Naturwissenschafterin, die politische Fragen im leeren Raum stehen liess und das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) als rein technisch ausführende Behörde positionierte.

Stimmen aus dem Publikum

Werden mit dem Atommüll nicht täglich unumkehrbare Fakten und Sicherheitsrisiken geschaffen, fragte eine Stimme aus dem Publikum. «Für das Ensi ist der Atommüll einfach da», antwortete Anne Eckhardt Scheck. Die Behörde beurteile lediglich aufgrund politischer und juristischer Vorgaben die Sicherheit von Kernkraftwerken und Atommülllagerung. Und: «Wie sicher sicher genug ist, das muss die Politik entscheiden. Das kann keine technische Kommission. Es ist nicht die Aufgabe des Ensi, zu definieren, was sicher ist.»

Hatte nicht am Tag zuvor das Bundesverwaltungsgericht mit dem Entzug der unbefristeten Bewilligung für Mühleberg auf Defizite in der Sicherheitsfrage hingewiesen? Nein, sagte Eckhardt Scheck. «Das ist ein juristische Angelegenheit. Technisch hat sich nichts verändert.»

BKW hat ein Jahr Zeit

Mit dem Urteil habe sich für das Ensi und die Sicherheitsfrage in Mühleberg gar nichts geändert. «Wir haben Mühleberg genau angeschaut und sehr viele Forderungen an die BKW gestellt», sagte Anne Eckhardt Scheck. Mit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes gebe es keine einzige neue Forderung. «Das Urteil gewichtet die Situation rechtlich einfach anders. Das Bundesverwaltungsgericht verpflichtet das Uvek, mehr Druck aufzusetzen.»

Unabhängig vom Urteil habe die BKW als Betreiberin von Mühleberg ein Jahr Zeit, um die Forderungen des Ensi zu erfüllen. «Mühleberg ist in einer kritischen Situation», sagte Eckhardt Scheck mit Blick auf die hohen und kostenintensiven Auflagen, die das Ensi der Betreiberin, den Bernischen Kraftwerken, vorgelegt habe.

«Sie sind doch auch Bürgerin»

Mit ihrer «apolitischen» Haltung forderte die Frau, die die Sicherheit der Atomkraftwerke so kühl angeht, das fast durchwegs atomkritische Publikum heraus. «Sie sind doch auch Bürgerin», sagte Kantons- und Gemeinderätin Marguerite Misteli. «Meine politische Einstellung hat nichts mit meinem Amt zu tun», antwortete Eckhardt Scheck und wiederholte: Was als sicher gelten soll, das habe die Politik zu entscheiden.

Ob denn das nicht zu einem Schwarzpeterspiel führe, bei dem letztlich nicht klar ist, wer zuständig sei, fragte Moderatorin Andrea Affolter, Redaktorin beim Regionaljournal Aargau Solothurn von Radio DRS – und stiess bei der Gegenseite auf Anklang. «Die Frage, wer verantwortlich ist, ist nicht klar», sagte Sabine von Stockar, Projektleiterin bei der Schweizerischen Energie-Stiftung. Die Politik stütze sich auf die technischen Aussagen des Ensi, das Ensi stütze sich auf die Politik «und am Schluss entscheidet niemand».

«Sicherheit ist nicht messbar»

Für von Stockar muss Mühleberg nun definitiv vom Netz. «Sicherheit ist nicht messbar. Man kann sich keine Fehler leisten.» Nach Fukushima, habe sie «plötzlich erlebt, was die Leute vorher mit Tschernobyl erlebt haben».

Nun sei die Schweizerische Energiestiftung vom Störenfried zum gefragten Partner des Bundesamtes für Energie geworden. «Seit letzten Sommer rufen sie an und wollen eine Zusammenarbeit.» Windräder in der Landschaft, Staumauern am Berg, Photovoltaikanlage auf jedem Hausdach sind ihre Alternativen.

Organisiert haben das Podium Brigit Wyss, Anja Kruysse, Susanne Grütter, Theres Pfluger und Evelyn Gmurczyk.

Sehen Sie hier ein Experiment zum Thema Energie:

Experiment zum Thema Energie (Teil 1)

Experiment zum Thema Energie (Teil 1)

Experiment zum Thema Energie (Teil 2)

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Experiment zum Thema Energie (Teil 3)

Experiment zum Thema Energie (Teil 3)