Solothurn
Pornografie-Vortrag: Publikum war schockiert und fasziniert

Pornografie als Begriff des Sündigen hat in der christlichen Kultur eine lange Geschichte. In einem süffigen Vortrag bei der Akademie der Generationen erklärte der Soziologe Kurt Imhof, was dahinter steckt.

Katharina Arni-Howald
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Kurt Imhof hielt das Publikum mit dem Thema Pornografie auf Trab.

Kurt Imhof hielt das Publikum mit dem Thema Pornografie auf Trab.

HO

«Der Chef dieser Veranstaltung, Ruedi Erzer, hat mich inständig gebeten, Ihnen bloss nicht mit Unsittlichem entgegenzutreten, was bei diesem Thema unmöglich ist.» Wer Kurt Imhof, der an der Universität Zürich einen Lehrstuhl für Soziologie innehat, kennt, weiss, dass Gehorsam nicht unbedingt seine Stärke ist. Bereits nach ein paar Sätzen wussten die Zuhörerenden, dass der hemdsärmelige Wissenschaf-
ter mit dem markanten Lachen zum auserwählten Thema einiges zu erzählen hat. Wie bei einem Gewitter prasselten die Worte auf das Publikum nieder, das nicht genau wusste, ob es nun eher schockiert oder fasziniert reagieren sollte.

Sex mit dem Tod bestraft

Imhof griff weit zurück und machte glaubhaft, dass in den Götterwelten der Griechen Fleischsünden ein Fremdwort waren. Erst im Christentum sei das Fleisch als Verführungsmaterie des Teufels im Kampf um die reinen Seelen interpretiert worden. «Dadurch wurde der Körper schambesetzt und der Sexualakt wurde strikte auf den reinen Zweck der Reproduktion begrenzt und streng in der christlichen Ehe eingeschlossen.» Alle anderen Formen der körperlichen Liebe wurden als sodomistisch definiert und mit dem Tod durch Hängen, Rädern, Verbrennen und Ersäufen bestraft. Es herrschte die Meinung, dass nur die ständige Selbstkontrolle und Gewissensprüfung das Teuflische bändigen konnte. Nicht erst im Jenseits, sondern bereits auf Erden führte Sex zu schrecklichen Folgen.

Prostituierte als Heldinnen

Doch was fürs biedere Volk galt, hatte beim Klerus und dem Adel keine Gültigkeit. Dort wurden im Laufe der Jahrhunderte die erotischen Spielereien auf die Spitze getrieben. Es war die Zeit der Heuchelei und der leidenschaftlichen Affären in Lustlauben und an anderen geheimen Orten. Die Ehen waren reine Zweckehen und dienten dem Statuserhalt. Prostituierte wurden zu Heldinnen und Intellektuellen hochstilisiert und hatten Zugang zur Welt der Oper, der Salons und den oberen Rängen der Kirche und der Regierung. Alle pornografischen Schriften und Malereien, die Imhof dem Publikum genüsslich präsentierte, beschrieben das Treiben der höheren Gesellschaft.

Eine heuchlerische Elite

«Pornografie rechtfertigt sich durch pornografische Handlungen einer zutiefst heuchlerischen Elite», so Imhof. Damit nehme die Pornografie den zentralen Vorwurf der Aufklärung vorweg, nämlich dass die Eliten des Ancien Régime untauglich und unsittlich seien. «Eine Religion, welche die Körperlichkeit zum Kern des Sündigen macht, wertet den Körper unendlich auf und die Sexualität wird zur ausseralltäglichen Sensation aufgewertet», schloss Imhof dieses Kapitel ab.

Zum Massengut geworden

Später wurde der unnatürlichen und heuchlerischen Sexualethik auch die Naturphilosophie entgegengehalten, in der Körperlichkeit, Leidenschaft und Begehren als Gesetze der Natur erachtet wurden. Im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Genuss pornografischer Werke gar als Ausdruck psychischer Krankheit erklärt. «Noch bis in die Sechzigerjahre wechselte Pornografie unter dem Ladentisch den Besitzer. Heute ist sie zum Massengut geworden, das sich übers Internet vermarkten lässt», resümierte Imhof.