Seit dem Hype um das Handyspiel «Pokémon Go» ist es auch in Solothurn kein seltenes Bild mehr: Menschengruppen, den Blick starr auf das Handy gerichtet, laufen durch die Stadt und achten kaum noch auf ihre Umgebung. Aber Achtung: Bei den Smartphone-Spaziergängern könnte es sich auch um «Drallo»-Nutzer handeln.

Mit dieser App lässt sich die Stadt via Smartphone entdecken. Das Handy übernimmt dabei die Rolle des Stadtführers – dank GPS weiss es, wo man sich gerade befindet. Auch «Drallo» funktioniert, wie «Pokémon Go», nach dem Prinzip der «erweiterten Realität»: Über das Handydisplay wird die reale Welt mit virtuellen Inhalten angereichert. Der Unterschied: Anstatt skurriler kleiner Monster werden bei «Drallo» Zusatzinformationen zu Sehenswürdigkeiten auf dem Bildschirm eingeblendet und Quizfragen dazu gestellt.

Das Spielprinzip liegt im Trend

Die App gibt es bereits seit zwei Jahren. Nun erhält sie aber neuen Auftrieb, wie Murielle Blaser von Region Solothurn Tourismus bestätigt: «Gerade jetzt liegt das Spielprinzip von «Drallo» voll im Trend, wie die grosse Begeisterung rund um Pokémon Go zeigt.» Auch die Entwickler von «Drallo», die Challenge Earth GmbH aus Zürich, freuen sich über den Trend zu realitätserweiternden Handygames. «Die Handy-affinen Besucher einer Destination machen einen immer grösseren Anteil aus.»

In Zusammenarbeit mit Region Solothurn Tourismus hat «Drallo» die Solothurner «11i-Tour» entwickelt. Diese wurde schon rund 1200-mal heruntergeladen und 440-mal durchgeführt. Höchste Zeit also, um zu testen, was der virtuelle Stadtführer taugt.

Mit der App Drallo in Solothurn auf Stadtrundgang: Wir gehen auf die «11-Tour»

Mit der App Drallo in Solothurn auf Stadtrundgang: Wir gehen auf die «11-Tour»

Die Vorgehensweise ist denkbar einfach. «Drallo» kann kostenlos auf das Smartphone heruntergeladen werden. Danach steht eine Vielzahl an unterschiedlichen Stadtführungen in verschiedenen Schweizer Städten zur Auswahl. Selbstverständlich entscheide ich mich für die Solothurner «11i-Tour». Ausgangspunkt sei bei der Kreuzackerbrücke, werde ich von der App informiert. Dort angekommen, geht es gleich los. «Gehe über die Brücke», befiehlt «Drallo». Na dann.

«Finde den Schanzengraben»

Der erste Halt ist vor dem Palais Besenval. Etwas überraschend stellt mir die App bereits die erste Quizfrage. «Drallo» will wissen, welche Tiere in den prunkvollen Zeiten um 1642 im heutigen Restaurant bevorzugt verspeist worden seien. Ich muss das erste Mal raten: Mit meiner Antwort liege ich aber richtig und erhalte elf Punkte aufs Konto. Auch das ist Teil von «Drallo»: Für richtige Antworten werde ich mit Punkten belohnt. «Gamification» nennt sich das Prinzip. Der Spieler erhält Punkte für richtiges Verhalten. Das führt zu erhöhter Motivation.

Der nächste Halt auf meinem Rundgang ist vor der St.-Ursen-Kathedrale. Wieder erscheinen auf meinem Display spannende Zusatzinfos zum berühmtesten Bauwerk Solothurns. «Finde den Schanzengraben», ist die nächste Aufgabe, die «Drallo» mir stellt. Was hier auffällt: Die Wegbeschreibung ist teilweise ziemlich vage. Im Notfall reicht aber ein Fingertippen auf die Kartenansicht, wo der gesuchte Ort eingezeichnet ist.

Extrapunkte für den Stiefel

Vom Schanzengraben geht es weiter zum Kunstmuseum. Dort angekommen, lässt der nächste Hinweis von «Drallo» aber etwas auf sich warten. Werde ich jetzt etwa im Stich gelassen? Nach einigen Schritten um das Gebäude erscheint aber endlich ein Lebenszeichen von «Drallo» auf meinem Display: «Findest du den Stiefel?», werde ich gefragt. Sollte ich ihn innerhalb von fünf Minuten finden, bekomme ich Extrapunkte, verspricht mir mein virtueller Stadtführer. Zugegeben: Die Aussicht auf zusätzliche Punkte spornt mich an, auch wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht weiss, wofür ich diese überhaupt sammle. Kaum stehe ich vor besagter Brunnenskulptur von Roman Signer, fordert «Drallo» mich auf, davon ein Foto zu machen. Genau gleich bei der nächsten Haltestelle, dem Rathaus: Hier soll ich die Steingesichter an der Fassade fotografisch festhalten.

Weiter geht es zum Marktplatz, hoch zum Bieltor und zur Solothurner Uhr. Obwohl die Stunde gerade nicht passt, kann ich mir das Solothurner Lied anhören. «Drallo» sei dank. Zurück in der Altstadt führt mich mein virtueller Stadtführer über den Friedhofplatz und wieder hinunter an die Aare. Vor dem Landhaus ist die «11i-Tour» beendet.

Die App gratuliert mir zur höchstmöglichen Punktzahl – damit habe ich mir ein Gratisgetränk im Zunfthaus zu Wirthen erspielt.

Selbstversuch mit der «Öufi-Tour» – Manuelas Meinung über die App

Selbstversuch mit der «Öufi-Tour» – Die Meinung der Autorin über die App

Kulturelle Alternative zu Pokémon

Für den ganzen Rundgang werden zwischen einer und eineinhalb Stunden benötigt. Die Zeit geht vorbei wie im Flug, denn die interaktive Stadtführung mit «Drallo» ist definitiv unterhaltsam.

Die App macht es nicht immer zu einfach und sorgt mit den Quizfragen und der Aufforderung, Fotos zu machen, für Überraschungsmomente und Abwechslung. Obwohl den meisten Solothurnern die Besonderheiten ihrer Stadt bekannt sein dürften – das eine oder andere können auch Einheimische noch lernen.

Selbst wenn «Drallo» lange nicht so erfolgreich ist wie «Pokémon Go»: Die App bietet einen kulturellen Mehrwert. Da hat die Jagd nach Fantasiekreaturen definitiv das Nachsehen.