Corona-Virus

«Pöschterle» auf dem Märet ist Seelenhygiene – der Lockdown stoppt das

Die Stadt Solothurn im Lockdown-Modus. Märet findet keiner mehr statt.

Die Stadt Solothurn im Lockdown-Modus. Märet findet keiner mehr statt.

Gedanken zur mehrwöchigen Einstellung des Solothurner Wochenmarkts wegen des Corona-Lockdowns.

«E Samschdi ohni Märet isch ke Samschdi!» Das wissen alle, wenn der Wochenmarkt auf einen Feiertag fällt. Tristesse pur. Denn seit über 800 Jahren hat Solothurn das Marktrecht und ist damit eine Stadt. Doch jetzt hat sie ihr Recht auf den Markt verloren, und sie ist keine Stadt mehr. Nur noch eine Geisterkulisse. Und das tut weh, sehr weh.

Wer seit Jahrzehnten einen Grossteil seines Wochenbedarfs auf dem Märet deckt, weiss, wovon wir reden. Vom Servelat über den Nüssler bis zum Ei. Und dann der Käse. Es schüttelt mich, wenn ich an die Alternativen denke. Ich bin weder ein Migros- noch ein Coop-Kind. Und schon gar keins von den Andern. Mit Lebensmitteln ist bei mir nicht zu spassen. Wer kocht, der braucht dafür nur das Beste. Kochen und essen, das sind die ganz wenigen schönen Dinge, die uns geblieben sind. Auch wenn das mit den Gästen so eine Sache geworden ist.

Nun sind wir gezwungen, doch den Grossverteiler zu berücksichtigen. Igitt! Dort, wo all die Hamsterer sich um Klo-Papier und Nudeln balgen. Vor der Kasse stehen, zusammen mit hustenden Zeitgenossen. Nein, auf dem Märet, da fühlte ich mich sicherer. Zuletzt schauten wir, an welchem Stand es nicht zu lange dauern würde. Es galt: Stand nur mit Abstand! Ältere Marktfahrer sind ohnehin zu Hause geblieben – sie wissen mit Risiken umzugehen. Und noch eines gilt es zu bedenken: Das Verkaufspersonal hinter den Oliven, Würsten und Rüebli steht mir höchstens ein, zwei Vormittage in der Woche gegenüber – nicht wie im Supermarkt immer. Soviel zu den Virus-Trefferchancen.

Der Markt fällt für Wochen aus.

Der Markt fällt für Wochen aus.

Betriebsblind sind wir aber nicht. Der Märet war nie bloss eine Shopping-Tour zwischen Bieltor und «Couronne». Sondern Solothurn pur in allen Facetten: Den Schwatz mit Kurt Fluri gibt’s minutenlang; Parteien buhlen um Stimmen und Unterschriften, Pfadis verkaufen Chrömli, Fasnächtler Plaketten, und mit dem Frühling mischen sich viele Touris ins Gemenge. Lauter Faktoren, die nun gar nicht mehr gehen, im Zeitalter von «Social Distancing». Wo Märet ist, sind zwangsläufig Menschen. Und da wird der Abstand, der heute Anstand bedeutet, rasch einmal unterschritten. Hilflos sind auch Argumente, die für den Erhalt des bunten Treibens sprechen. Ja wenn die Beizen und Geschäfte zu sind, dann gibt’s doch viel weniger Leute. Aber Märet ist trotzdem. Und wer das Einkaufsverhalten dort kennt, weiss: Alles zwischen und an den Ständen läuft lockerer ab. Kein verbissenes «Da-muss-ich-jetzt-durch», bis das Einkaufswägeli vor dem Förderband steht. Nein, «Pöschterle» auf dem Märet ist Seelenhygiene pur. Und das fehlt uns jetzt. Total. Die Tage sind gleichförmig geworden; der Wochenhöhepunkt ist uns abhandengekommen.

Und irgendwie wurmt mich halt doch die Ungleichbehandlung von Gross und Klein. Der Mangel an «Fair trade», dem fairen Handel. «Die Floristen schliessen ihre Läden und Migros verkauft Blumen wie blöd», meinte ein Bauer, den ich auf dem Hof besuchte. Um Eier und Gemüse zu kaufen, wie viele andere «Märet-Heimatlose» auch. Im Gehege wie immer zu dieser Jahreszeit die Legehennen um ihren Prachtsgüggel, die fleissig Ostereier legen. Aber nicht für den Märet. Oder die jurassische Bergkäserei, wo 20 Milchkühe eine mehrköpfige Familie ernähren. Der feine Käse wird über Restaurants und einige Wochenmärkte abgesetzt. Normalerweise. Und jetzt? Wochenlang nichts. Dafür Abgepacktes von Aldi und Lidl.

Dazu kommt: Ganz viel Verkaufspersonal am Märet besteht aus Hilfskräften im Stundenlohn. Dazu kommen all die guten Geister, die bei Vorbereitungen in der Backstube oder sonst wo mithelfen. Das sind keine fest Angestellten, die über die Kurzarbeit dennoch zu ihrem oft existenziell wichtigen Zusatzverdienst kommen. Darum, lasst unseren Märet wieder aufleben, sobald es nur irgendwie wieder vertretbar ist. Das könnte auch vor dem 19. April der Fall sein.

Denn eine Angst brauchen wir nicht zu haben – noch nie haben wir sie an einem Märet- stand zum Kauf angetroffen: Gürteltiere oder Fledermäuse.

wolfgang.wagmann@chmedia.ch

Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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