Solothurn

Plötzlich ohne «Perspektive»: Das Coronavirus trifft auch die Schwächsten im Glied

Die Gassenküche beim «Adler» bietet nur nur noch Take-Away an. (Archiv)

Die Gassenküche beim «Adler» bietet nur nur noch Take-Away an. (Archiv)

Wegen dem Coronavirus können Randständige nicht mehr ihrer Tagesstruktur nachgehen. Die Fachstelle «Perspektive» bemüht sich, die Betreuung aufrecht zu erhalten und während des Ausnahmezustands Alternativen für ihrer Klienten zu finden.

Seit Montag sind die Tagesstrukturen für Randständige eingestellt. Eine Massnahme des Kantons angesichts der Coronakrise, die alle sozialen Institution betrifft. Für die Klienten der ambulanten Suchtfachstelle «Perspektive» bricht damit der gewohnte Alltag zusammen. Sie müssen zu Hause bleiben und jegliche Kontakte meiden. «Ich kann den Entscheid des Kantons verstehen, aber für uns ist die Situation sehr schwierig», sagt Karin Stoop, Geschäftsleiterin der Fachstelle. So musste letzte Woche, am Dienstag, beispielweise die Konsumationsstelle für Drogenabhängige geschlossen werden. In den Räumlichkeiten könne der Mindestabstand von zwei Metern nicht eingehalten werden. Auch die Gassenküche beim «Adler» in der Vorstadt ist von den Massnahmen betroffen.

Für die Betroffenen sind die Massnahmen ein bedeutender Einschnitt in den Alltag: Mit dem Ausfall der Tagesstrukturen und der Arbeitseinsätze geht ihr Sozialleben verloren. Sie drohen zu vereinsamen und in die gewohnten Verhaltensmuster zu zurückzufallen. «Die psychische Belastung ist gross», sagt Stoop. Sie rechnet damit, dass schädigendes, depressives Verhalten in den kommenden Wochen zunehmen wird. Auch erschweren die Massnahmen den Zugang zu Medikamenten und Lebensmitteln. Sollten diese Leute beispielsweise am Virus erkranken, so hätten viele keine nahestehenden Personen, die sie unterstützen könnten. Und mit der Schliessung der Konsumationsstellen droht sogar die Drogenszene auf die Strassen Solothurns zu schwappen. «Die ersten Auswirkungen waren bereits letzte Woche bemerkbar», sagt Stoop.

«Viele gehören zur Risikogruppe des Virus»

Die «Perspektive» versucht als Antwort darauf ihr Angebot so gut es die Rahmenbedingungen erlauben, aufrecht zu erhalten und ihren Klienten das fehlende Netzwerk zu ersetzen. Wie Stoop versichert, sind Beratungsgespräche immer noch per Telefon oder Video möglich. Auch bei den Nutzern des «begleiteten Wohnens» werden nach wie vor – unter Einhaltung der Hygienevorschriften – Besuche abgestattet, um nach dem Besten zu sehen. Doch die Versorgung der schwächeren Personen zu Hause stelle eine neue Herausforderung dar. «Viele gehören zur Risikogruppe des Virus», sagt Stoop. Sie müssten im Notfall mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden. Die Institution fahre daher ihr Netzwerk hoch und biete neue Dienstleitungen an. So bringen Mitarbeitende der «Perspektive» neu auch Einkäufe zu ihren Klienten nach Hause. Zusätzlich versuche die Institution, mit allen mindestens einmal wöchentlich Kontakt zu haben.

Seit Montagmittag dient zudem ein provisorisches Zelt neben dem «Adler» in der Vorstadt als neue Anlaufstelle für die Betroffenen und als Alternative für die geschlossenen Konsumationsstellen. Denn bei einer Drogenabhängigkeit sei zu Hause bleiben keine Option. «Die Sucht treibt sie hinaus», sagt Stoop. Die Betroffenen seien dementsprechend erleichtert gewesen, eine neue Anlaufstelle zu haben. Und wie viele Restaurants hat auch die Gassenküche am selben Standort seit letzter Woche auf Take-Away umgestellt. «Die Leute haben Verständnis für die Massnahmen des Bundes. Dank unserer Sensibilisierung bemühen sie sich auch, sich an die vorgeschriebenen Hygienemassnahmen zu halten», sagt Stoop.

Aufatmen beim Hauslieferdienst

Letzte Woche bestand noch Unsicherheit, ob auch der Hauslieferdienst der «Collectors» eingestellt werden muss. Dieser setzt bei den Kurierfahrern hauptsächlich auf Sozialhilfebezüger und unterstützt damit die Tagesstrukturen. Nun kann die Institution «Perspektive» aber etwas Aufatmen: Auf das Gesuch von Karin Stoop hin erlaubt das Gesundheitsamt weiterhin die Hauslieferung von Lebensmitteln durch Sozialhilfebezüger. «Es ist wichtig, die Leute zu Hause zu beliefern und die Tagesstruktur aufrecht zu erhalten», sagt Stoop.

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