Solothurn

Platz ist Luxusgut: Die städtischen Yoga- und Fitnessstudios bangen trotz Lockerungen um Existenz

Wer Platz hat, profitiert von den Lockerungen. Wer nicht, der hat Pech gehabt...?

Wer Platz hat, profitiert von den Lockerungen. Wer nicht, der hat Pech gehabt...?

Die Lockerung des Versammlungsverbots kam für das Gruppenfitnessstudio «City Circle» gerade noch rechtzeitig. Aber nicht alle städtischen Fitness- und Yogastudios profitieren gleich stark davon. Für manche wird's sogar eng.

Letzte Woche wurde das Versammlungsverbot vom Bund gelockert: Nun dürfen sich wieder bis zu 30 Personen gemeinsam aufhalten, solange die Nachverfolgbarkeit der Teilnehmer gegeben ist. Gleichzeitig aber bleiben die bestehenden Abstandsregeln und die vorgeschriebenen zehn Quadratmeter pro Person. Das macht den Fitness- und Yogastudios in Solothurn zu schaffen. Sie traf der Lockdown mitten in der rentabelsten Saison im März und um langfristig wieder rentieren zu können, brauchen sie die volle Kapazität ihrer Räumlichkeiten zurück.

Der Athena Fitnesspark

Marcel Pesse fährt das Gruppenfitness wieder hoch und hofft, dass wieder mehr Leute trainieren kommen.

Marcel Pesse fährt das Gruppenfitness wieder hoch und hofft, dass wieder mehr Leute trainieren kommen.

«Der Lockdown hat mich grob eine viertel Million Franken gekostet», sagt Marcel Pesse. Er ist der Gründer und Geschäftsführer des Athena Fitnessparks mit seinen zwei Filialen in Recherswil und Solothurn. Unter den Verlust fallen unter anderem Gruppenkurse, die wegen des Versammlungsverbots nicht mehr durchgeführt werden durften, sowie kostenlose Aboverlängerungen. «Es gab wenige Kunden, die darauf verzichtet haben», sagt Pesse. Aber die meisten wollen die zwei verlorenen Monate wieder zurück. Mit einem sogenannten «Lockup-Gutschein» von 20 Prozent auf das nächste Abo, das je nachdem bis zu 1050 Franken kostet, habe er der «Verlängerungswelle» versucht entgegenzuwirken. Aber auch Abokündigungen seien unvermeidbar gewesen, auch von langjährigen Kunden, die sich während des Lockdowns anderweitig organisiert hatten. «Das wird uns langfristig sehr viel Geld kosten», so Pesse.

Er habe einen Kredit aufnehmen müssen, um während des Lockdowns die laufenden Kosten zu decken und habe bewusst auf kostenpflichtige Onlinekurse oder Trainingsvideos verzichtet. «Ich habe einen Gerätepark im Wert von 800’000 Franken, eine teure Halle und ausgebildetes Personal hier – da weise ich die Leute nicht noch darauf hin, dass sie alles zu Hause machen können.» Aufholbar sei der Verlust ohnehin nicht mehr, vor allem auch weil es nun in die weniger rentable Sommersaison geht. Zwar habe das Unternehmen seit der Wiedereröffnung im Mai einige Neukunden gewinnen können. Aber generell seien die Leute noch sehr zurückhaltend. «Die Leute wissen nicht, was sie erwartet, und das hält sie davon ab, ins Fitness zu kommen», sagt Pesse. Wo normalerweise bis zu 120 Kunden pro Tag gleichzeitig trainierten, kommen zu Spitzenzeiten kaum noch die Hälfte ins Studio. So auch über den Mittag, wo üblicherweise viele Firmenkunden das Athena aufsuchten.

Mit den momentanen Einnahmen könne Pesse gerade noch die Grundkosten decken und sei daran, überall, wo es möglich ist, Kosten zu sparen. «Aber jetzt werden langsam die gestundeten Kosten das Problem», sagt er und meint damit unter anderem die gestundeten Mietzinsen und den aufgenommenen Kredit. «Ich muss mehr einnehmen, als ich normalerweise einnehme, um das alles zurückzuzahlen.» Er hofft daher auf einen positiven Effekt der Lockerungen des Versammlungsverbots. Sobald er das Okay des Verbandes hat, werde er das Gruppenfitness wieder hochfahren. «Ich hoffe, dass die Leute dann auch kommen werden», sagt er und ist überzeugt, dass sein überprüftes Schutzkonzept sowie die professionelle Betreuung wieder mehr Kunden generieren werden. «Wir haben schon jetzt fast jeden Tag Neukunden. Das stimmt uns positiv für die Zukunft.»

Er hoffe auch, dass mit der Zeit der soziale Aspekt des Fitnesscenters wieder zurückkehrt. «Die Leute wollen hier nicht nur trainieren. Sie wollen miteinander reden und einen Kaffee trinken. Das fehlt im Moment.» Bis dahin dürfen weiterhin maximal 90 Personen gleichzeitig ins Studio und etwa ein Drittel der Gerätschaften bleiben gesperrt.

Die Yoga Werkstatt

Das Team von Elisa Ferraro darf weiterhin nicht mehr als vier Kursteilnehmer unterrichten. Für sie wird es kritisch.

Das Team von Elisa Ferraro darf weiterhin nicht mehr als vier Kursteilnehmer unterrichten. Für sie wird es kritisch.

Seit 2016 ist die «Yoga Werkstatt» an der Schanzenstrasse ein beliebtes Yoga Studio in der Stadt. An den Stunden und den Kursen im kleinen Studio nahmen täglich bis zu 16 Personen teil. Gegründet haben es die zwei Yogalehrerinnen Elisa Ferraro und Iona Koloska. Mit den beiden Lehrerinnen, Deborah und Sabine, die 2019 dazu gestossen sind, betreiben sie seit vier Jahren das Studio. Sie alle traf der Lockdown im März zur falschen Zeit. «Januar bis April ist Hochsaison bei uns. Wir machen in den Wintermonaten unsere Umsätze für das ganze Jahr», sagt Elisa Ferraro. Sie haben sämtliche Workshops und Kurse absagen müssen. «Das sind die Kurse, die bei uns rentieren und wirklich Spass machen.»

Allen Abonnenten kommen die Inhaberinnen derweil aber mit einer Verlängerung entgegen. Das sei selbstverständlich. «Wir haben auch Teilnehmer, die zur Risikogruppe gehören und auch nach den ersten Lockerungen nicht in den Unterricht kommen wollen», sagt Ferraro. Gleichzeitig haben sich die Betreiber der Yogaschule dagegen entschieden, kostenpflichtige Onlinestunden zu geben. Stattdessen findet man auf ihrer Website Übungsvideos auf Spendenbasis, die man beliebig abspielen kann. «Wir wollten Yoga nicht zu einem Luxusgut machen», sagt Elisa. Derweil hatten sie selber mit finanziellen Problemen zu kämpfen: Einerseits sei ihr Antrag zur Überbrückungshilfe abgelehnt worden und die Co-Inhaberin Koloska habe kaum Erwerbsersatzentschädigung erhalten. Auch nach einer erneuten Berechnung sei die Entschädigung tiefer ausgefallen, als das, was die beiden Inhaberinnen monatlich verdienten. Auch der Vermieter kommt ihnen nicht mit den Mieten entgegen.

Seit dem 11. Mai dürfen die Yoga-Lehrerinnen wieder den Unterricht aufnehmen. Rein an der Nachfrage gemessen, könne man den ganzen Raum wieder füllen, wie Ferraro sagt. Weil aber jedem Teilnehmer zehn Quadratmeter zustehen, beschränkt sich die Anzahl auf vier Teilnehmer plus Lehrerin. «Abhängig von der Anzahl an Stunden, die man gibt, braucht es mindestens sechs Teilnehmer, damit es rentiert.» Momentan reichen die Einnahmen gerade mal für die Miete. Alle vier Yogalehrerinnen sind zwar weiterhin nebenberuflich tätig, aber dementsprechend auch auf die Einnahmen der «Yogawerkstatt» angewiesen. «Wenn wir die Massnahmen beibehalten müssen, sieht es kritisch aus.»

Und es wird sich nichts daran ändern. Laut dem Schutzkonzept des Yogaverbandes müssen die Studiobetreiber trotz der Lockerung des Versammlungsverbots für jeden Teilnehmer zehn Quadratmeter Platz zur Verfügung stellen. In der kleinen «Yoga Werkstatt» bleibt es demnach bei vier Teilnehmern. «Wir müssen uns überlegen, ob wir nicht doch auf Onlinekurse umsteigen wollen», sagt Elisa. Auch das Mieten von grösseren Räumlichkeiten stehe zur Diskussion. Einen Anspruch auf Kurzarbeit haben sie wegen der reduzierten Möglichkeiten in Zukunft aber nicht mehr.

Der City Circle Solothurn

Sue Laubscher kann es kaum erwarten, ab dem 8. Juni wieder normale Gruppentrainings durchführen zu dürfen.

Sue Laubscher kann es kaum erwarten, ab dem 8. Juni wieder normale Gruppentrainings durchführen zu dürfen.

Einzig für Sue Laubscher war die Lockerung des Versammlungsverbots die Frohbotschaft schlechthin. Seit der Wiedereröffnung ihres Gruppenfitnessstudios «City Circle» Mitte Mai gibt die Inhaberin nur noch Kleingruppenunterricht mit maximal vier Teilnehmern statt etwa 30. Auf Dauer wäre das der Todesstoss für das relativ junge Unternehmen gewesen.

Gegründet hat Laubscher das Functional-Fitnessstudio vor fünf Jahren als Nebenerwerb. 2018 kann sich die eigentlich gelernte Polygrafin schliesslich selbstständig machen und investiert alles in das geräumige Fitnessstudio in der Tiefgarage der blauen Post an der Zuchwilerstrasse. Und gerade, als das Unternehmen anfing, zu rentieren, erlebt sie während des Lockdowns einen kompletten Ausfall der Einnahmen. Denn bei ihren Fitnessabos zahlt man nur, wenn man tatsächlich zum Gruppentraining erscheint.

«Ich habe mir so schnell wie möglich einen Job gesucht», sagt Laubscher. Um für den Unterhalt des Studios aufzukommen arbeitete sie bis Ende Mai bei einem Detailhändler. «Ich wollte nicht einfach zu Hause sitzen und zuschauen, wie mein ganzes Herzblut zu Boden geht.» Denn die Vermieter seien ihr bis jetzt nicht entgegengekommen mit den Mieten und auch die Erwerbsersatzleistungen seien zunächst zu gering berechnet worden. «Ich habe während der ersten Zeit von nichts gelebt.»

Mit der Wiedereröffnung am 11. Mai startete Laubscher dann mit Kleingruppentrainings, die sie um ihre Schichtarbeit koordinieren musste. «Rentabel war es nicht aber ich wollte den Kunden etwas bieten, die mich unterstützten.» Eigentlich wären auch grössere Gruppen möglich gewesen, weiss Laubscher im Nachhinein. Doch wegen unklaren Informationen von den Verbänden und Ämtern habe sie sicher gehen wollen, keine Busse zu erhalten. Sie sieht das aber sportlich: Sie hatte so die Gelegenheit, ihr Angebot um Einzel- und Kleingruppentrainings zu erweitern, was sie ohnehin für nächstes Jahr geplant hatte. Und sie hat die Zeit genutzt, um nach der definitiven Lockerung am 8. Juni den Kursplan aufzustocken. Neu gibt es nun auch Mittagskurse im «City Circle». «Mein Ziel war es am Ende der Krise eine schwarze Null zu schreiben», sagt sie. Es seien zwar noch einige Rechnungen offen aber wenn es am 8. Juni losgeht, dann werde alles wieder gut. «Nun hoffe ich nur noch, dass auch die Kunden wiederkommen.» Denn sie darf wieder rund 20 Personen gleichzeitig betreuen.

Meistgesehen

Artboard 1