Wohin bloss mit diesen Händen? Auch Stadtpfarrer Paul Rutz muss sich beim Fototermin unter sengender Sonne im wunderhübschen Pfarrgarten dieser Frage stellen. Rutz streckt die Arme gegen unten, die offenen Handflächen hält er gegen oben. Kurze Zeit später hält er sie gefaltet vor dem Körper – Gesten, die man sonst in der Messe antrifft. Sie sind auf den Privatmann Paul Rutz übergegangen.

Jahrzehnte hat er als Seelsorger gearbeitet. Nun, Ende Juni, tritt der 70-Jährige in den Ruhestand. «Von der Taufe bis zur Bahre», hat der Seelsorger in den letzten 14 Jahren zahlreiche Solothurner begleitet. Um die 140 Taufen waren es. «In einer kleinen Gemeinde hätte ich vielleicht noch fünf Jahre weitergemacht», sagt Rutz. Etwas anders sehe dies in der grossen Pfarrei aus. «Man soll aufhören, solange man fit ist.»

«Hatte in Solothurn genug zu tun»

Bereits letztes Jahr hat Rutz die Pfarrwohnung an der Propsteigasse verlassen. Handwerker renovieren bereits die Räume für den Nachfolger Niklas Raggenbass. Und auch im verbliebenen Büro stapeln sich jetzt die Umzugskisten. Noch nicht abgehängt sind einige Fotos. Sie zeigen Papst Benedikt XVI. und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas beim Besuch eines Spitals im Nahen Osten.

Pfarrer Paul Rutz hätte die beiden prominenten Männer damals treffen können, ist er doch Vizepräsident der Kinderhilfe Bethlehem, die das Spital betreibt. «Doch ich hatte keine Zeit, ich hatte in Solothurn genug zu tun», sagt er. Künftig wird er sich mehr Zeit für sein Amt bei der Kinderhilfe nehmen. Noch ein zweites Amt hat er sich für die Pension aufgespart. Rutz ist Zeremoniar bei den Rittern des Heiligen Grabes. Daneben wird er in der Pfarrei Aeschi aushelfen.

Überhaupt hat Rutz eine spezielle Beziehung zur Entwicklungshilfe. Fünf Jahre arbeitete er in den 1970er-Jahren in Burundi unter einer Diktatur. Rutz musste Priester, die des Landes verwiesen wurden, zum Flughafen begleiten. Ein Bischof und mehrere Pfarrer seien ermordet worden. Täglich sei die Kirche am Radio beschimpft worden. Dafür habe er auch eine lebendige Kirche mit jungen Leuten und viel Dynamik erlebt. «Von der Arbeit her wäre ich gern geblieben», sagt Rutz.

Als ihn Bischof Otto Wüest dann nach Breitenbach beorderte, sei er aber auch über eine gewisse Entspannung froh gewesen. Noch immer hält Rutz Kontakte ins afrikanische Land. Nächstes Jahr wird er wieder dorthin fliegen. Eine Kirche der Armen, wie sie der neue Papst mit seinem Lebensstil ausdrücke, gefalle ihm, sagt Rutz.

«Das habe ich gerne gemacht»

Religiöses Brauchtum wie das Sternsingen oder der Palmsonntag hat er als Stadtpfarrer in Solothurn gefördert. Obwohl immer mehr soziale Institutionen frühere Kirchenaufgaben übernehmen, kommt es manchmal noch mehrmals wöchentlich vor, dass Leute an die Türe des Pfarramtes klopfen und um Hilfe oder ein Gespräch ersuchen. Als Stadtpfarrer sei er in Solothurn als öffentliche Person immer wieder zu zahlreichen gesellschaftlichen Anlässen – gerade auch bei den Bruderschaften – eingeladen worden. «Ich bin da vielen Leuten begegnet. Das habe ich gerne gemacht», sagt Rutz. Auch den Kontakt mit den Eltern der Erstkommunikanten und Firmanden schätzte der Pfarrer.

Der Brand der Kathedrale wird die schlimmste Erinnerung sein, die Paul Rutz aus seiner Amtszeit mitnimmt. Positiv nachhallen wird der Ostergottesdienst 2000, der vom Schweizer Fernsehen übertragen wurde, oder das 25-Jahr-Jubiläum der Literaturtage, als es in der Kathedrale eine grosse Lesung mit der Ordensfrau Silja Walter, der Schauspielerin Maria Becker und Elazar Benyoëtz gab.

Als er Stadtpfarrer wurde, wollte Rutz die Frauen besser einbinden. Das sei mit der Frauengemeinschaft und der Pastoralassistentin gelungen, sagt Rutz. «Die Ämterfrage ist eine Frage der Zeit», so Rutz, der immer ruhig und zurückhaltend wirkt. Dass Geschiedene keine Kommunion erhalten, sieht er in gewissen Fällen auch kritisch. Gegen die Kirchenhierarchie hat sich Paul Rutz aber nie aufgelehnt. An der Kirche selbst habe er nie Zweifel gehabt. «Sie trägt ein menschliches Kleid», sagt Rutz. Das bedeute, dass es immer auch Sünder gebe.

Noch Kontakt zu Kardinal Koch

Als Stadtpfarrer war Rutz immer wieder mit Kirchenaustritten konfrontiert, die er «mit Bedauern, aber auch Verständnis» zur Kenntnis genommen habe. «Das liegt in der Freiheit und Eigenverantwortung jedes Einzelnen.»

Er sei in der «Diaspora» aufgewachsen, sagt der Katholik Rutz über seine Jugendjahre im reformierten Bern. Doch gerade die Marienpfarrei dort entpuppte sich quasi als Kaderschmiede des Basler Bistums. Anton Cadotsch, Martin Gächter und der spätere Bischof Otto Wüest waren für den Jugendlichen Rutz prägende Figuren. Auch der heutige Kardinal Kurt Koch war an der Marienkirche tätig. Zu ihm hält Rutz noch immer sporadisch Kontakt, auch wenn Koch nun in Rom ist. «Bischof Kurt Koch war ein ruhiger, feinfühliger Theologe», sagt der Stadtpfarrer, während der neue Bischof stärker auf die Menschen zugehe und mehr von der aktuellen Zeit geprägt sei. Ein wenig scheint sich Rutz selbst zu beschreiben, wenn er über den heutigen Kardinal Koch spricht.