Ella, Yael, Ida und Geraldine stacheln sich gegenseitig an, necken sich, machen sich Mut: Ein belebender Mix, der gegen die Nervosität helfen soll: Denn in wenigen Minuten fällt für die vier Schulfreundinnen der Startschuss der praktischen Veloprüfung: Auf einem Rundkurs zeigte sich heute, welche der 150 «Absolventen» in den vergangenen Wochen fleissig geübt, ihr Fahrrad korrekt auf Vordermann gebracht oder die Prüfungsstrecke vor dem inneren Auge – oder wahrhaftig – abgeradelt haben. Beteiligt waren dabei die Stadtschulen, die Steiner-Schule, das Zentrum für körper- und sinnesbehinderte Kinder, das Heilpädagogische Schulzentrum und die Tagessonderschule.

Die Solothurner Primarschüler zeigen ihr Können an der Veloprüfung

Vorbereitung zahlt sich aus

«Üben, üben, üben», fasst der zwölfjährige Mouhammad die vergangenen Wochen zusammen. Aufgeregt ist er zwar – aber von Nervosität keine Spur. Nervös hingegen ist die zehnjährige Neela, wie sie selbst zugibt. Dabei gibt es doch immerhin die Sicherheit: «Auch ich habe mit den Eltern üben können.» Und über den Support aus den Familien ist Konrad Müller besonders dankbar. «Es sind engagierte Eltern, denen die Unfallprävention ihrer Kinder besonders wichtig ist», sagt der Dienstchef für Verkehrsinstruktion bei der Stadtpolizei. Und dann seitens Lehrerschaft: Wie Müller weiss, hat eine Lehrerin, die an der Prüfungsstrecke wohnt, gar einen Stempel in ihrem Briefkasten platziert. Jeder ihrer Schüler, der zum Üben dort vorbeifährt, kann sich so den Prüfungseifer bestätigen lassen.

«Solche Sachen motivieren», findet Müller. Und fruchten: «Die Durchfallquote liegt bei vier bis fünf Prozent.» Durchrasseln lassen wolle man ja niemanden. «Vielmehr wollen wir sehen, was die Kinder gelernt haben und was sie können. Und wenn sie die Prüfung bestehen, dann heisst das schon was.» Und: Auch die Koordination bei den Jungradlern sei nach einer Talsohle jetzt wieder besser geworden.

Auf die Ausrüstung hingegen muss die Stadtpolizei umso mehr ein Auge werfen. Licht, Reflektor, Bremsen, Helm – Verkehrsinstruktor Adrian Bitzi geht bei jedem Prüfling penibel genau all Punkte durch – und lockert die angespannte Stimmung mit einem «Glück gehabt, Chef» oder einem «Sehr gut, Frölein» auf – und einem Augenzwinkern. «Natürlich wurmt es die Kinder, wenn sie nicht mit null Fehlern durch die Prüfung kommen, weil die Eltern am Velo Mängel übersehen haben», sagt dazu Müller.

Vom Chindsgi bis zur Neunten

Verkehrserziehung beginne bereits mit dem «Warte luege lose laufe», das die Eltern ihren Schützlingen beibringen sollen, weiss Müller. Und was sie dann beim Velofahren lernen, prägt sie einmal mehr für alles, was sie als spätere Verkehrsteilnehmer brauchen. Das Solothurner Modell finde man schweizweit wenig: Der Verkehrspädagogik erstreckt sich vom Kindergarten über die Prüfungszeit in der vierten bis hin zur neunten Klasse. Und so lernt man über die Jahre auch den «Herrn Polizisten» besser und entspannter kennen. Müller hofft, dass dieses Modell noch lange bestehen bleibt: Eine Einheitspolizei, befürchtet er, könnte das Erfolgskonzept gefährden. «Die Verkehrserziehung wäre dann wohl weniger durchgängig.»

Der Prüfungsparcours zeichnet nach, wie anspruchsvoll städtische Verkehrssituationen sein können. Zuguterletzt führt er gar auf die stark befahrene Werkhofstrasse, «das Dessert», wie Müller sagt. Kommt hinzu, dass die Kinder zuweilen leider auch auf unachtsame Autofahrer reagieren müssen – kommt tatsächlich vor: «Es verunsichert sie, wenn sie von einem Personenwagen überholt werden, obwohl sie den Arm zum Abbiegen ausstrecken», so Müller.