Zentralbibliothek Solothurn
Patrizier verschenkten vor 250 Jahren ihr Wissen und legten Grundstein für Zenti

Heute vor genau 250 Jahren legten die führenden Familien der Stadt Solothurn die Grundlagen für eine öffentliche Bibliotheken, indem sie ihre Bibliotheken der Stadt schenkten.

Lucien Fluri
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Ian Holt, Leiter Sondersammlungen, und Direktorin Verena Bider zeigen im «Tresorraum» eines der wertvollen Bücher der Sammlung. Der Prachtband gehörte einst der Familie vom Staal.

Ian Holt, Leiter Sondersammlungen, und Direktorin Verena Bider zeigen im «Tresorraum» eines der wertvollen Bücher der Sammlung. Der Prachtband gehörte einst der Familie vom Staal.

Hanspeter Bärtschi

Im «Tresorraum» der Zentralbibliothek glänzt nur wenig. Das Kunstlicht ist fahl, das jahrhundertealte Papier riecht etwas modrig. Doch hier stehen die wertvollsten – und ältesten – Bücher der Bibliothek.

Und etwas Glanz gibt es zwischen den weiss-grauen Rollschränken durchaus: Gold prangt am Prachteinband, den Ian Holt, Leiter Sondersammlungen bei der Zentralbibliothek, aus dem Regal holt. Er gehörte einst dem Stadtschreiber und Humanisten Hans Jakob vom Staal d. Ä. (1539–1615), der seine Bücher für die prunkvollen Einbände eigens nach Paris schicken und mit Goldschrift sowie Familienwappen verzieren liess.

Vor knapp 250 Jahren kamen vom Staals Bücher in Stadtbesitz. Gleich mehrere führende Solothurner Familien schenkten ihre Bibliotheken damals der Stadt und legten damit den Grundstein für die Stadtbibliothek. Heute vor genau 250 Jahren ist die erste Schenkung belegt.

«... ein sonderbarer Kasten»

Im Kellerraum der heutigen Zentralbibliothek kann Ian Holt noch ein anderes goldglänzendes Gründungsmanifest zeigen. In einem Schrank steht eine goldgerahmte Tafel, die die «Familiae Maecenates» auflistet. Als erste Familie legten die Besenvals den Grundstock für die Bibliothek: Am 6. Juni 1763 heisst es im Ratsmanual, dass Johann Viktor Peter von Besenval, Schlossherr auf der Waldegg und Generalinspekteur der Schweizer Truppen in Frankreich, seine Familienbibliothek der Oekonomischen Gesellschaft schenken möchte. Der Stadtschreiber wurde beauftragt, ein Zimmer im Ratshaus als Büchersaal einzurichten, und dass «... ein sonderbarer Kasten für Bücher anständig verfertiget werden» soll. Ein Tisch mit Tintengeschirr wurde aufgestellt. 924 Bände übergaben die Besenvals der Stadt.

Dann ging es Schlag auf Schlag. «Die Familien haben sich gegenseitig geradezu überboten», sagt Ian Holt. Auf die Besenvals folgten die von Rolls, die Ende 1763 ihre Familienbibliothek «zue Diensten allhiesigen Publico Ihro Gnaden anheimbzustellen» beschlossen. Dann kamen die vom Staals, die Handschriften und Drucke schenkten. Zeichnungen oder Stiche zur Bibliothek gibt es keine, aber klar ist: Zur frühneuzeitlichen Bibliothek gehörten nicht nur Bücher, sondern auch Altertümer oder Weltkugeln.

Elitärem Zirkel vorbehalten

1766 gab es mit dem Kantor Franz Jakob Hermann den ersten Bibliothekar. Im Tresorraum der heutigen «Zenti» befindet sich auch der älteste erhaltene Ausleihschein. Er stammt aus dem Jahr 1773, damals gab es bereits eine Bibliotheksordnung. An zwei Halbtagen war geöffnet. Doch trotz Öffnungszeiten war die Bibliothek nicht ganz öffentlich: Anfangs blieb der Zugang zur Bibliothek wohl einem kleinen, elitären Zirkel vorbehalten. Doch immerhin: Es waren nicht mehr Familienbibliotheken, die neben Kloster- Stifts- und Schulbibliotheken das gesammelte Wissen hüteten. Patrizier der Spätaufklärung verschenkten ihr Wissen. Zwei Jahre zuvor, 1761, hatten sie in ähnlichem Zusammenhang bereits die Oekonomische Gesellschaft gegründet. Gemeinsam abonnierten sie aus Paris Zeitschriften wie das «Journal Oeconomique» oder das «Journal d’Agriculture, de Commerce et des Finances». «Sie beschäftigten sich mit Themen der Landwirtschaft und Frühindustrialisierung», sagt Holt.

Seit 1930 «Zentralbibliothek»

1773 kam der Bibliotheksraum im Rathaus bereits an seine Grenzen. Bücher wurden ausgelagert. Als 25 Jahre später die Franzosen kamen, wurde die Bibliothek weggeräumt und verfiel in einen «Dornröschenschlaf». Trotzdem blieb sie erhalten. «Die Kontinuität ist faszinierend», sagt Verena Bider, Leiterin der Zentralbibliothek. «Überhaupt ist das Besondere, dass sie noch zusammen ist.» Ab 1823 war die Bibliothek dann lange Zeit im Gemeindehaus. 1930 wurden Stadt- und Kantonsbibliothek zur heutigen Zentralbibliothek zusammengelegt.

Noch heute zehrt die Zentralbibliothek von den Schenkungen der Patrizierfamilien: Die Prachtbände der vom Staalschen Bibliothek im Tresorraum locken Wissenschafter aus der ganzen Welt nach Solothurn. Denn Stadtschreiber Hans Jakob vom Staal d. Ä. besass Bücher seines Lehrers, des Schweizer Universalgelehrten Glarean.

Das Mäzenatentum half der Bibliothek auch in späteren Jahren: In den 1940er-Jahren haben Industrielle den Aufbau der Graphikabteilung ermöglicht. Heute steht die Zentralbibliothek für den freien Zugang zum Wissen. Eine gute Million Bücher sind für alle Leute frei zugänglich. Einer der grössten Schätze in einer Wissensgesellschaft.

Jubiläumsfeier: Heute Donnerstagabend um 20 Uhr in der Zentralbibliothek.

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