Sogar die Linzer Pflastersteine grüssten mich, als am 3. März mein halbjähriges Abenteuer Österreich seinen Lauf nahm: Wenn man nämlich in der mediterranen Herrengasse seinen Blick von malerischen Fassaden ab- und dem Boden zuwendet, so wird man polyglott willkommen geheissen. «Benvenuti», «Dobrodosli», «Grüezi» oder das heimische «Griass Eich» ist in Bodensteine eingemeisselt. Und in der Landeshauptstadt Oberösterreichs, die zwölf Mal grösser ist als Solothurn oder Grenchen, milderte diese Geste den urbanen Kulturschock ein wenig. Man fühlt sich willkommen und vor allem daheim – oder «dahoam». Erst recht, wenn einem das «Griass Eich» mehr an Heimat erinnert als das «Grüezi». Oder wenn die Donau ähnlich durch die Landschaft mäandriert, wie es die Aare in meiner Heimat tut.

Wenn man in der Ferne das Vertraute wiederfindet, helfen Ähnlichkeiten mit, sich dieses Neuland zum beruflichen und privaten Zuhause zu machen. Tatsächlich habe ich es immer lustvoller empfunden, mich mit Gemeinsamkeiten als mit Unterschieden zu beschäftigen. Auch wenn sich die gemeinsame Grenze von Österreich und der Schweiz über bescheidene 164 Kilometer erstreckt, haben die beiden Länder mehr gemeinsam, als es die landläufige Meinung zugibt, und noch viel mehr, als es die Sammlung an Österreicherwitzen glauben machen will.

Es war der oberösterreichische Landesdichter Franz Stelzhamer, der mich zu jener Frage hinführte, die mich – als Heimatmenschen – die vergangenen sechs Monate umtrieb: Was macht die Heimat zur Heimat? Als Texter der oberösterreichischen Hymne, dem «Hoamatgsang», dichtete Stelzhamer: «Dahoam is dahoam. Wannst ned fort muasst, so bleib.» Er preist die Heimatliebe, die der Liebe eines Kindes zu seiner Mutter in nichts nachsteht. Er würdigt die Berge und die Täler des Bundeslandes. Und die wärmende Sonne der Heimat, die nach einem Regenschauer den durchnässten Wanderer trockne. Und wenn ich Österreich, insbesondere das zur zweiten Heimat gewordene Oberösterreich, anschaue, kann ich Stelzhamer verstehen.

Dass ein Dichter auf die Idee kommt, in seinen Versen die landschaftliche Schönheit seiner Heimat zu preisen, kommt nicht von ungefähr. «Fasch echli wie d’Schwiz» ging es mir an der Bundesfeier der Auslandschweizer durch den Kopf. Von einem exponierten Bauernhof blickte ich über die Hügel und das Flachland Oberösterreichs und dahinter sah ich die Alpen. Allgemein erinnert ein über weite Strecken ungestört ausgebreitetes Grün daran, dass Österreich bei leicht höherer Einwohnerzahl die doppelte Fläche hat. Der unebene Norden, der in den böhmischen Wald übergeht, hat mir ein wenig den Jura ersetzt. Das Flachland, das sich über rund 35 Kilometer hinzieht, entspricht dem Mittelland. Dahinter thronen – hüben wie drüben – die Alpen. Und genau dort, in der berggesäumten Landschaft des Salzkammerguts, hat sich der liebe Gott unter 76 Seen einen ausgesucht und mit Photoshop bearbeitet: den Attersee, der sich je nach Wetterlage in variierenden Grau-, Blau-, Grün- und Türkistönen präsentiert.

Es gibt auch eine Welt abseits der Verse des «Hoamatgsangs», abseits der Tourismusplakate. So könnte Stelzhamer seiner Landeshymne durchaus eine Strophe dem Brauchtum und den Menschen widmen. «Tradition ist nicht Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.» Vom Komponisten Gustav Mahler, der am Attersee wohl den gleichen Narren gefressen hat wie ich, soll dieser Ausspruch stammen. Dass er ein Österreicher war, erstaunt nicht. So habe ich doch gerade hier erlebt, welchen Stellenwert das Brauchtum hat. Beim Kosten der neu gegorenen «Landessäure» – dem Most. Bei unzähligen jungen Menschen, die sich in die aufgefrischte Tracht werfen oder an einem Blasmusikfestival ebenso ausgelassen feiern, wie es die Schweizer auf dem Gurten tun. Beim neu inszenierten Kaisertum, für welches sich viele Menschen als Kostümierte oder Zuschauer begeistern und wovon auch der Tourismus profitiert. Bei der vielseitigen k.u.k.-Küche, die an die damaligen Kronländer erinnert. Doch bei allen österreichischen Eigenheiten erinnere mich dennoch an ein Interview, das ich mit dem in Linz tätigen Schweizer Unternehmer Dionys Lehner geführt habe: «Wenn man den kulturellen Bogen von Wien nach Genf ziehen kann, dann ist alles, was dazwischen liegt, auch Heimat», sinnierte er.

In meinem von Abenteuern angereicherten Gepäck an Erinnerungen fährt auch mit, was ich an den Österreichern schätze: Die Gastfreundlichkeit, zum Beispiel einem unbekannten «Zuagrasten» einfach so einen Schlafplatz im Zelt anzubieten. Die herzliche Offenheit, mit der man mir am 1. August den Schweizerpsalm vorsingt. Der (zum Teil schwarze) Humor, der mir einen erleichterten Zugang zur österreichischen Politik verschaffte. Die Traditionsliebe, die nach meinem Empfinden bei uns «a bisserl» stärker sein dürfte. Die Unbeschwertheit, mit der ein Bundespräsident Heinz Fischer sein Volk (und auch «Zuagraste») an sich heranlässt. Der Stolz der neu gewonnenen Freunde, mir ihre Heimat in allen Facetten zu zeigen. Und letztendlich: Die Lockerheit, die dafür sorgt, dass ich das «Passt scho!» noch sehr lange im aktiven Wortschatz behalten werde.