Ortsplanungsrevision. Sie können es nicht mehr hören, nicht mehr lesen? Bleiben Sie dran! Sie ist mitsamt den aufgepfropften Gastro- und Parkierungsreglementen nämlich wichtig. Und entscheidet darüber, wie wir in den nächsten 15 Jahren in Solothurn leben werden. Wie wir bauen, wohnen, wie ruhig wir schlafen, wie lange wir wohin ausgehen können, wo wir das Auto noch abstellen dürfen oder ob wir es gleich stehen lassen sollen. Ziemlich viel also, was unseren Alltag betrifft. Das gesamte Dossier ist furchterregend dick und komplex. Mehr als 350 Seiten haben der Gemeinderat und damit die Medien zum Studium und zur Entscheidfindung erhalten, dazu kommen Hunderte Seiten wie zum Bauinventar nur digital. Ein dicker Hund also!

Verwöhntes Solothurn

Solche sind im Dossier auch begraben. Einige wurden schon exhumiert, denn noch dürfen alle mitreden. Mitwirkung nennt sich das. Keine humanitäre Geste der Stadtbehörden, sondern vorgeschrieben ist sie, die Mitwirkung. Dennoch: Die Anstrengungen, uns mitwirken zu lassen, waren nicht klein. Man hat uns etwas geboten. Ausstellungen, ein riesiges, instruktives Stadtmodell, mit Experten dotierte Diskussionsabende, viel persönliche Präsenz der Stadtbauamtsleiterin und der Stadtplanerin, dazu den unkomplizierten elektronischer Zugang zu allen Daten, Plänen und vor allem auch zur Mitwirkungsplattform. Das alles ist nicht selbstverständlich, wie Fachleute ausserhalb von Solothurn wiederholt bestätigt haben. Wir sind also schon fast verwöhnt mit dem Mitwirken. Doch, hat Solothurn das Instrument genutzt, und was kommt dabei heraus?

Ein Reifezeugnis

Es gab beeindruckende Momente in dieser Mitwirkungsphase. Der Abend zum Gastroreglement beispielsweise. Da war zu spüren: Solothurn setzt sich mit seinem Leben auseinander. Dem jetzigen wie dem künftigen. 350 Leute zu mobilisieren, das heisst etwas. Das Nachtleben ist bei weitem nicht das wichtigste Thema im ganzen Dossier, das Reglement mit Abstand das dünnste. Dafür umso nachvollziehbarer. Da können fast alle mitreden. Die Tonlage: zwar bestimmt, aber stets fair. Ein Reifezeugnis für den respektvollen Umgang miteinander. Dabei geht es für beide Seiten um fast Existenzielles: den geruhsamen Schlaf oder das Recht, diesen nicht schon vor Mitternacht antreten zu müssen. Oft brennen Emotionen durch, kocht die Intoleranz hoch. Aber man war artig miteinander. Noch kann man ja reden. Die Juristen, die hebt man sich für später auf. Ganz am Schluss.

Die Architektonia solodurensis

In Solothurn ist man nett zueinander. Niemand tritt gerne offen jemandem auf den Schlips. Das könnte als schlechter Stil gedeutet werden. Oder es stecken handfeste Interessen dahinter. In der Mitwirkung fehlten die Oppositionellen. Die wichtigsten unter ihnen sind die Architekten. Sie müssen die chirurgischen Eingriffe im Stadtbild vornehmen, mit den Instrumenten der Ortsplanungsrevision. Sie sind dafür verantwortlich, wie Solothurn aussehen kann und wird. Weshalb dann diese Zurückhaltung, meine Damen und Herren? Ein Baujurist wagte sich als «Quasi-Sprachrohr» der Zunft aus der Deckung. Sonst herrschte Ruhe. Aus einer angekündigten Medienkonferenz etlicher grollender Architekten ist nichts geworden, und auch der Vertreter des oppositionellen Vereins Masterplan Solothurn gab sich im letzten Podium zwar nicht gerade handzahm, aber auch nicht extrem bissig. Und der Verein hat keinen Plan, wie er weiter mit dem ungeliebten Revisions-Moloch umgehen will. Von aussen konstatieren wir nüchtern: Unsere Architektonia solodurensis frisst dem Stadtbauamt aus der Hand. Der Hand, die sie auch füttert.

Handzeichen schaffen Irritationen

Die Quantität des Gebotenen in dieser Mitwirkung war beeindruckend. Wir bleiben dabei. Doch wie steht es mit der Qualität des Ganzen? Übrigens der Lieblingsbegriff im Stadtbauamt: «Qualität». Fühlte man sich je ernst genommen, ja gar verstanden bei der direkten Anhörung? Wurde auf Gegenargumente überhaupt eingegangen?

Nun, dieser Eindruck kam kaum auf. Im Gegenteil. Das Gebotene wurde als allein seligmachende, reine Lehre verkauft. Die Expertokratie vom hohen Ross regierte, applaudiert durch herangezogene auswärtige Fachleute aus dem gleichen Stall. Wer das Sagen hat, tickt gleich. Opposition? Unerwünscht. Der vormalige Stadtplaner musste unfreiwillig von Bord, als es in der Ortsplanung ums Eingemachte ging. Und zum Beispiel kurzerhand der Verkehrsplaner ausgewechselt wurde. Zwar wohlbegründet, aber doch ein Punkt, der zu Spekulationen, ja sogar zu einer Nachfrage im Gemeinderat führte. Musste für das «richtige» Mobilitätskonzept der passende Planer her? Dann gab es in der Säulenhalle irritierende Momente. Wie immer hektischere Handzeichen der nervös gewordenen Leiterin Stadtbauamt an den Moderator, doch endlich den Redefluss des vormaligen, geschassten Stadtplaners zu stoppen. Auch im Clubgespräch klagte sie mehrfach, man solle doch nicht ständig «auf den Behörden herumhacken». Nun ja. Mitwirken ist im Endeffekt das «Herumhacken» auf dem, was die Behörden präsentieren. Kurzum: Nehmerqualitäten sehen anders aus.

Der grösste Knochen

Bewirken wir also etwas, beim Mitwirken? Hört man uns nur zu und an, oder wird man da und dort gar erhört? Wir sollten die Chance zur Meinungsabgabe jedenfalls nutzen. Noch zehn Tage lang ist Zeit dazu. Dann wird es in weiten Teilen zu spät sein. Und wir müssen nehmen, was aufgetischt wird, durch die Planungsbehörde, den Gemeinderat. Oft schon hat Mitgewirktes einiges bewirkt. Vor allem sollten alle, die sich mit der Auswertung und den den daraus zu ziehenden Schlüssen befassen, die Mitwirkung auch ernst nehmen. Sonst kommts zum üblichen Prozedere. In der «planerischen Nahrungskette» wirft man stets zuletzt den grössten Knochen hin. Nach dem immergleichen Ritual – wo ein dicker Hund ausgegraben wird, gibts nur noch eines: Juristenfutter.