36 Kleinbrauereien an den 14. Solothurner Biertagen – wie geht das mit dem bisherigen Konzept?

Alex Künzle: Ja, es sind erfreulicherweise jedes Jahr mehr Brauereien. Doch den grossen Befreiungsschlag gabs für uns vor zwei Jahren, als wir wegen der belegten Reithalle auf die Chantierwiese ausweichen mussten. Da merkten wir, dass ein Zelt eine viel flexiblere Fläche bietet als das altehrwürdige Reithallen-Gebäude. Denn Zelte können in der Grösse modular aufgebaut werden – so legen wir dieses Jahr hinter der Reithalle um 5 Meter zu. Und wenn wir bis zum Soldatendenkmal ausbauen, könnten noch einige Brauereien mehr mitmachen. Aber es ist nicht unser Ziel, möglichst rasch möglichst viele Aussteller zu haben. Die Qualität steht im Vordergrund.

Auffallend ist der sogenannte «Craft Beer Corner» im Austellerzelt. Warum diese neue Spezifizierung?

In der Bierwelt gibt es wie in jeder wichtigen Religion zwei «Konfessionen»: die Reinheitsgebot-Anhänger und die rebellischen Craft-Beer-Jünger. Und wie immer bei zwei religiösen Richtungen gibt es auch tolerante Leute und Sektierer. Den «Craft-Beer-Corner» verstehen wir als Orientierungshilfe für das Publikum. Es war aber auch der Wunsch der Craft-Beer-Brauer, dass sie in einer Ecke zusammen angesiedelt werden. So wollte die Brauerei Trois Dames – letztes Jahr an sich auf einem Top-Platz – unbedingt zurück zu den anderen Romands und den Tessinern.

Weiter auffallend: Zwei Walliser Brauereien sind dabei. Und hat die Brasserie Valaisanne nicht etwas mit der Feldschlösschen-Gruppe zu tun?

Ja, beide sind neu dabei. Die eine aus Verbier gehört klar zu den Craft-Beer-Brauereien und ist vor allem der Freestyler-/Snowboard-Szene zuzuordnen. Die Brasserie Valaisanne dagegen gehört tatsächlich zum Carlsberg-Konzern …

Aha …

Nun, wir wissen, dass man da unterschiedlicher Ansicht sein kann. Wir haben den Eindruck, dass Carlsberg im Wallis ein Marketing-Experiment macht. Sie verkaufen drei Sorten Bier, die in Sion produziert werden – und sogar in eigens designten Flaschen und Harassen daherkommen. Unsere Neugier, zu erfahren, was ein Brau-Konzern in der Craft-Beer-Szene sucht, hat jedoch unsere Skepsis gegenüber Grossbrauereien überwogen.

Zum zweiten Mal verzichten die Biertage auf die Unterhaltung durch Party-Bands. Mutiert der Grossanlass vom Fest zur Gross-Degustation? Immerhin sind ja gegen 100 Biere im Ausschank – da reichen drei Abende kaum, um alle zu testen.

Wir engagieren keine Live-Bands mehr, weil wir kein Pub-Festival werden wollen. Sondern ein Anlass, um die Biervielfalt zu geniessen und sich darüber mit Freunden auszutauschen.

Wie sind die Biertage in der Schweizer Szene verankert? Macht sich Konkurrenz bemerkbar?

Bis jetzt sind wir die Nummer eins der Schweizer Kleinbrauer-Treffen geblieben. Es gibt einen Versuch in Zürich für einen ähnlichen Anlass. Aber wie man beim Sechseläuten-Böögg gesehen hat, gelingt auch dort nicht immer alles nach Wunsch.

Was spricht denn für Solothurn?

Wichtig ist, dass wir an der Sprachgrenze liegen. Dort, wo sich die Nahtstelle zwischen den beiden Braukulturen befindet. Irgendwie ist es für die Romands cooler, in Solothurn auf die Deutschschweiz zu treffen als in Zürich. Unser Vorbild sind die Solothurner Filmtage. 12'000 Biertage-Gäste in drei Tagen sind ein Indiz in diese Richtung.

Apropos Konkurrenz: In der engeren Region scheint das Bierbrauen von ambitionierten, unternehmerisch denkenden Leuten bis hin zu den Feierabend-Brauern weiterhin zu boomen.

An sich ist die Entwicklung hin zu Kleinstbrauereien ein Kompliment ans Bier im Allgemeinen. Darunter gibt es welche, die erstklassige Biere brauen. Einige davon sind auch an unseren Biertagen dabei. So die Wasserämter Mikro-Brauerei in Derendingen, das Bucheggberger Bier vom Bad Kyburg, das Oberdörfer Chäuerbräu, Granicum Grenchen, das in Mümliswil vertriebene Guldenbräu oder das Oltner Bier Drei Tannen. Mit dieser «Konkurrenz» können wir gut leben.

Zurück zu den Brau-Kulturen. Offenbar trinken Romands dreimal soviel Weizen- oder Weissbier wie die Deutschschweizer. Dabei sind doch die welschen Brauer am ex(bi)erimentierfreudigsten …

Dieser Trend basiert auf der Auswertung von E-Commerce-Daten. Deshalb habe ich das Gefühl, dass diese nicht repräsentativ sein könnten. Die Romands ticken biermässig anders, ich frage mich, ob sie überhaupt wissen, was sie da online bestellen. Auch haben sie ihre einheimischen Brauereien nie richtig bevorzugt, sondern eher Biere aus Belgien oder dem Elsass.

Seit dem letzten Herbst kann die Öufi-Brauerei ihr Bier in der eigenen Anlage in Flaschen abfüllen. Wie hat sich das Ganze angelassen?

Super. Wir sind stolz und abends jeweils etwas müde. Manchmal tun uns die «Chnödli» weh vom Zubügeln der Flaschen. Aber wir machen nun alles selbst und sind eine richtige, komplette Brauerei. Wir haben auch die Gelegenheit genutzt, die Etiketten aufzufrischen. Und mit der neuen Anlage können wir kleinere Mengen mit eigenen Etiketten für Firmen, Jubiläen oder sonstige Anlässe abfüllen.

Wann gibt es das «Öufi» in der Büchse?

Das wissen wir noch nicht so genau. Die Büchse ist eine beliebte Verpackung, die aber auch polarisiert. Die einen lieben sie, die andern lehnen sie völlig ab. Doch hat der technische Fortschritt bewirkt, das Büchsenbier qualitativ an Flaschenbier herankommt. Wir können aber unmöglich selbst Bier in Büchsen abfüllen. Wir brauen dafür ein Bier und transportieren es mit dem Tanklastwagen in die Falken-Brauerei. Die unterhält in Schaffhausen das Bierdosen-Kompetenzzentrum für Kleinbrauereien.

Und was für ein Bier kommt in die Büchse?

Wir haben zwei Sude gemacht und testen damit ein pfiffig gehopftes Pils.

Welche Rolle spielt die Gastro-Szene mit städtischen Trend-Lokalen wie der Hafebar beim «Öufi»-Um- und -Absatz?

In der Hafebar haben wir die fantastische Chance zu zeigen, welche verschiedenen frischen Biere wir brauen. Für uns ist es absolut wichtig, dass einheimische Wirte einheimisches Bier anbieten.

Wer bestimmt in eurer Brauerei, welche Biere gebraut werden? Der Chef und Vater Alex Künzle, seine Söhne Moritz und Florian (beide Brauer) oder der Brauer Thomas Füller?

Eigentlich sage ich dazu nicht mehr viel. Ausser beim ganzjährig gebrauten Bier für die Flaschenabfüllung – da habe ich das letzte Wort. Zu den Spezialbieren im Offenausschank werden die Diskussionen, wer wann was braut, meistens beim Znüni geführt. Sie verlaufen jeweils äusserst lebendig. Grössere Meinungsverschiedenheiten gibts, wenn es um die geeignete Hefe geht und den richtigen Einsatz von Braumalz. Am heftigsten gestritten wird über die Verwendung der verschiedenen Hopfensorten, den Zeitpunkt ihres Einsatzes und ihre Dosierung. Unser kleines Sudhaus dient nur noch dem Brauen von Spezialbieren. Eine ideale «Spielwiese» – schön, so etwas zu haben.

Was wird dort alles gebraut?

Wir machen jährlich rund 60 Spezialbiere. Da merken wir schon, welche Biere mehr geliebt werden und welche weniger. Entscheidend ist und bleibt aber die Freude am Brauen.

Öffnungszeiten: 14.Solothurner Biertage in und hinter der Reithalle am Donnerstag, 28.April, von 16 bis 0.30 Uhr, Freitag von 16 bis 1.30 Uhr, Samstag von 14 bis 1.30 Uhr.