Solothurn
Ohne Spielzeug, dafür mit Karton und Decken: In diesem Chindsgi geht der Erfindergeist um

Der spielzeuglose Kindergarten ist seit zwölf Jahren ein Erfolgsmodell in Stadt und Region Solothurn. Auch beim aktuellen Gastspiel in der Wassergasse zeigt sich: Kinder werden selbstständiger, lernen mit Konflikten umzugehen, und – sie werden zu Düsentriebs und Baumeister.

Andreas Kaufmann
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Im Kindergarten Wassergasse wird ohne Spielzeug gespielt
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Der Kindergarten Wassergasse in Solothurn ist spielzeugfrei
Kindergärtnerin Doris Zaugg begleitet die Kinder
Kopf vorüber
Kindergärtnerin Doris Zaugg: «Am Abend ist man nicht weniger müde als im normalen Kindergartenbetrieb.»

Im Kindergarten Wassergasse wird ohne Spielzeug gespielt

Hanspeter Bärtschi

Für die Kindergärtler an der Wassergasse ist die Fasnacht noch längst nicht vorbei: «Wir haben einen Umzugswagen gebaut», sagt Finn stolz und zeigt auf das Konstrukt aufeinandergestapelter Tische. Dabei steht ihnen ein weitaus kleineres Repertoire zur Verfügung als den grossen Wagenbauern.

Holzstücke, Kartonkisten, Papprohre, Decken, Schnüre, Wäscheklammern und Matten: Mit diesem Inventar an Rohstoffen müssen die Kinder seit den Weihnachtsferien auskommen, um ihren Fantasiegebilden eine Gestalt zu geben. Farbstifte, Spielzeugautos, Holzeisenbahnen und «Bäbistuben» sucht man derzeit vergebens im Kindergarten Wassergasse. Was ebenso fehlt: der geregelte Tagesablauf, den die Kindergärtnerin für Spiele, Kreise und andere Rituale vorgibt.

Seit 25 Jahren ein bewährtes Konzept

Die Perspektive Region Solothurn-Grenchen bietet seit 2005 fachliche Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung des spielzeugfreien Kindergartens. Dabei werden während eines begrenzten Zeitraums (üblich: drei Monate) die Spielsachen eines Kindergartens weggeräumt. Stattdessen steht den Kindern «Rohmaterial» zur Verfügung: Stühle, Tische, Seile, Matratzen, Tücher und Naturmaterialien. Das Lehrpersonal ist dazu angehalten, nur einzugreifen, wenn ein Kind dies ausdrücklich wünscht oder wenn eine Situation aus dem Ruder gerät. Ansonsten hält es sich beobachtend im Hintergrund. Das Angebot hat seinen Ursprung in den Neunzigern und wurde in München konzipiert. Entsprechend hält bis heute die Aktion Jugendschutz der Landesarbeitsstelle Bayern auch die Urheberrechte des Konzepts inne. Im Zentrum steht die kritische Auseinandersetzung mit Spielsachen als Konsumgüter und deren Überfluss. Die These: Spielzeug lässt wenig Spielraum für Kreativität und Erfindergeist übrig und beeinträchtigt so die Entwicklung wichtiger Lebenskompetenzen. Durch die spielzeugfreie Zeit sollen Kinder ihre eigenen Bedürfnisse besser erkennen und ausdrücken. Ebenfalls sollen das Verständnis und der Beziehungsaufbau zu anderen Kindern gefördert werden. Ausserdem soll der Mut zum Entdecken neuer Spiele angeregt werden – als Gruppe oder ganz alleine. (szr)

Neu ist der spielzeugfreie Kindergarten lediglich an der Wassergasse – in anderen Kindergärten der Stadt und Region kennt man das Konzept seit zwölf Jahren. Initiiert wurde es von der Perspektive Region Solothurn-Grenchen (siehe Kasten), die Kindergärten fachlich begleitet. Freiraum für Kreativität ergibt sich durch Befreiung vom Spielzeugkonsum – so die pädagogische Grundannahme hinter den spielzeugfreien Kindergärten.

Klein, aber selbstbestimmt

«Die Kinder finden es toll und lustig», sagt Kindergärtnerin Doris Zaugg. «Dies können sie zu Hause in dieser Form gar nicht erleben», weiss sie aus Gesprächen. Am Spielverhalten zu Hause ändert sich wenig, wenn im Kindergarten einmal alles ganz anders ist. Doch ohne Effekt bleibt es nicht bei der «Kundschaft»: Auf jedes Kind wirke der Verzicht auf Spielzeug und das Auslassen der meisten vorgegebenen Strukturen ganz anders: «Ein Mädchen, das lange zurückgezogen und ruhig war, wuchs plötzlich über sich hinaus, wurde proaktiv und ging auf andere zu», erinnert sich Zaugg. Doch in einem anderen Fall begann ein Bub zu Hause zu rebellieren, weil ihm im Kindergarten die Struktur fehlte. Die meisten Rückmeldungen stammen aber von zufriedenen Eltern.

Die Kinder entscheiden selbst, ob sie drinnen oder draussen spielen, wann es Zeit fürs Znüni ist – oder welchem Grüppchen sie sich für ein Spiel, ein «Bauprojekt» oder eine Geschichte anschliessen möchten. Auch handeln sie Konflikte soweit wie zumutbar untereinander aus. «Und natürlich bilden sich auch hier Hierarchien: Es gibt immer solche, die das Ruder übernehmen.» Doch jetzt gerade scheinen die Hierarchien neu ausgehandelt zu werden – laut und wild: Gerade hat jemand eine Wäscheklammern-Schlacht angezettelt. Doris Zaugg beobachtet und notiert, hält sich dezent zurück. «Nur zuschauen» muss gelernt sein, wenn es übermütig zu- und hergeht.

Das muss man aushalten – so will es das Prinzip. «Am Abend ist man nicht weniger müde als im normalen Kindergartenbetrieb», sagt sie. «In der ersten Woche nach Weihnachten haben die Kinder einen Morgen lang unablässig Runden gedreht.» Eine Zeit, die nötig ist, um mit neu gewonnenen Freiheiten und freigesetzten Energien umzugehen. «Bereits in der zweiten Woche haben sie den Raum mit Tüchern beflaggt – fast wie in Tibet.» Florence hat soeben aus Stühlen und einem pinkfarbenen Laken ein Haus gebaut. Auch sie geniesst die neu gewonnene Kreativität, den Erfindergeist sichtlich. Obwohl: «Der Morgenkreis fehlt mir ein bisschen.»

Wems zu bunt wird ...

Natürlich gibts Grenzen: Sicherheit steht ganz oben, weswegen auch die aufgetürmte «Burg» aus Tischen mit Seilen und rutschfesten Unterlegern gesichert ist. Und dann wäre da noch der Blaue Stuhl. Eines der Mädchen setzt sich drauf und läutet eine Glocke, worauf sich alle um sie scharen: «Es ist zu laut», findet sie nach beendeter Chlämmerlischlacht. Wer sich unwohl fühlt, kann hier seinem Unmut Luft machen – Doris Zaugg moderiert. «Manchmal muss man die Kinder aber auch bremsen: Wenn sie sich auf den Stuhl setzen, um Aufmerksamkeit zu heischen. Ein weiteres Ritual ist dem spielzeuglosen Kindergarten ebenfalls erhalten geblieben: eine Befindlichkeitsrunde und ein Lied zum Abschluss. «Doch vorher müssen wir noch aufräumen», stellt Gabri derweil – ohne Anregung der Lehrerin – fest.

Noch bis zu den Frühlingsferien dauert das Projekt in der Wassergasse. Nach einem einführenden Orientierungsabend für die Eltern und einer Zwischeninformation wird am Schluss ein Fragebogen ausgeteilt. Noch gespannter als auf die Rückmeldungen darf man auf den ersten Tag im «alten» Kindergartenmodus sein. «Wie werden wohl die Kinder reagieren?», fragt sich auch Doris Zaugg.