Der Rittersaal des Von-Roll-Hauses am Kronenplatz war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Marianne von Roll, geborene Oetterli, unter der Schirmherrschaft der Akademie der Generationen gut 100 Besucherinnen und Besucher in die spannende Geschichte einer Solothurner Patrizierfamilie einweihte, die hauptsächlich durch das Söldnerwesen zu Ruhm und Reichtum gelangt war. «Man mag über die Söldnerwirtschaft sagen, was man will. Aber ohne das Patriziat wäre Solothurn nicht zu der Kulturstadt geworden, die sie heute ist», wehrte sie sich einleitend dagegen, dass die Zeit der fremden Kriegsdienste nicht selten mur als schwarzes Kapitel in der Vergangenheit der Stadt betrachtet wird.

Bis auf den letzten Platz besetzt war der Rittersaal, als Marianne von Roll aus der Familiengeschichte erzählte.

Bis auf den letzten Platz besetzt war der Rittersaal, als Marianne von Roll aus der Familiengeschichte erzählte.

Politische Schwergewichte

Die männlichen Von-Roll-Nachkommen bekleideten nämlich nicht bloss in französischen Diensten hohe militärische Grade, sondern besetzten über Jahrhunderte hinweg auch in der Stadt und im Kanton wichtige politische Ämter und machten sich als Wohltäter einen Namen, sei dies als Stifter von Kirchen und Klöstern oder als Unternehmer und Wirtschaftspioniere.

Bis ins Jahr 1285 reicht der Stammbaum der Familie von Roll zurück. Und seit mehr als 20 Generationen besitzt und bewohnt sie das Stammhaus am Kronenplatz, dessen Bausubstanz aus Sicht der Denkmalpflege noch immer einwandfrei ist.

Zwei wichtige Ludwigs

Für ihre Vorlesung pickte Marianne von Roll zwei Persönlichkeiten aus der Ludwig-Linie heraus, deren Werdegang und Lebensweise hervorsticht. Da war einmal der 1605 geborene Ludwig von Roll, Erbauer des Schlösschens Vorder-Bleichenberg und erfolgreicher Kriegsführer der Franzosen. Er war erst 36 Jahre alt, als ihn der französische König zum «gentilhomme de la chambre du roi» ernannte. Nach 23 Jahren im Dienst des französischen Königs liess er sich endgültig in seiner Heimatstadt nieder. Es war die Zeit, als der 30-jährige Krieg mit dem «Frieden von Münster» beendet wurde und die Schweizer Truppen vom König endlich hätten ausbezahlt werden sollen. Ihre Forderungen waren inzwischen auf über eine Million Gulden angewachsen.

Frankreich aber, ausgepresst von Kriegen, war pleite, und der neue König, Ludwig XIV, erst zehn Jahre alt. Statt Geld erhielten die Schweizer Söldner für nichtbezahlte Dienste deshalb gewisse Steuerrechte wie Steuererleichterungen im Handel, Immobilien, Minen und Salzkontingente und avancierten auf einen Schlag zu den begehrtesten Junggesellen in ganz Frankreich.

Ein teurer Morgenmantel

Wie die Referentin betonte, war dem Lebensstil des Ludwig von Roll ein Hang zu Luxus nicht abzusprechen. Er kaufte unter anderem einen Morgenmantel für 200 Gulden, Möbel, Silbergeschirr, Rösser, Schmuck und Innenausstattungen für seinen Steckhof in Solothurn, den er im französischen Stil in ein Schlösschen umbauen liess», hat Marianne von Roll in Erfahrung gebracht. Doch das war nicht alles. Nebst dem Kauf von unzähligen Handschuhen aus feinstem Ziegen- oder Hundeleder für seine Liebsten, liess er sich in Paris eine Kutsche bauen und stieg nur in den besten Herbergen ab.

Zudem liess er sich von französischen Hofmalern als grossen Kriegsherrn in Prunkausrüstung porträtieren. Eines dieser Porträts hängt immer noch im Von-Roll-Haus. «Aufgrund seines Lebensstils, aber vor allem wegen übermässigem Verzehrs von Fleisch und Trinken von Alkohol litt er wie viele Zeitgenossen an Gicht und Niereninsuffizienz und starb 1652 erst 47-jährig», so Marianne von Roll.

Und eine soziale Ader

Ganz anders verlief das Leben von Franz Peter Ludwig Leo, Freiherr von Roll von Emmenholz, der 1771 geboren wurde und sich dank seines Elternhauses, seiner humanistischen Erziehung und seiner Geschäftstüchtigkeit einen Namen machte. Aufgewachsen an der Aare im Palais Besenval gründete er einen Haushalt mit der reich begüterten Waise Maria Ludowika Karolina von Stäffis von Mollondin und wohnte im grossen Stäffiserhaus gegenüber von Franziskanern.

1797 galt er als reichster Solothurner. Ein Jahr später wurde er als Stadtkommandant gewählt und stand der höchsten Behörde des Kantons, der neunköpfigen Verwaltungskammer als Präsident vor. Neben seiner staatsmännischen Laufbahn gründete er 1823 die Aktiengesellschaft «Ludwig von Roll’sche Eisenwerke».

Seine soziale Ader war weitherum bekannt. Als dem Eisenwerk durch international bedingte finanzielle Schwierigkeiten der Konkurs drohte, verkaufte der Aristokrat all seine Betriebe und Liegenschaften, um die Löhne seiner Arbeiter zu zahlen und die Gläubiger zu befriedigen. Kein Wunder gilt er noch heute wegen seiner guten Ausbildung, seiner Menschlichkeit und dem Mut, Neues in Angriff zu nehmen, als umsichtiger, beliebter Staatsmann und als Gründer der modernen Eisenindustrie in der Schweiz.

Wie hatte doch Marianne von Roll in ihrer Einleitung etwas gewagt gesagt: «Ohne die beiden verschiedenen Ludwigs von Roll, einem typischen Söldner und einem genialen Patrizier, würdet Ihr vielleicht nicht hier sein.»