Solothurn
Offene Szene ist weg – die Dealer blieben

Dienstag, 6.September 2011. Um 14.15 erfolgte der «Donnerschlag». Er dauerte knapp 20 Minuten und hatte zum Ziel, den Drogenhandel am Hauptbahnhof Solothurn einzudämmen. Der offene Drogenhandel am Bahnhof ist seither zurückgegangen.

Simon Binz
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Rund ein Jahr nach dem «Donnerschlag». Im Bahnhof scheint es dank solcher Aktionen und verbesserter Koordination von Kantonspolizei, Stadtpolizei und anderer Organe, ruhiger geworden zu sein.

Hier halten sich deutlich weniger Schwarzafrikaner auf, die Passanten verunsichern. «Das stimmt, am Bahnhof scheint sich die Lage teilweise entspannt zu haben, zumindest im Moment», meint auch Ulrich Affolter. Er ist seit vielen Jahren Angestellter bei der Briefpost an der Zuchwilerstrasse.

In der Mittagspause schlendert er gelegentlich durch die Vorstadt. Dabei würden ihm die oft die vielen Schwarzafrikaner auffallen. «Ich sehe, wie sie sich auffällig verhalten und sich umschauen. Es ist offensichtlich, dass sie dealen.» Was ist an diesen Vermutungen dran? Diese Zeitung wollte es genauer wissen und fragte in der Vorstadt nach. Schnell wird klar:

Der Drogenhandel existiert, boomt und bewegt die Gemüter. «Von unserem Geschäft aus sehen wir die vielen Schwarzafrikaner am ‹Aaremürli›.

Man sieht ja nicht wirklich, wie sie ihre Geschäfte abwickeln, aber irgendwie weiss man es halt: sie dealen», sagt Pharma-Assistentin Meli Nuredini von der Bahnhof-Apotheke.

Bevölkerung verunsichert

Ins selbe Horn bläst Doris Oesch, Mitarbeiterin der benachbarten Konditorei Trüssel: «Es ist wohl kein Geheimnis, es wird gedealt.» Der Handel ist das eine, die Verunsicherung das andere:

«Wenn ich nachts den Kreuzackerplatz überquere, beschleicht mich schon ein mulmiges Gefühl, wenn überall dunkelhäutige Männer stehen. Ich will diesen nicht unrecht tun und bisher habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Aber es scheint, als werden es immer mehr.»

Ramona Häfeli, die im Ramada Hotel am Empfang arbeitet, beschreibt die Situation etwas gelassener. «Klar sehen wir die Männer an der Aare sitzen. Bisher hatten wir aber keine Probleme und auch unsere Gäste haben sich bisher nie beschwert.» Aber auch für Häfeli ist klar: «Es wird gedealt.»

Gewerbeschule als «Zentrum»

Rolf Schütz, Direktor des Berufsbildungszentrums Solothurn/Grenchen, spricht Klartext: «Eine Mitarbeiterin hat mir erzählt, sie meide das ‹Aaremürli› inzwischen, weil sie dort oft von besagten Männern blöd angemacht wurde.»

Das Gewerbeschulhaus habe sich «zu einer Art Zentrum» entwickelt; Dealer würden auf dem Schulareal Depots und Umschlagplätze unterhalten, so Schütz.

Unter anderem sei auch schon Hehler-Ware gefunden worden, und der Hauswart beobachte immer wieder die offen stattfindenden Geschäfte. Besonders schlimm sei die Situation am Abend, wenn das Reinigungspersonal das Areal verlasse. Schütz: «Die Frauen getrauen sich nicht mehr alleine zum Parkplatz und müssen vom Hauswart begleitet werden.»

Diese Situation sei sehr belastend für alle. Mehrfach sei die Polizei eingeschaltet worden, doch die Dealer seien gut organisiert und hätten beim Eintreffen der Polizei meist das Feld bereits geräumt. Nun bleibe abzuwarten, wie sich die Neugestaltung des Kreuzackerparks auswirken werde.

«Auch wir bemerken, dass das Problem in der Vorstadt ein ganz neues Ausmass annimmt», stellt Martin Tschumi, Präsident der Vereinigung «Pro Vorstadt» und Filialleiter der Dropa Drogerie Tschumi, fest. «Um den Drogenhandel wird kein Hehl gemacht – er scheint das Normalste auf der Welt zu sein.»

Viele Schwarzafrikaner

Im Quartier habe es enorm viele Schwarzafrikaner, und es scheine, als hätten sich diese ein Netz aufgebaut. «Ich verdächtige nicht all diese Personen pauschal, aber Einzelne kann man klar als Dealer erkennen.

Wir haben auch schon mitgehört, wie vor unserem Geschäft gedealt wurde. Diese Entwicklung muss man wieder in den Griff bekommen, bevor es ausartet», so Tschumi.

Die Polizei zeigt seiner Ansicht nach genügend Präsenz, wirke aber bisweilen recht machtlos. «Offenbar sehen die Dealer das Ganze als eine Art Katz-und-Maus-Spiel. Sie scheinen sich über die hiesigen Gesetze lustig zu machen – und das sollte man nicht einfach so hinnehmen.»

Waren es zu Zeiten der offenen Drogenszene die Konsumierenden, die Diskussionen und Unsicherheit in der Bevölkerung auslösten, sind heute die Dealer das Hauptproblem.

Und der Tenor in der Bevölkerung scheint klar: Es muss etwas geschehen. Gefordert sei Bundesbern mit der Asylpolitik, so Tschumi, «aber ich finde auch die Stadt müsste eventuell neue Wege gehen, um Problemen entgegenzuwirken».

Nachfrage bestimmt das Angebot

Der Drogen- insbesondere der Kokainhandel wird weiterhin blühen, denn die Nachfrage bestimmt das Angebot. «Und solange die Drogen illegal sind und nicht in einer Apotheke oder sonst wo legal gekauft werden können, wird auch der Handel auf der Strasse Bestand haben», erklärt Karin Stoop, Geschäftsleiterin der Perspektive Region Solothurn, die Situation klipp und klar.