Solothurn
Obst auf dem Rossmarktplatz: «Unser Ziel ist es, einen guten Tafelapfel zu züchten»

Am Obsttag auf dem Solothurner Rossmarktplatz wurde allerhand Wissenswertes vor allem um den Apfel vermittelt.

Wolfgang Wagmann
Drucken
Teilen
Obsttag in Solothurn
9 Bilder
Am Obsttag gibts auch Gemüse
Apfel sind auch zum Kaufen da
Jeder Apfel schmeckt anders
Auch gluschtigi Öpfuchüechli sind zu haben
Der Rossmarktplatz hat sich als odealer Standort für den Buechibäreger Märet etabliert
Einige Hochstammbäumchen wachsen gleich neben dem Dornacherbrunnen
Niklaus Bolliger aus Hessigkofen züchtet neue Apfelsorten
Bereit zum Degustieren

Obsttag in Solothurn

Wolfgang Wagmann

Unbegreiflich, dass die Menschheit wegen eines Apfels das Paradies verloren haben soll. Allerdings - Äpfel sind eine Sünde wert. Beispielsweise in der Form von öltriefenden Öpfuchüechli, die am Obsttag am Rand des Rossmarktplatzes im Akkord ausgebacken werden. Und natürlich von der obligaten Vanillesauce begleitet werden. Zu haben sind die Äpfel auch gepresst als Most oder als Apfelrösti.

Doch die eigentliche Augenweide sind die Früchte, wie sie vom Baum stammen. «Wir haben hier gegen 30 meist alte Sorten wie Boskoop, Berner Rosen oder Sauergrauech», zeigt Beatrice Wyss auf das Farbenmeer in den grünen Kisten, in der sich auch Exoten wie die Süsskartoffeln verirrt haben. «Sie sind in diesem Sommer besonders gut geraten und werden von unseren Kunden sehr geschätzt», so Wyss, die zusammen mit ihrem Bruder Bernhard für die Organisation des Obsttags verantwortlich ist. Der Buechhof in Leuzigen setzt seine Produkte auf den Wochenmärkten und dem Buechibärger Märet jeden Donnerstag ab. «Wir sind halt schon sehr Solothurn-orientiert», erklärt Beatrice Wyss.

Hochstamm als Heimat

Nicht weniger als 60 Apfelsorten liegen zur Degustation bereit, darunter auch zwei, drei recht «munzige» Sorten. «Das sind Hochstamm-Sorten», verrät Beatrice Wyss. Auch von ihnen habe man eine reichliche Ernte eingefahren, obwohl viele Landwirte wegen der Aprilfröste grosse Einbussen zu beklagen gehabt hätten. Vier Bäumchen stehen neben dem Dornacherbrunnen, eine kleine Hochstamm-Plantage «sur place», angelegt durch die Landwirte André Ziegler und Bernhard Wyss.

Hochstammbäume sind in mehrfacher Hinsicht für den Apfel sehr wichtig: Einerseits bieten sie Lebensraum für seltene Vögel wie den Steinkauz, Grauspecht oder den Wiedehopf, andererseits sind sie ein Reservoir von Genen, die für die Weiterzucht von neuen Sorten unverzichtbar sind. Sie sollen möglichst pilz- und feuerbrandresistent sein, aber den Geschmack der alten Sorten behalten. «Die Resistenzen ändern sich ständig, darum ist die Zucht so wichtig», weiss auch Beatrice Wyss.

So schön, wichtig und nützlich die Hochstammbäume sind, sie haben es schwer gegen ihre niedere, strauchartige Konkurrenz: Die höheren Bäume sind ebenso schwierig zu pflegen wie abzuernten – und deshalb trotz Bundesbeiträgen letztlich unrentabel.

Der Herr der Apfelkerne

Er kennt sich in der Welt der Äpfel aus wie kaum ein Zweiter: der Agronom-Ingenieur ETH Niklaus Bolliger aus Hessigkofen – bekannt in Solothurn auch als baumlanger Marktfahrer mit seinem unverkennbaren «Tschäppi». Inzwischen könne er sich zu 80 Prozent der Apfelzucht widmen – dies dank dem Verein Poma Culta. der die Forschung auf dem Gebiet des biologisch-dynamischen Obstbaus vorantreibt und dessen Geschäftsführer Bolliger ist. Dank dem guten Fundraising des Vereins sei die Schwerpunktbildung bei der Apfelzucht möglich, aber, räumt Bolliger offen ein, «wer reich werden will, der soll sich lieber Euro-Lose kaufen».

In Schnitzen liegen die Objekte der Begierde, einige seiner Neuzüchtungen, bereit. «Hier die süssen», zeigt der Züchter vor sich auf einen tranchierten Apfel hin, «dort drüben eher die säuerlichen Sorten, aus den Glockenäpfeln gezüchtet.» Der Selbsttest ergibt ein klares Plus für die ungemein schmackhafte Sorte «Soletta», eine inzwischen recht ertragreiche Sorte von Bolliger, die er sogar ab und zu am Wochenmarkt zum Verkauf anbieten kann. Die Namensgebung geht manchmal seltsame Wege, «so wurde aus der ursprünglich einfach mit dem Begriff BB3 bezeichneten Sorte der Name Brigitte B kreiert», erklärt Niklaus Bolliger mit einem breiten Grinsen.

Nur tausendfach von Wert

In den neunziger Jahren begann der Agronom mit der Apfelzucht, und inzwischen hat er auch eine internationale Zusammenarbeit mit den Apfelanbauregionen Nantes in Frankreich, Südtirol, Bodensee und Altes Land in Deutschland, dem niederländischen Zeeland sowie verschiedenen Schweizer Anbau-Gebieten vorangetrieben. Interessant übrigens, dass Niklaus Bolliger in der Schweiz seine neuen Sorten frei benamsen darf, wie er will. Ganz im Gegensatz zur EU, wo eine zentrale Meldepflicht bestehe. «Ich kann den Namen aber auch bei der Agroscop in Wädenswil registrieren lassen», zeigt er eine Alternative auf. «Unser Ziel ist es, einen guten Tafelapfel zu züchten» – und zwar für den Hausgarten.

Die Zucht ist akribische Serienarbeit – bis zu 25'000 Apfelkerne pflegt und hegt Bolliger jährlich, «3000 bis 4000 braucht es schon, damit eine Sortenreinheit erzielt wird.» So bestäubt der Züchter selbst die männlichen Apfelkerne, «und da muss man schon sehr aufpassen, dass nicht vorher oder nachher noch ein Tierchen drein-pfuscht», weiss der erfahrene Fachmann. Denn letztlich ist der Apfel halt immer wieder das, was seine Schönheit und seinen Geschmack ausmacht: Natur pur.

Aktuelle Nachrichten