Theater Biel Solothurn

Nur manchmal scheint sich der lastende Nebel zu lichten

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Die Premiere des Familiendramas «Eines langes Tages Reise in die Nacht» des amerikanischen Dramatikers Eugene O’Neill in der Rythalle Solothurn war keine leichte Kost.

«Das Schicksal entspringt aus der Familie», notierte der amerikanische Dramatiker Eugene O’Neill (1888– 1953) einmal. Im Familiendrama «Eines langen Tages Reise in die Nacht» verarbeitet er seine eigene Jugend, spiegelt sich in der Rolle des jüngsten Sohnes Edmund. Eine Art Zwangsbeichte. Er habe nun endlich mit seinen Toten reden und dieses Schauspiel schreiben können, so O’Neill in einem Brief.

Von morgens bis Mitternacht innerlich unterwegs sind Vater, Mutter, zwei Söhne: Der verhinderte Shakespeare-Schauspieler und Geizhals James Tyrone (Günter Baumann), Mary (Barbara Grimm), die eigentlich Nonne oder Pianistin werden wollte, der heruntergekommene Jamie (Jan Philip Walter Heinzel) und der tuberkulosekranke Dichter Edmund (Matthias Schorch).

Die Männer sind Alkoholiker, die Mutter ist Morphinistin: Sucht als Familienfluch. Unterwegs sind sie im diffusen Nebel von Erinnerungen, Schuldzuweisungen, Zorn. Vergangenheit wird aufgerollt und offenbart, niedergemacht, als Waffe gegen den anderen verwendet. Verzweifelter Glaube an den anderen, Enttäuschung.

«Von einem Schlaf umringt»

Keiner will dieses Leben: So kommt der jüngste Sohn Edmund von einem Spaziergang im Nebel zurück, von der Suche nach einem Ort, «wo sich das Leben selbst verbergen kann». Shakespeare wird zitiert: «Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind, und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.» Klarheit des Bewusstseins ist in diesem Dunstkreis nicht möglich.

Nur Edmund, der Dichter, erzählt von einem hellen Moment im Mastkorb eines Schiffes, während dem sich ihm der Sinn des Lebens kurz erschlossen hatte. Kontrast: Das Hausmädchen Cathleen (Miriam Strübel) hüpft – von den ganzen Familiendramen unberührt – dumm, dafür glücklich, durch den Gefühlssumpf.

Manchmal scheint sich dieser lastende Nebel etwas zu lichten, Zuneigung, Liebe für den anderen bricht durch: «Ich mag dich eben doch, trotz allem.» Doch: Kein Grund zur Hoffnung auf einen neuen, besseren Tag. Jeder bleibt in seiner – auch vom Rausch – umschlossenen Einsamkeit gefangen. So sehr, dass keiner merkt, dass der kranke Edmund am Schluss des Stücks zum Sterben aufbricht.

Mitgefühl statt Schuldfrage

Eugene O’Neill stellt in «Eines langen Tages Reise in die Nacht» nicht die Frage nach Schuld. Denn, wie Mary öfters sagt, man könne nichts dafür, was die Vergangenheit aus einem gemacht hat. Im zuvor erwähnten Brief schreibt O’Neill weiter, es sei ihm möglich gewesen, das Schauspiel «mit dem tiefsten Verständnis und Mitgefühl für alle in der heimgesuchten Familie Tyrone zu schreiben».

Kein leichter Stoff, aus dem Theaterabende sein können. Doch die kluge Inszenierung des polnischen Regisseurs Janusz Kica, die oft an wechselnde Familienaufstellungen erinnert, und die – einmal mehr – überzeugenden Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles vermitteln ein beklemmendes, aber berührendes Theatererlebnis, dem sich der Zuschauer, nach einer «Anwärmphase», zunehmend nicht mehr entziehen will.

Das Bühnenbild (Karin Fritz) erinnert durch Lichtführung und Farbgebung geschickt und passend an Werke des Malers des amerikanischen Realismus, Edward Hopper (1882– 1967), lässt sie lebendig werden.

Weitere Aufführungen: Dienstag, 25. Februar; Samstag, 22. März; Mittwoch, 26. März; Freitag, 28. März; Donnerstag, 10. April, und Dienstag, 6. Mai. Jeweils um 19.30 Uhr in der Rythalle Solothurn.

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