El Contrabando
«No Tears» – keine Tränen, dennoch viel Expressivität

Mit ihrer neuen Produktion ist El Contrabando im Haus der Kunst zu Gast. Am Mittwoch Abend war die Premiere.

Eva Buhrfeind
Drucken
Teilen
«No Tears» heisst die neue Produktion der Compagnie Contrabando. Eine zentrale Rolle spielen darin Notenständer.

«No Tears» heisst die neue Produktion der Compagnie Contrabando. Eine zentrale Rolle spielen darin Notenständer.

Tom Ulrich

Die Gesellschaft ist seit unendlichen Zeiten ein irrational agierendes Orchester, mal stimmig, meist dissonant, mal laut, mal leise, mal klangvoll, mal bedrohlich. Die Zeiten haben sich nicht geändert, durch die sozialen Medien werden Bedrohungen, Terror, Fremdenhass, Verfolgung von Ethnien und Religionen, Gewalt, Angst unmittelbarer geäussert, ohne dass sich etwas ändern würde. Wer schwingt den Dirigentenstab, wer spielt überhaupt mit und wie? Wer führt Regie, wer instrumentalisiert und wer lässt sich manipulieren? Fragen immer wieder und heute ebenso aktuell wie undurchschaubar.

Eigenwillig bewegte Körperformationen

«No Tears» ist die neue Produktion von El Contrabando, eine intensiv aufgeladene 90-minütige Tanzinszenierung für fünf Personen, die eigenwillig bewegte Körperformationen und -berührungen, Dinge, Texte, konzentriert eingesetzten Flamenco, allegorische Musik, Lichteffekte (Konzept Stefan Haller), assoziative Bilder, Bühnennebel, szenisch umgesetzte und wandelreich betanzte Zitate zu einem bewegten Spannungsbogen orchestriert. «No Tears» bespielt vor allem jene Momente der Bedrohung, Gewalt und Hoffnungslosigkeit, wenn alle Tränen vergossen sind, wenn die Ambivalenzen und Polaritäten, die Verstrickungen, Lügen und Wahrheit, Gut und Böse, die Bedeutung des Menschseins in undefinierbare Grauzonen zerfliessen.

Nur 40 Plätze pro Aufführung

Weitere Daten 13. bis 22. August, jeweils Mittwoch bis Samstag, 20.30 Uhr. Abendkasse und Bar ab 19.45 geöffnet. Die Anzahl Plätze sind aufgrund der aktuellen Coronaregeln auf 40 beschränkt. Die frühzeitige Ticketreservation wird empfohlen.

Möglich ist dies unter: info@hausderkunst.ch. Hygienemasken sind bei Bedarf vor Ort vorhanden. Diese Tanzinszenierung wurde in enger Zusammenarbeit mit Reto Emch und dem Solothurner Sounddesigner Pedro Haldemann erarbeitet. (eb)

Als Anschlussstück zu ihrem vorherigen Stück «Kalasnikova» konzentriert sich El Contrabando unter der Regie von Anet Fröhlicher auf die Beziehungen und Widersprüchlichkeiten von Gewalt, Folter und Verletzlichkeit, auf Täter und Opfer, referenziert szenische Zitate aus «Kalasnikova» wie aus persönlich reflektierten Alltagsbildern. Gebärdenreich ist der gefühlvoll verzerrte Tanz zu Brahms 1. Klavierkonzert, expressives Tanzgeschehen, das in introvertierte Momente der Bewegungslosigkeit übergeht, aufgebrochen vom Flamenco-Stakkato als Inbegriff des Aggressiven und einer zuweilen ballettösen Poesie.

30 metallene Notenständer stehen auf der Bühne

Wie überhaupt diese Choreografie von aktuellen Zitaten lebt, vom sinnbildhaften Wechsel von laut und leise, von Ekstase und Innehalten, vom emotional ausgelebten Ausdruckstanz und harten Flamenco, von einem stringenten Geschehen mit einfallsreichen Wendungen in einem puristisch zeichenhaften Bühnenbild. Denn für diese bizarre Orchestrierung hat Reto Emch im Haus der Kunst die schwarzbodige Bühne mit 30 metallenen Notenständern bestückt.

Notenständern als wirkungsvolles Instrument, das als eine Art Spinnennetz beginnt, bedrohliche Örtlichkeiten neu definiert und als gefängnishafter Grenzzaun Unorte generiert, in denen die Tanzenden mit dem Substanziellen, mit Verhören, Richtern, Folter, Wunden, Narben und um gegenseitige Hilfe ringen. Die Musik führt sie, das Rattern des Licht-Tickers mit den kryptischen Fragmenten gleitet über sie hinweg, der unerwartete Flamenco-Rhythmus intoniert monoton das Gewaltbereite, flink gewechselte militärische Tarnbekleidung steigert das kriegerische Moment bis eben zum poetischen Finale.

Tom Ulrich

«No Tears» erzählt nicht einfach, sondern zeichnet düstere Metaphern menschlichen Verhaltens, von Angst, Verletzlichkeit, magerer Hoffnung und visionärer Poesie: «Nobody’s Fault But Mine» singt Ry Cooder und der Tänzer in seinem langen schwarzen Rüschenrock gerät fast surreal in ein beschwörendes Ringen mit dem eigenen Schatten von Schuld und Unschuld.

Die Tanzenden spielen mit einem Metallstab Geige auf ihrem Unterarm, pflegen gegenseitig ihre Wundmale, Gleichklang versus Disharmonie. Bühnennebel steigt symbolhaft auf, Theatralisches wird sichtbar. «Down There Where The Spirit Meets The Bone» singt die amerikanische Countrysängerin Lucinda Williams kurz vor Ende des Stücks, und mahnt «compassion» an: Mitgefühl, Verständnis, Seele, Miteinander, nicht Gegeneinander. Und dann werden die Flamencoschuhe wie bei «Kalasnikova» in die Ecke geworfen, ein Akt der Befreiung auf dem Weg zum orgiastischen Finale wandelt die Tanzgruppe in eine hoffnungsvolle, von innen leuchtende Verpuppung.

Aktuelle Nachrichten