Stadtbummel Solothurn

Nichts da von wegen Blamage ...

Sonnentanken am Aaremürli. Sonst unproblematisch. Doch heuer ...

Sonnentanken am Aaremürli. Sonst unproblematisch. Doch heuer ...

Rue de Blamage. So nennen Solothurnerinnen und Solothurner ihr Aaremürli. Am Wochenende schien dieser Name aber eine ganz neue Bedeutung zu erhalten.

Darum ging’s: Zur gewohnten sonntäglichen Ruhe in der Altstadt legte sich – vor allem, wenn man im Wissen um die aktuelle Corona-Situation hinschaute – auch gespenstische Stille. Leere Stühle vor Beizen, ausgestorbene Gassen. Soll man überhaupt noch aus dem Haus? Wie geht es nach dem Wochenende weiter, am Arbeitsplatz, mit den Kindern? Und was ist mit den Geschäften in unserer Stadt?
Nichts davon zu spüren war am Aaremürli. Ein letztes Mal – am Dienstag mussten Beizen und Bars bekanntlich schliessen – tranken Besucherinnen und Besucher Kaffee und Bier an der Sonne. Übrigens auch die Autorin des Textes, die sich mit der Familie zum Jassen traf. Ein letztes Mal so richtig frische Luft tanken, über andere Dinge als Corona reden, ein Trinkgeld in der Bar lassen. Pièce de résistance könnte man sagen. Die meisten fanden aber: Rue de Blamage.

Nicht direkt vor Ort. Sondern im Netz. Dort stellten Personen, die vor Ort ein Foto schossen, um das dann hochzuladen, die Aare-Besuchenden an den Pranger. Was zu zahlreichen hässigen Kommentaren führte. Wobei es niemanden interessierte, dass sich die «Menschenmasse» an der freien Luft befand und dass man auch dort Abstand- und Hygienevorschriften einhalten kann. Klar war – obschon der Bar-Besuch am Wochenende noch erlaubt war: Das geht nicht – das ist schlimm – diese Jungen wieder, so verantwortungslos. Über Märet-Besuchende und Menschen, die am Wochenende noch geöffnete Geschäfte besuchten oder sich irgendwie sonst draussen bewegten – wie diejenigen, die das Foto der Rue de Blamage schossen – war nichts Derartiges zu lesen.

Es herrscht Krise – und sie betrifft alle. Klar hält man sich an die Regeln. Klar steckt man selber zurück, verzichtet, um die vorgegebenen Massnahmen umzusetzen und Menschen, Gesundheitssystem und Wirtschaft zu schonen.

Dafür sollten wir jetzt unsere vorhandene Energie einsetzen. Nicht aber, um Diskussionen im Netz zu führen. Jeder weiss es besser und kann irgendetwas über Corona schreiben. Derzeit werden etwa Rentnerinnen und Rentner zusammengestaucht, die es wagen, das Haus zu verlassen. Das bringt niemandem etwas. Ausser zusätzlicher, unnötiger negativer Energie.

Wie man Energie positiv bündeln kann, beweist dieser Tage dafür eine Gruppe Solothurnerinnen und Solothurner – auch im Netz. Man hat sich organisiert, um Nachbarschaftshilfe im grossen Stil aufzuziehen. Diese positive Energie ist über die Gemeindegrenzen hinausgeschwappt, es wird Unterstützung beim Einkaufen oder Kinderbetreuen angeboten. Nichts da also von wegen Blamage.
Chapeau.

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