Regentage

Nicht alle sind unglücklich über das «Hudelwetter» in Solothurn

Der blaue Himmel hat sich über Solothurn schon lange nicht mehr gezeigt. Gut, dass die Barockstadt mit vielen Restaurants, dem Naturkundemuseum und dem Turm der St. Ursen-Kathedrale auch bei schlechtem Wetter etwas zu bieten hat.

«Hier riechts nach Kaffeerösterei.» Das deutsche Touristenpärchen auf dem Kronenplatz streckt geniesserisch die Nase in den Wind. Die beiden haben Glück: Es könnte auch nach Essig «duften».

Und Regen liegt ebenfalls in der Luft, an diesem kühlen Julimorgen in Solothurn. Zwei Damen sind ohnehin schon mit offenen Schirmen bewaffnet: «Wo gehts denn hier zur Kaffeehalle»?

Renate Zweifel und Josy Hug aus dem Glarnerland wissen nicht viel von Solothurn. Ausser, dass es da mal «ein Brandattentat auf die Kathedrale gegeben hat». Und gelegentlich habe man Kontakt zum Antoniushaus.

Sonst ist Solothurn ein Zufallstreffer: «Eigentlich wollten wir auf den Bürgenstock. Aber bei dem Wetter, nein, da haben wir uns für Solothurn entschieden. Da waren wir noch nie.» Die Tageskarte der Gemeinde sei halt jetzt, am 9. Juli frei gewesen, und das wollen die beiden Entdeckungslustigen ausnutzen. Es gebe doch da ein Schiff?

Leider kein guter Tipp kurz vor dem Mittag, wenn die Rückfahrt nach Linthal und Schwanden in knapp fünf Stunden fällig ist. Aber für die Kaffeehalle, ein gutes Mittagessen und die St.-Ursen-Kathedrale reichts auf jeden Fall. Und sonst ist Solothurn ja nochmals eine Reise wert.

Hit für die Hundstage

Das Glarner Duo hat neben dem Wetterpech auch Glück. Es ist noch Märet in Solothurn. Wobei: «Touristen schauen sich meist nur um. Bei schlechtem Wetter und in den Ferien kommen weniger Leute.

Nur die Stammkunden sind immer da.» Für Denise Reinhart ändern sich bei kühlem Regenwetter aber auch die Einkaufsgewohnheiten: Rüebli, Härdöpfu und Lauch sind mitten im Sommer plötzlich gefragter als Tomaten und Salate. Dabei wäre der Regen gut fürs Gemüse, «aber mein Mann sollte noch heuen» – oben auf dem Heissackerhof zwischen Rüttenen und Oberdorf. Doch die Hundstage werden kommen, und die Bäuerin hat einen entsprechenden Märet-Hit: «Junge Hunde zu verkaufen!» Drei wärens noch, drei sind schon weg.

Vorne am Märetplatz kann Niklaus Rust mit dem Schlechtwetter-Einbruch nichts anfangen. Kaum jemand mag draussen sitzen. Dafür findet Chris van den Broeke, Geschäftsführer des Zunfthauses zu Wirthen, die feuchte Kühle «sensationell» fürs Geschäft.

Mit nur 45 Aussen- dafür 90 Innenplätzen profitiert er vom Tief Michaela. «Es lief schon letztes Jahr im verregneten Juni sehr gut. Die Leute kommen essen, statt ein Sandwich zu kaufen und an die Aare zu sitzen.»

Kein Sommerloch mehr

Eine Touristenattraktion für sich ist der Cherzejeger. In seinem gediegenen Altstadtladen mit dem Charme des 19. Jahrhunderts hat Urs Jeger in den letzten zwei Tagen «nicht besonders viele Kunden» gesehen.

Wenn es gar zu nass werde, haperts eben doch mit dem Lädele. Genauso, wenn es sonnig und heiss ist. «Ideal wäre es für uns, wenn es trocken, aber nicht all zu heiss ist», meint der Geschäftsmann.

Dann könne man die Ware auch draussen, vor dem Ladeneingang präsentieren, «und die Leute sind vor allem gut drauf». Allerdings seien die Sommer nicht mehr zu vergleichen mit jenen vor noch wenigen Jahrzehnten. «Damals war in den Uhrenmacherferien die Stadt wie ausgestorben. Jetzt hat es in Solothurn immer Touristen.»

Gibts hier kein Bähnli?

Chris van den Broeke meint, dass es in den ersten zwei Ferienwochen immer am ruhigsten sei: «Dann sind die Einheimischen fort und kommen erst Ende Juli wieder zurück.» Doch offenbar kompensieren die auswärtigen Besucher das «Heimpublikum» weitgehend.

Im Tourist Center am Kronenplatz ist es jedenfalls nicht einfach, ein Gespräch zu führen – es geht zu und her wie in einem Bienenhaus. «Doch, wir haben ständig Tagestouristen, letzthin auch englischsprachige», bestätigt Cornelia Messerli, was die ständig auf und zugehende Eingangstüre beweist.

«Um halb drei können Sie sich der öffentlichen Stadtführung anschliessen.» Zum Glück ist Mittwoch, am Samstag gäbe es auch noch eine. Ohnehin wird schon zwei gebuchten Gruppen draussen auf dem Kronenplatz die St.-Ursen-Kathedrale in- und auswendig erklärt.

Die Fragen und Wünsche an das Office-Personal sind vielfältig, und nicht alle können erfüllt werden. Cornelia Messerli: «Letzthin wollten zwei Herren allen Ernstes im Hotel Krone übernachten.»

Eine der meistgehörten Fragen neben der zur Velo-Wanderroute sei (natürlich) die nach einem öffentlichen WC. Dann aber auch: «Wie komme ich auf den Weissenstein?» Oder die Frage nach dem Schiff – das sei für die Leute sehr wichtig.

Das gilt auch für das Erklimmen des St.-Ursen-Turms. «Die Turmwarte holen dreimal in Woche Info-Material bei uns.» Und zum Erstaunen des Touristik-Personals kommt auch ständig ein besonderes Thema aufs Tapet: «Viele Besucher haben das Gefühl, in Solothurn müsse es ein spezielles Stadt-Bähnli oder einen Sightseeing-Bus mit offenem Verdeck geben. Aber dafür sind wir doch viel zu klein», meint Cornelia Messerli – immerhin, zu HESO-Zeiten oder am zweiten Adventsverkauf wäre auch dieser Wunsch noch erfüllbar.

Kindermagnet Naturmuseum

Als absoluter «Ich-schlag-dem-Regen-ein-Schnippchen-Hit» entpuppt sich aber das Naturmuseum am Klosterplatz unten. Drinnen herrscht ein Gewimmel von Kindern und wenigen Erwachsenen.

Parkierte Kinderwagen stehen zwischen Bär und Steinbock; ein kleiner Bub will unbedingt wissen, wie heftig der Igel am Boden «stüpft». Alltag für Bernadette Beer am Eingangsempfang, wenn Ferien sind und oder ein Regennachmittag.

«Heute sind noch die Kitas da», erklärt sie den aktuellen Rummel, «aber wir haben immer wieder Touristen, auch aus der Romandie.» Nur wenn es heiss sei, dann gebe es schon ruhige Tage im Naturmuseum, das vor allem Kindern viel Spass macht. «Denn», betont Beer, «hier drinnen ist alles selbsterklärend».

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