Solothurn

Neuseeländer gastiert schon zum zweiten Mal im Alten Spital

Glen Hayward geht verspielt, aber auch tiefgründig ans Werk.

Glen Hayward geht verspielt, aber auch tiefgründig ans Werk.

Zum zweiten Mal stattet der Neuseeländer Glen Hayward Solothurn einen Besuch ab. Bereits jetzt stehen seine Pläne – für ein verwirrendes und zugleich faszinierendes Kunstprojekt.

Unter den Gastkünstlern, die das Alte Spital im Dreimonatsturnus für einen Aufenthalt nach Solothurn holt, ist er der Wiederholungstäter. Glen Hayward aus Neuseeland ist hier bereits zum zweiten Mal zu Gast, da er in seiner Heimat zum wiederholten Male den Preis der James Wallace Arts Trust Foundation gewonnen hat. Über diese Kunststiftung kommt nämlich jährlich ein neuseeländischer Kunstschaffender in den Genuss eines Atelieraufenthalts im Alten Spital – um sich hier im Domizil hoch über der Aare vom Tapetenwechsel inspirieren zu lassen.

Malerleinwand als Resultat

Obwohl im aktuellen Fall die Inspiration bewusst wenig bis nichts zum Endergebnis beitragen wird, wie der 41-Jährige bereits jetzt ankündigt: So haben sich seine Pläne bereits auf ein Ziel hin konkretisiert. Hayward wird in Holz eine Malerleinwand nachbilden, die gewobene Struktur Punkt für Punkt nachmalen und dabei auch die räumliche Tiefe der Leinwandtextur wiedergeben. Ein Bürostuhl beschwert zurzeit die Oberfläche des rohen Holzblocks, um die natürliche Einbuchtung einer richtigen Leinwand zu simulieren. Provisorischer Arbeitstitel: «Dots per Inch» –  «Punkte pro Zoll». «Es ist ein fast schon obszönes Ausmass an Arbeit, um einen so geringen bis nichtigen Effekt zu erzielen», gibt Glen Hayward selbst zu. «Und doch hat es was Meditatives», meint der Künstler schmunzelnd mit der Aussicht, stundenlang Pünktchen zu malen. Es ist ein Vorhaben, das keine Ablenkung, keine Zufälle als Inspiration erfordert, sondern lediglich Fleiss und Können.

Frech und verwirrend

Nicht zuletzt wirkt Haywards Projekt wie ein Befreiungsschlag von der Erwartung, nach drei Monaten auf ein schöpferisches Ergebnis gelangt zu sein. Zudem scheint seine geplante Sisyphusarbeit das allgemeine Diktat der Effizienz und Wirtschaftlichkeit zu hinterfragen. Hayward selbst verweist auf das fast freche Projekt «1000 hours of staring» des US-Amerikaners Tom Friedman; eine weisse Malfläche, die ihren Namen dadurch erhalten hat, dass der Künstler 1000 Stunden darauf gestarrt haben soll. Nun ist Hayward mit seinem Projekt nicht ganz so unverfroren, lässt sich doch die aufgewendete Kleinarbeit belegen und wirkt authentisch und durchdacht.

Die Nachbildung realer Objekte – im Kunstjargon «ready made» oder «objet trouvé» genannt – ist denn auch das Markenzeichen des Neuseeländers. Das war auch schon im Sommer 2011 so – während seines ersten Aufenthalts. Damals erschuf er hölzerne Nachbildungen von Zigarettenstummeln, von Tuchhaken oder von zerknitterten «Öufi»-Bierdeckeln. Umgekehrt hat er dieses Mal kleinere Exemplare aus seiner Heimat im Gepäck.

Eine Musikkassette, eine Pappnase und ein Kamm bilden ein Gesicht mit Schnurrbart, oder ein rostiger Türknauf. «Was ist daran Kunst?», mag sich der Betrachter jeweils ungläubig fragen, bevor er mit zusammengekniffenen Auge die minuziös nachgebildete «Fälschung» aus Holz als solche enttarnt, fasziniert den Blickwinkel ändert und sich im Falle des Bierdeckels geschmeichelt fühlt, wie viel «Solothurn» der Künstler in sein Schaffen packt. Die Geschichte der Objekte ist denn auch zentrales Thema in Haywards Arbeit. Durch die künstlerische Auseinandersetzung legt er die sozialen und kulturellen Wurzeln frei, die dem Gebrauch eines Alltagsgegenstands innewohnen. So nämlich geht Hayward den Dingen wortwörtlich auf den Grund.

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