«Es gefällt mir. Und es ist ruhig hier.» Auch der Haupt-Arbeitsweg ist für den neuen Stadtpfarrer Thomas Ruckstuhl ein kurzer: Vom Pfarrhaus zur St. Ursen-Kathedrale einige, allerdings happige Treppentritte hinten. Oder vorne über die Haupttreppe. «Ein sehr schöner städtischer Raum, der auch belebt sein soll.» Der Blick aus dem repräsentativen Sitzungszimmer des Pfarrhauses führt hinaus auf die gotischen Fensterbogen und das Steildach der St. Peterskapelle. Noch wartet das Kruzifix auf seinen gebührenden Platz an der Wand, stehen vollgepackte Bananenkisten herum. Und draussen noch ein Solothurn zum Entdecken. «Ich kenne vor allem die Baselstrasse», lacht der 49-jährige Theologe. «Denn ein bis zweimal pro Woche war ich beim Bischof.» Dieser hat ihn berufen, auf die seit April 2015 verwaiste Pfarrstelle im Bistumssitz. «Bischof Felix hat mich gefragt, ob ich das Amt übernehmen will.» Und Thomas Ruckstuhl sagte spontan zu. «Nach 17 Jahren in der Ausbildung wollte ich wieder etwas anderes machen. Eine Pfarrei übernehmen.» Doch warum hat es zweieinhalb Jahre gedauert, ehe die abrupte Vakanz von Vorgänger Niklas Raggenbass beendet werden konnte. «Es musste zuerst meine Nachfolge geregelt werden.» Als Regens in Luzern folgte ihm schliesslich Agnell Rickenmann aus Oberdorf. Die Rochade war perfekt. Thomas Ruckstuhl, der sich übrigens nicht für den Stadtpfarrer-Posten beworben hatte: «Ich habe nicht lange überlegt. Und für Bischof Felix war es eine interessante Lösung.»

Ein junges Team

Für Solothurn sicher auch. «Es ist eine kleine, aber schöne Stadt. Sie lebt und man kennt sich.» Fasziniert ist Thomas Ruckstuhl von den kulturellen Schätzen, aber auch Aktivitäten in der Stadt, besonders in kirchlicher Hinsicht. «Einen solchen Chor wie die Singknaben zu haben ist schon etwas Besonderes. Da würde man sich anderswo überall die Finger lecken. Oder dann unsere Orgeln in der Kathedrale und der Jesuitenkirche…» Doch auch personell hat sich in der römisch-katholischen Kirchgemeinde Solothurn viel getan. Luisa Heiselbetz, welche die vakante Pfarrstelle interimistisch verwaltet hat, wechselt in den Pastoraldienst des Bistums. Neu tritt dagegen auf Dezember der 37-jährige Vikar Roger Brunner sein Amt an, bereits neu besetzt sind oder werden die Ämter des Domorganisten, des Domsakristans und des Pfarrei-Sekretariats. «Wir sind ein junges Team», freut sich Thomas Ruckstuhl, der seine nächste Hauptaufgabe in der Organisation innerhalb der jetzigen Strukturen sieht. Dazu gehört auch das Ziel, einen neuen Pastoralraum mit den Kirchgemeinden St. Niklaus sowie den übrigen des Unteren Leberbergs über Günsberg bis Flumenthal zu schaffen – mit ein Grund für die Bestellung des neuen Vikars. «Bis zum Beginn dieses Projektes gebe ich mir ein Jahr Zeit zum Ankommen.»

«Was brauchen sie?»

Unsere kürzliche Reportage zu den Kirchenaustritten insbesondere in den Stadtpfarreien des Kantons ist Thomas Ruckstuhl nicht entgangen. Einerseits gelte es Sorge zu tragen zu all jenen, die weiterhin die Kirche besuchen und sich engagieren. Andererseits «gehen wir auf diejenigen zu, die sich ausserhalb der kirchlichen Kerngemeinschaft bewegen. Was denken sie? Was brauchen Sie?» Um solche Fragen beantworten zu können, brauche es Kontakte und Begegnungen. Der neue Stadtpfarrer wirkt flexibel, mit einer Neigung zur situativen Reaktion. «Ich habe kein Regierungsprogramm. Und will auch niemanden kopieren.» Sicher auch eine Einschätzung seines Vorgängers, der mit ungewöhnlichen Gottesdiensten versucht hatte, wieder Schäflein anzulocken, die sich von der Herde distanziert hatten.

Kein Pessimist

Zu den innerkatholischen Spannungen über die Ausrichtung der Kirche gibt sich Thomas Ruckstuhl diplomatisch: «Man kann nicht einfach das Bistum Basel als liberal-fortschrittlich und ein Bistum Chur als konservativ-traditionell betrachten», weist er auf verschiedenste Strömungen in der Landeskirche hin. Doch sieht er einige Pluspunkte. «Die Ökumene hier in Solothurn ist gut aufgestellt.» So habe er sich sehr über seine Begrüssung durch die Reformierten und die Christkatholiken gefreut. Und auch was den seelsorgerischen Nachwuchs anbelangt, ist Ruckstuhl als Kenner der Szene kein Pessimist: «Die Zahlen sind – wenn auch auf tiefem Level – konstant.» Auffallend sei, dass junge Studienabgänger seltener würden, dagegen bis 50-jährige Quereinsteiger vermehrt das Priesteramt anstrebten. «Das Bistum Basel hat eine gute Tradition, dass grosser Wert auf die Ausbildung gelegt wird. Das kommt vielleicht jetzt auch Solothurn zugute», meint der Stadtpfarrer mit Blick auf sein junges Team.

Doch auch weit über die engen Stadtgrenzen hinaus sieht Thomas Ruckstuhl nicht so schwarz wie es viele Beobachter der Kirche zu tun pflegen. So sei er auf einer USA-Reise «tief beeindruckt» von der dortigen Religiosität auch in wohlhabenden Bevölkerungsschichten gewesen. «Die Kathedrale von San Diego war während sechs Gottesdiensten am Wochenende jeweils gut gefüllt.»

Da hat St. Ursen auch unter dem neuen Stadtpfarrer durchaus noch Luft nach oben.

Begrüssungsgottesdienste: Samstag, 25. November, 18 Uhr in der St. Marienkirche. Sonntag, 26. November, 10 Uhr in der St.-Ursen-Kathedrale