Foto-Drohnen, Selfie-Sticks, Reise-Influencer. Mit solchen Phänomenen musste sich der erste historisch dokumentierte Waldbruder der Verenaschlucht beileibe nicht herumschlagen. Damals, das war anno 1442, als sich dort, in der Abgeschiedenheit hinter einem Felsblock, eher Bären und Diebe tummelten.

Für Michael Daum, den heutigen Einsiedler, sieht die Sache etwas anders aus. Die moderne Welt hat längst auch an diesem heilen, heiligen Ort Einzug gehalten – und mit ihr auch alle weltlichen Erwartungen unterschiedlicher Nutzergruppen. Ein brandaktuelles Beispiel: Die Einsiedelei muss immer mehr auch als Fotokulisse oder Fotomotiv herhalten.

Bis im Herbst folgt ein Reglement

Gerade diese und andere Entwicklungen der jüngeren Zeit bewegen die Bürgergemeinde Solothurn nun zum Umdenken: Diesen Sommer hat Bürgergemeindepräsident Sergio Wyniger deshalb per Weisung das Fotografieren zu kommerziellen Zwecken verboten, sofern nicht vorher ein entsprechender schriftlicher Antrag an die Bürgergemeinde gestellt wurde. Bis anhin wird die Weisung Wynigers bloss mündlich durch den Einsiedler kommuniziert, «und auch nur dann, wenn sich eine entsprechende Situation ergibt, wo professionelle Fotoausrüstung zum Einsatz kommt», so Daum.

«Es ist aber geplant, dass die Bürgergemeinde bis spätestens im Herbst ein Reglement verabschiedet, mit dem unter anderem eben auch das Fotografieren in der Einsiedelei klar geregelt wird», erklärt seinerseits Wyniger. Das Prozedere: Die Verwaltung stellt einen Antrag an die Einsiedelei-Kommission, die das Geschäft dann für den Bürgerrat vorberät.

Auch andere offene Fragen zum Verhalten und zur Nutzung der Einsiedelei sollen in diesem Regelwerk geklärt werden. Denn: «So viele Nutzergruppen machen ein Reglement nötig.» Darin soll zudem ein Verbot für kommerzielle Anlässe auf dem Einsiedelei-Gebiet festgehalten werden. Ebenfalls dürfen keine Apéros (beispielsweise für Hochzeiten) durchgeführt werden. Und auch die Vermietung der Martinskapelle soll reglementiert werden.

Hilfesuchende vor der Linse schützen

Man müsste annehmen, dass die Bürgergemeinde als Grundbesitzerin bereits heute klar kommuniziert, was in der Einsiedelei erwünscht ist und was nicht. Als «Ort der Besinnung und Andacht» ist sie auf den Plakaten deklariert, die an Zugängen des 200 Meter langen Streckenabschnitts aufgestellt sind.

«Dennoch sind sich viele der Tatsache nicht bewusst, dass der Ort religiös ist und auch von Menschen aufgesucht wird, die hier beten wollen», erklärt Einsiedler Daum. Er nennt als Beispiel Pilger, die der Geschichte der heiligen Verena nachspüren. Oder koptische Christen, für die sie zu den wichtigsten Heiligen zählt.

Oder dann suchen Menschen aus der Psychiatrie, der Onkologie, Drogensüchtige oder suizidal Gefährdete das Gespräch mit Daum. «Es kommen oft Personen hierher, die sich in einer Notlage befinden», fasst Wyniger zusammen: «Hier wähnen sie sich an einem geschützten Ort und hoffen, ein persönliches Gespräch mit dem Einsiedler führen zu können.» Diese Menschen, so Wyniger weiter, «wollen aber nicht auf einem Foto erscheinen, das vielleicht sogar publik wird». Damit legt der Bürgergemeindepräsident den Fokus auf das ohnehin geltende Recht am eigenen Bild, das aber besonders an diesem Ort zu respektieren sei.

«Wir erwarten aber auch eine gewisse Achtsamkeit»

«Wir stellen diesen Privatgrund gerne der Öffentlichkeit zum Verweilen zur Verfügung, erwarten aber auch eine gewisse Achtsamkeit», so Wyniger. Allgemein erlebt Daum zweierlei: «Schulklassen, die sich mucksmäuschenstill und respektvoll durch die Einsiedelei bewegen. Oder Gruppen, die mit geschultertem ‹Ghettoblaster› auftauchen, als wäre die Schlucht eine Disco.»

Nicht nur als Ruhestörung, sondern gar als Gefährdung sieht Daum indes Drohnen, die man über der Einsiedelei steigen lässt. So sei es bereits vorgekommen, dass eine Drohne bei starkem Wind in eine Felswand gekracht ist und beinahe Passanten getroffen hätte.

«Overtourism» hält auch in der Einsiedelei Einzug

Dass man die ursprüngliche Zweckbestimmung der Einsiedelei nun in einem Reglement festhält, hat für Wyniger letztlich auch etwas mit der Menge der Besucher zu tun. «Wir haben kein Interesse, dass noch mehr Leute herkommen», sagt er. «Overtourism» ist das Schlagwort, das offenbar auch für die Einsiedelei zur Anwendung kommt.

Gleichzeitig ist man sich der diametralen Interessen bewusst, die von anderer Seite im Vordergrund stehen. Nämlich die Einsiedelei als Teil des touristischen Angebots der Region zu vermarkten. Von dieser Seite wird der Ort – Ironie des Schicksals – als «Idyll» oder unter der Devise «Ruhe und Erholung» angepriesen. Und auch fleissigen Instagram-Fotografen ist der Reiz des Motivs nicht entgangen.

«Was die Kommerzialisierung angeht, sind wir in einer Passivrolle und haben keinen Einfluss.» Darüber hinaus profitiere die Einsiedelei aus dem Einnahmen-Topf von Führungen, vor allem der Einsiedeleigesellschaft, für deren Spenden die Bürgergemeinde dankbar sei. «Es ist ein Obolus für den Unterhalt», kommentiert dazu Theres Fröhlicher, Präsidentin der Einsiedelei-Kommission. Damit werden die zum Teil beträchtlichen Unterhaltsaufwendungen bestritten: für die Renovationen, die Sicherheit, aber auch die Waldpflege.

«Keinen Polizisten in die Einsiedelei stellen»

«Wir erlassen die Bestimmungen nicht aus Eigennutz, sondern rein präventiv, um Personen und den Ort zu schützen», sagt Wyniger. Ob die Regeln juristisch anfechtbar wären, habe man bislang nicht abgeklärt. «Aber wir möchten ja auch nicht einen Polizisten in die Einsiedelei stellen und ‹Verfehlungen› gerichtlich verfolgen.» Seine und Daums Hoffnung: Dass sich in der Einsiedelei auch in Zukunft mehr mit gesundem Menschenverstand und Dialog als mit Verboten und Reglementen klären lässt.