Nicht schlecht die Aussicht: Der hohe Kamin auf der Westseite des Konzertsaal-Daches hat offenbar ein Storchenpaar bewogen, dort seine Familienplanung aufzunehmen. Damit erhält Solothurn neben dem bisherigen Storchenstandort, dem Kamin des Schulhauses Fegetz eine weitere Plattform zur Beobachtung von Meister Adebar. Derzeit besonders spannend: Neben dem Nestausbau und dem obligaten Klappern sind regelrechte Liebesspiele zu verfolgen. Wenn alles klappt, wird dann das Paar in den nächsten Wochen drei bis fünf Eier von rund je 110 Gramm ausbrüten, um dann die Jungen bis im Hochsommer aufzuziehen.

Normalerweise ziehen die Störche bis im August dann bereits wieder ins Winterquartier, wobei die Rückkehr schon bis an Jahresende erfolgen kann. Und Jungstörche ziehen oft vorerst gar nicht weg, bis sie nah vier Jahren paarungsbereit sind. Übrigens: Störche sind ihrem Horst treu, aber nicht unbedingt ihrem Partner. Ist allerdings einmal ein Horst gegründet, wie jetzt auf dem Konzertsaal-Dach, ist die Chance sehr gross, dass er alljährlich besetzt wird.

Jetzt drei Horste in Solothurn

Schon mehr als ein Jahrzehnt haust immer ein Paar auf dem Kamin des Schulhauses Fegetz, später kam ein weiterer Horst an der Buchenstrase in der Weststadt dazu. Gut möglich, dass die jetzige «Okkupation» des Konzertsaals durch Stadtsolothurner Nachwuchs erfolgt ist – «in den letzten Jahren wurden zunehmend Revierkämpfe im Fegetz-Quartier beobachtet», stellt Lukas Reichmuth, Chef des städtischen Hochbauamtes, fest.

Wie beim Schulhaus Fegetz, wo die Stadt gar den Horstboden ausbauen liess, steht die Amtsstelle der Neubesiedlung am Rand der Altstadt positiv gegenüber. «Wir werden uns wie schon dort mit der Schweizerischen Gesellschaft für den Weissstorch in Verbindung setzen und die richtigen Massnahmen mit ihr zu besprechen», so Reichmuth.

Im Auge behalten

Ein Problem ist die enorme Menge an aggressivem Kot, welche ein Storchenpaar mitsamt seinem späteren Nachwuchs produziert – immerhin steht der Konzertsaal unter Denkmalschutz. «Der Kamin ist aussen verputzt», sieht Lukas Reichmuth jedoch keinen Hinderungsgrund, der Storchenfamilie das Nisten zu ermöglichen. Eine weitere Problemzone ist der Horst selbst: Störche sind äusserst fleissige Baumeister und können ihre Familienstube enorm erweitern: Bis zu 2 Meter hoch, 2,2 Meter breit und eine Tonne schwer kann ein alter Horst werden.

Deshalb behält man laut Lukas Reichmuth den Kamin statisch im Auge und trägt den Horst mitunter ab, wenn die Vögel ihre Winterreise angetreten haben. Dies würde in Absprache mit der Storchengesellschaft auch beim Konzertsaal ins Auge gefasst, meint der Chef Hochbau. Ein Problem gibts für die Störche weder im Schulhaus Fegetz als beim Konzertsaal mit den Kaminen: Beide werden nicht mehr beheizt. Der Konzertsaal wurde bekanntlich zuletzt ans Fernwärmenetz angeschlossen.

Hohe Ausfallquote

Ob der dortige Kamin nun dauernd von den jetzigen Störchen oder dessen Nachwuchs besiedelt wird, ist sehr ungewiss: Nach der einmonatigen Brutphase sind die kleinen Jungstörche bis in den Juni hinein äusserst anfällig auf Kälte- und Nässe-Perioden, oft wird eine ganze Generation fast flächendeckend durch die ungünstige Witterung ausgelöscht.

Und von der Winterreise kehrt ohnehin nur einer von zehn Störchen überhaupt wieder zurück. Aber ein einmal vorhandenes Nest übt eine grosse Anziehungskraft aus.