Polizeieinsatz
«Nachtarbeit» endete in Handschellen

Wie ein Stadtoriginal es eigentlich nur gut meinte, einen Insel-Leuchtpfosten flicken wollte - und dafür verhaftet wurde.

Wolfgang Wagmann
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Grenchner Tagblatt

Es war die Nacht vor dem spektakulärsten «Nichteinsatz» der jüngeren Polizeigeschichte – wir meinen die illegale Party in der Vorstadt. In der Nacht zuvor jedoch, am Freitagabend, 5. November, verbuchte eine gemischte Patrouille der Stadt- und Kantonspolizei einen Fahndungserfolg. «Mehrere Passanten hatten mitgeteilt, dass jemand an der Wengistrasse auf einen Inselleuchtpfosten einschlage. Der Mann wurde angehalten und musste einen Atemlufttest absolvieren. Der Wert war deutlich positiv.» Für Stapo-Kommandant Peter Fedeli ein Routinefall. «An der HESO gehen nachts manchmal drei, vier dort oben schlafen.» Denn jetzt hiess es: Klick, Handschellen um – «zur Sicherheit unserer Leute» – und ab in die Ausnüchterungszelle im Untersuchungsgefängnis Schöngrün.

Anderntags kommt der Zellengast wieder auf freien Fuss; die «Übernachtungskosten» trägt der Staat. In unserem Fall setzte es allerdings eine Strafanzeige ab, wegen «Trunkenheit und unanständigem Benehmen».

«Wollte nur die ‹Biene Maja› flicken»

Der Delinquent mit bürgerlichem Namen Martin Schneider, seit September Rentner, stadtbekannt nur als «Vetter», weiss kaum mehr, wie er sich damals benommen hatte – er war offensichtlich etwas benommen vom Alkohol. Statt der ID- wies er die Kreditkarte vor, daran erinnert er sich. Und dass er nur den seit Wochen schrägen Insel-Leuchtpfosten – im Volksmund «Biene Maja» genannt – hatte reparieren wollen. «Schliesslich bin ich gelernter Mechaniker», betont Vetter nicht ohne Stolz.

In Schutz nimmt ihn Eddy Schneitter, Coiffeurmeister am Stalden. «Wir und andere Leute hier schauen zu Vetter. Der Doktor hat gesagt, ohne Betreuung müsse er in ein Heim.» Manchmal nerve er ja schon, «aber ansonsten ist Vetter ein Stadtoriginal und völlig harmlos». So fühle er sich in gewisser Art und Weise für das Erscheinungsbild des Quartiers verantwortlich, wischt beispielsweise ab und zu einen Hof nebenan oder versucht irgendwelche Schäden zu beheben. «Und an jenem Abend wollte er eben die ‹Biene Maja› flicken», so Schneitter. Also holte Vetter am Stalden sein Gummi-Hämmerli und machte sich ans Werk.

«Die Damen waren sehr nett»

Dass Vetter zu viel intus hatte, bestreitet der Coiffeur nicht. «Aber das ist seine Sache.» Nach 19.30 Uhr hatten sich die Wege von Schneitter und Vetter getrennt, dieser war offenbar auf die obligate Beizen-Tournee gegangen. «Mir fiel später nur auf, dass in Vetters Wohnung das Fenster offenstand, das Licht brannte, und Musik lief.» Wo aber sein Sorgenkind steckte, wusste Schneitter nicht, bis es am Samstagmittag wieder auftauchte. «Um 11.30 Uhr hatten sie ihn entlassen. Er wirkte verstört. Vetter ging es gar nicht gut.» Die Schilderung der Nacht im UG erfolgt nur bruchstückhaft. Dreimal habe er Wasser getrunken, «dann musste ich nochmals blasen». Am Morgen sei das gewesen. Und auf die Frage, wie viel das Gerät angezeigt habe, sei die Antwort gekommen:« 0,0 Promille!» Ein Lächeln huscht über Vetters Gesicht. Er will nicht klagen über die Behandlung da oben, «die Damen waren sehr nett». Aber Eddy Schneitter habe er nicht anrufen dürfen. Dazu erklärt dieser: «Vetter ist Diabetiker. Deshalb suchte er mich, wegen der Medikamente.»

Es sei nicht üblich, dass Insassen telefonierten. «Meistens sind sie dazu gar nicht in der Lage. Und ärztliches Personal ist mehr als genug vorhanden», wurde uns auf Anfrage im Untersuchungsgefängnis beschieden.

Gegen eine Flasche Wein ...

Vetter ist wieder ein freier Mann. Trotzdem fragt sich Schneitter: «Das Ganze war doch nicht verhältnismässig!» Und auch die Intervention bei der Polizei, sie solle die Strafanzeige zurückziehen, sei erfolglos geblieben. «Das könne sie nicht. Sonst mache sich die Polizei einer Begünstigung schuldig.» Immerhin: Eine Anzeige wegen Sachbeschädigung gibts nicht, denn die «Biene Maja» steht zwar weiterhin schräg in der Wengistrasse, blieb aber ansonsten unbeschädigt. Vetter hatte sich auch über das beschlagnahmte Gummi-Hämmerli geärgert, doch inzwischen hat es ihm ein Stadtpolizist zurückbracht. «Und gegen eine Flasche Spitalwein ist Vetter bereit, das Ganze zu vergessen», lacht Coiffeur Eddy.

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