Mythen haben Konjunktur, mal mehr, mal weniger Einer der erfolgreichsten überhaupt ist jener Wilhelm Tells. Auch die Solothurner haben ihren Mythos: Jene Helden-Geschichte von Hans Roth, der 1382 die Solothurner vor einem Anschlag der Kyburger warnte und so die Existenz des späteren Standes Solothurn sicherte. Aktualität erhält die Personalie durch den Wiedlisbacher Waffenlauf, der 2016 einmalig auferstehen soll (siehe letzte Schweiz am Sonntag). Dieser wird zu Ehren des legendären Rumisberger Bauern auch Hans-Roth-Lauf genannt.

Ein anderes lebendiges Denkmal stellt der Ehrenkleidträger dar, den der Kanton Solothurn ernennt. Beharrlich hält sich die Meinung, dass diese Ehre jeweils dem ältesten noch lebenden Nachfahren Roths zuteilwird. Ein Trugschluss: Es handelt sich nicht um den eigentlichen Nachfahren des legendären Hans Roth (siehe Kasten), und es werden nicht die Ältesten auserkoren, sondern in einem Bewerbungsprozedere auch andere Qualitäten unter die Lupe genommen. Das bestätigt der Solothurner Staatsschreiber Andreas Eng. «Im Hinblick auf die öffentlichen Auftritte muss der Kleidträger repräsentieren und das Amt geistig und körperlich ausführen können.»

Daran stört sich Paul Roth aus Langendorf. Er ist laut eigener Aussage ebenfalls ein Nachfahre Hans Roths. Er kritisiert das aus seiner Sicht intransparente Auswahlverfahren durch eine Jury und wünscht sich, dass bei der nächsten Vergabe wieder der älteste Roth in die Kränze kommt – solange dieser nicht zu gebrechlich sei. «Es ärgert mich, dass nicht mehr die Dankbarkeit im Vordergrund steht, sondern die Vermarktung Hans Roths», sagt Paul Roth. Der ursprüngliche Gedanke gehe durch den «Vitalitätstest» verloren. Wenn sich der Kleidträger schon einem Wettbewerb stellen müsse und an offiziellen Anlässen präsentiert werde, solle auch die Pension von 1000 Franken höher sein, so Paul Roth. Selber würde der 73-Jährige nicht für den Ehrenposten kandidieren. «Ich bin zwar auch sportlich. Aber ich stehe zu ungern in der Öffentlichkeit.» Allerdings hatte sich 2000 sein Vater beworben, damals offenbar der Älteste des Stammes Roth. «Er war rüstig und fuhr noch selber Auto.» Weil er aber in der Anhörung das Hörgerät falsch eingestellt und einige Fragen nicht zur Zufriedenheit der Jury beantwortet habe, sei sein Vater übergangen worden. Dem aktuellen Kleidträger möge er die Ehre gönnen, aber beim nächsten Mal solle das Verfahren geändert werden, moniert Paul Roth.

Laut Andreas Eng wird bereits seit 1994 nicht mehr zwingend der älteste Nachfahre gewählt. Der aktuelle Träger Eduard Roth wurde 2008 vom Regierungsrat ernannt, damals nach einer Ausschreibung und auf Antrag der Staatskanzlei. Neben Eng seien zwei weitere Personen in der Auswahlkommission gewesen. Von sieben Bewerbern verblieben am Ende drei im Rennen.

Eduard Roth, heute 87-jährig, besucht mindestens einmal pro Jahr die Gedenkfeier der Schlacht von Dornach. Auch an den offiziellen Besuchen des Kantons Solothurn an der Olma St. Gallen oder am Marché Concours 2012 in Saignelégier war er dabei. «Ich fühle mich gut beieinander und kann die Repräsentationen gut wahrnehmen.» Erst kürzlich trug er das Ehrenkleid am Fasnachtsgottesdienst in Solothurn. Eine Pflicht wird natürlich der Besuch am Hans-Roth-Lauf nächstes Jahr sein.

Dass die Geschichte aus dem Jahr 1382 den Fakten nicht standhält, ist für die Vergabe nicht von Belang. Laut Staatsschreiber Eng gehört dazu auch eine Prise Folklore. «Dass wir diese Tradition pflegen, gehört bei uns dazu.»

Quellen: Historisches Lexikon Schweiz, Jahrbuch für Solothurnische Geschichte