Kofmehl

Nach einem Lied fliegen Höschen auf die Bühne

«Rotz?» und «Schlössch» schenkten der Kulturfabrik Kofmehl eine Zeitreise zum Zwanzigsten. Einst waren sie Geburtshelfer des alten «Köfu».

Es dauert etwa zwei Sekunden. Dann merkt «Rotz?»-Frontmann Peter Gubler, dass er in seiner Nervosität vergessen hat, die Gitarre mit auf die Bühne zu nehmen. Verzeihbar. Seit ihrem letzten Auftritt vor mehr als 15 Jahren sind die vier Rotzbengel etwas aus der Übung und in die Jahre gekommen. Was man dem Konzert, das sie letzten Freitag dem Kofmehl zum 20. Geburtstag schenken, jedoch nicht anmerkt.

Es dauert die Länge eines einzigen Liedes, bis aus dem Publikum Damenunterwäsche geflogen kommt. Die Zuschauer, ebenfalls älter geworden, haben sie endlich wieder: ihre Psychedelic-Funk-Rap-Punker. Die regionalen Überflieger, denen einst eine kometenhafte Karriere zugetraut wurde, und die sich dann so urplötzlich aufgelöst haben.

Es dauert zwei Lieder, bis Gubler während seines Gitarrensolos auf Händen durchs Publikum getragen wird. Drei Lieder, bis die 90er-Jahre endgültig wieder auferstanden sind – verzerrter Stromgitarre, Scratching und Sprechgesang mit leichtem DJBobo-Akzent sei Dank. In einem «Köfu», das in dieser Form, in diesem Gebäude die 90er nie erlebt hat. Dennoch kann man die Schlaglöcher der alten Kulturfabrik fast unter den Füssen spüren.

Erste Band überhaupt

Wieso es 15 Jahre dauern musste, bis sich «Rotz?» wieder zusammengerauft hat? «Unsere Zeit ist vorbei», sagt Band-DJ und Keyboarder Wern-E Feller, nostalgisch, zufrieden, nach dem Auftritt. Um ihn und die anderen Musiker scharen sich alte Bekannte, allesamt begeistert vom Konzert.

Damals, nach einer CD und einem Videoclip in London, hatte sich die Band daran gemacht, die Schweiz zu erobern. «Aber das war zu viel für uns», so Feller. «Das hier ist eine einmalige Sache», sagt Peter Gubler. «Es war ein Herzschmerz-Wehmut-Ding, eine späte zweite Ernte.» Eine kurzfristige Wiederbelebung auf Anfrage des Kofmehls.

Weil «Rotz?» die erste Band überhaupt war, die in der alten Kulturfabrik gespielt hatte. Die Musiker sagten nach langem Hin und Her zu, probten einmal via «Skype», weil Bassist Thomas Fluri nicht aus Strasbourg anreisen konnte – er wurde letzte Woche Vater – und zweimal zusammen in Solothurn, kurz vor dem Auftritt. Pascal Grütter hatte seit 15 Jahren nicht mehr Schlagzeug gespielt.

Backstage-Kinderzimmer

Indes geht es auf der Bühne weiter. Mit einer Band, die ebenfalls zu den ganz frühen «Kofmehl»-Zeiten gehört und sich für heute Abend wiedervereinigt hat: «Schlössch» aus Solothurn. Mit ihrem melodiösen Rock runden sie den Jubiläumsanlass stimmungsvoll ab.

Unter die Gäste gemischt hat sich, strahlend wie alle anderen, Pipo Kofmehl. «Es ist, als wäre man in den 90ern», sagt er. «So viele Leute der ersten Kofmehl-Generation, so viele Geschichten, die einem wieder einfallen.» Dass die beiden Bands den Konzertabend ermöglicht haben, findet er wunderbar. Schliesslich haben sie andere Verpflichtungen. An der Backstage-Tür hängt ein Zettel. Nicht rauchen. Kinderzimmer.

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