Christian Labharts Gefühle sind verletzt. Ausgerechnet sein neuster und persönlichster Film wird an den Solothurner Filmtagen in zwei Wochen nicht gezeigt: «Passion – zwischen Revolte und Resignation». Es ist die erste Absage für den 66-jährigen Zürcher Regisseur. 

Labhart ist seit 1999 freier Filmemacher. 2015 erschien sein vielleicht erfolgreichstes Werk über den Erneuerer der Alpenmalerei und Vertreter des Symbolismus: «Giovanni Segantini – Magie des Lichts».

«Einfach irgendwie scheisse»: Regisseur enttäuscht wegen Filmtage-Absage

«Einfach irgendwie scheisse»

Christian Labhart machte er seinem Ärger und seiner Enttäuschung am Dienstag Luft.

Doch der Entscheid der Auswahlkommission der Solothurner Filmtage stösst auch bei Labharts Branchenkollegen auf Unverständnis. Regisseur Samir hat deshalb eine Petition lanciert, die in der Zwischenzeit 33 Kolleginnen und Kollegen - darunter Sabine Gisiger, Paul Riniker oder Rolf Lyssy - unterschrieben haben. Das Schreiben wurde an Seraina Rohrer geschickt, die Direktorin der Filmtage.

Regisseur Christian Labhart

Regisseur Christian Labhart

«Wir möchten ‹Passion› diskutieren»

Darin heisst es über Christian Labharts Film: "Jeder von uns älteren Filmemachern (und Filmemacherinnen) hat in seinem Schaffen stärkere und schwächere Filme gedreht. Dennoch konnten die meisten von uns sämtliche ihrer Filme in Solothurn zeigen. Das ermöglichte es, dass unsere Kollegen uns einen Spiegel vorhalten und uns kritisieren konnten."

Die Petition hält aber auch fest: "Viele von uns kennen den neuen Film von Christian nicht, und vielleicht überzeugt er uns ja nicht. Trotzdem möchten wir ‹Passion› im Kontext von Labharts gesamtem Schaffen der letzten 20 Jahre sehen und über ihn in Solothurn diskutieren können."

Kommt hinzu: Der Film war die letzte Arbeit des vor zwei Wochen verstorbenen Baselbieter Kameramanns Pio Corradi (†78), eine Institution in der Szene. Das alleine hätte die Präsentation laut Labhart gerechtfertigt.

Film "Passion" - die letzte Sequenz von Kameramann Pio Corradi

Die letzte Sequenz von Kameramann Pio Corradi im Film «Passion».

"Keine Auskunft"

Auf die Frage, warum "Passion" abgelehnt wurde, sagt Rohrer: "Über die Gründe geben wir keine Auskunft. Es ist ein Kommissionsentscheid - und er ist definitiv."

Der Zürcher Regisseur hat in seinem jüngsten Film nicht nur die Ideale der 68er-Generation mit der Realität einer globalisierten Welt verglichen, er hat sich auch selbst eingebracht: "‹Passion› dokumentiert meine eigene Geschichte und die Suche nach den Geheimnissen unter der Oberfläche der Realität."

Der Film blickt an diversen Schauplätzen auf Klimaerwärmung, Krieg, Konsum, Flucht und Ungleichheit. Der Film wird auch angekündigt als "ein filmischer Versuch, die Mechanismen eines entfesselten Kapitalismus zu zeigen und die Frage zu beantworten, ob ein richtiges Leben im falschen möglich ist". Dabei geht es auch um Labharts persönliche Leidenschaft: Was ist nach einem halben Jahrhundert übrig von seinem "linken, antikapitalistischen" Blick? "Es ist ein klares Manifest", so Labhart.

Die Kritik: Mainstream

Labhart fragt sich, ob seine 68er-Vergangenheit eine Rolle spielt für die Ablehnung. Der Vorwurf steht im Raum. Er wird nicht beantwortet.

Der 66-Jährige kritisiert nun den "Mainstream" der Solothurner Filmtage. Ein grosser Vorwurf. Denn die Kritik von Labhart und seinen Kollegen und Kolleginnen zielt auf die DNA des Festivals, das in seinen Gründungstagen vor über 50 Jahren klar links positioniert war. Die DNA der Filmtage sei eine Werkschau des Schweizer Films. Das Ziel sei, die Kontinuität des Filmschaffens zu präsentieren. "Passion" nicht zu zeigen, bedeute quasi die Filmtage zu verraten. 

Zur Auswahl gezwungen

Seraina Rohrer kontert: "Wir sind zur Selektion gezwungen", sagt sie auf Anfrage. Tatsächlich wurden 646 kürzere und längere Filme eingereicht. Davon werden an den acht Festivaltagen 183 gezeigt.

Direktorin Seraina Rohrer.

Direktorin Seraina Rohrer.

Auch Rohrer geht es um Grundsätzliches: "Das erste Kriterium für die Auswahl ist der Film selbst - nicht die Kontinuität." Würde nur auf Kontinuität gesetzt, dann hätten jüngere und weibliche Filmschaffende einen Nachteil gegenüber den alten.

Und weiter sagt Rohrer: "Unser Anliegen ist es, das breite Spektrum abzubilden. Populäre Filme haben genauso Platz wie kantige Dokumentarfilme. Wir zeigen beispielsweise im Rahmen des Future Labs seit ein paar Jahren auch interaktive Werke."

Die Filmtage hätten sich gewandelt. In den Gründerjahren seien sie ein Branchentreffen gewesen. Heute hätten sie sich einem breiten Publikum geöffnet - und entsprechende Konzessionen gemacht. 

Programmplatzgarantie?

Es bleibt laut Rohrer dabei, "Passion" wird in Solothurn nicht gezeigt. Doch ganz im Sinne der Petition willigt sie zu einer Diskussion ein: Braucht es mehr Filme an den Solothurner Filmtagen? Braucht es weniger Wettbewerb an den Solothurner Filmtagen? Und nicht zuletzt: Braucht es Programmplatzgarantien für etablierte Filmemacherinnen und -macher?

Die Solothurner Filmtage dauern vom 24. bis 31. Januar 2019. Die von Samir angeregte Diskussion findet am 26.Januar 2019 im Kino im Uferbau statt.