Solothurn
Nach 43 Jahren: Das Chestelemuni-Ehepaar geht in Pension

Generationen von Solothurnern kauften bei ihnen Maroni ein und erhielten Glücksmomente aus der Papiertüte: Nun gehen Marzio und Yvonne Strazzini, die Betreiber des Marronihüslis am Solothurner Märetplatz in Pension – nach 43 Jahren.

Wolfgang Wagmann
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Ein beliebtes Fotossujet war der Cheschtelmuni immer.
15 Bilder
Vor 13 Jahren wurde der Cheschtelemuni zur historischen Fasnachtsfigur erhoben.
So sehen die Edel- oder Esskastanien am Baum aus.
Marzio und Yvonne Strazzini im Dezember 2012.
Marzio Strazzini 2002 mit Hingabe an seiner Marronpfanne.
Jeweils zur Fasnachtszeit erhielt das Hüsli einen speziellen Dachschmuck.
Für das Sommertheater 2007 auf dem Zeughausplatz wurde das Marronihüsli als Vorverkaufsstelle benützt.
Die ersten Fasnächtler verabschiedeten sich schon im Februar 2015 von Strazzinis.
Erinnern an den Anfang.
Die Narrenzunft schaut zum Domizil des Cheschtelemunis.
Die Narrenzunft Honolulu umkreist mit Strazzinis das Marronhäuschen.
Cheschtelemuni
Das Marronihüsli als Wegmarke im Schneetreiben am Stephanstag 1995.
2002 sah sich Stadtpräsident Kurt Fluri auf dem Dach des Marronihüslis abgesetzt.
250 Jahre Narrenzunft Honolulu werden 2003 mit dem Cheschtelemuni inszeniert.

Ein beliebtes Fotossujet war der Cheschtelmuni immer.

Daniel Wagmann

Wie von Geisterhand gezogen entschwindet der grosse Pfannendeckel unters Dach. Weisser Dampf steigt auf, die Brillengläser von Marzio Strazzini sind im Nu beschlagen. Dann kommt es: Dieses blecherne Scheppern unter den Händen des Cheschtelemuni. Jedes Kind in Solothurn kennt es. Gleich gibts das braune Papiersäckli, das die Hände am Wintertag so schön wärmt. Ein rasches Zupfen an der Tüte, und er fährt voll in die Nase: der unvergleichliche Geruch der heissen Marroni!

Tausendfach hat Marzio Strazzini solche Glücksmomente beschert. 43 Jahre lang. «Es war eine schöne Zeit gewesen.» Er verklärt seinen harten Job im zugigen Häuschen nicht. «Auch Renzo wird bei der Holzkohle bleiben. Viele braten die Marroni heute mit Gas. Das ist günstiger.»

Aber eben, der unvergleichliche Geschmack. Dafür ist der Holzkohlestaub nicht gerade gesund. Ohnehin hatte Strazzini seinen Sommerjob auf dem Bau, dann noch im Gartenbau, zuletzt nicht mehr ausüben können. Und so ist er trotz allem froh, das Pensionsalter erreicht zu haben.

Weniger Leute in Stadt

Neffe Renzo Strazzini sorgt für das Weiterführen der Familientradition

«Als kleiner Bub war ich ebenfalls in der ‹Kiste›», erinnert sich Renzo Strazzini an die Kindheit und das Marroni-Hüsli auf dem Märetplatz. Der Neffe von Marzio Strazzini, dem bisherigen «Cheschtelemuni», soll dafür sorgen, dass der Job mit den heissen Marroni durch den Familienclan weitergeführt wird. Im Gegensatz zu seinem Vater, dem Vorgänger von Marzio Strazzini, wird Renzo jedoch nicht selbst «in der Kiste» wirken. Dafür stellt er einen seinen zwölf Angestellten, Nicola Stranges, an. «Der Betrieb hier in Solothurn muss weitergehen. Das Ganze kommt mir vor wie zwei Zweige der Familie, die verschiedene Wege gegangen sind, und jetzt wieder zusammenwachsen.» Auch wenn er nicht selbst im Häuschen steht, von Marroni versteht Renzo Strazzini eine ganze Menge. Er führt in Bern die grösste Schweizer Importfirma für Edelkastanien und deckt mit einer jährlichen Menge zwischen 500 und 800 Tonnen 50 bis 60 Prozent der Schweizer Marroni-Stände ab. «Gute Ware ist rar und teuer geworden, und die Qualitätsstandards sind gestiegen», weiss der Fachmann. Früher sei sie billiger gewesen. Und damit «konnte man auch mehr Ausschuss in Kauf nehmen». Deshalb seien gewisse Produkte nicht mehr so gefragt. «Heute sollte der Endabnehmer nur noch Top-Ware erhalten», betont Renzo Strazzini – der ab dem nächsten Herbst nun selbst zu den Endabnehmern gehören wird. (ww)

«Jeweils mit der HESO hat die Saison begonnen. Bevor es die HESO gab mit dem grossen Herbstmäret.» Allein diese Aussage von Yvonne Strazzini zeigt auf, wie lange schon der Cheschtelemuni am Märetplatz hinter den Pfannen steht. Die letzten zehn Jahre hat sie ihrem Mann bei der Arbeit geholfen, «ein Angestellter lag nicht mehr drin.» Denn die Zeiten hätten sich geändert: «Früher waren vor allem auch abends viel mehr Leute in der Stadt.»

Zuletzt habe aber nicht nur der Abendverkauf an Frequenzen eingebüsst, speziell am Samstag sei nach 17 Uhr die Innenstadt sofort leer. «In den letzten Jahren hatten wir nur noch zu den Geschäftsöffnungszeiten offen.»

Die HESO und der Advent seien fürs Geschäft gut gewesen, im Januar war die Saison schon meistens gelaufen, auch wenn das braune Häuschen stets noch über die Fasnacht da stand. «Früher haben wir nachts noch den Kino und das Stadttheater abgewartet. Oder am Sonntag die Kirche.» Yvonne Strazzini seufzt: «Das waren so viele Stunden.»

«Leider hatten wir diese Saison die Geschenkgutscheine nicht mehr, die waren der Renner», blickt das Ehepaar auf die letzte Saison zurück. Kastanienmehl sei neben den 6 bis 7 Tonnen verbrauchten Marroni pro Saison zunehmend ein begehrtes Produkt geworden – «weil es glutenfrei ist.» Am wichtigsten aber war stets die Qualität der Edelkastanien gewesen. «In einem Super-Jahr war das für uns wie ein Sechser im Lotto», so Strazzini.

Die goldene Kastanie

Stolz sind Marzio und Yvonne Strazzini auf die lange Tradition des Cheschtelemunis in Solothurn. «Seit 1837 gibt es ihn, und 1987 erhielten wir für 150 Jahre die Wappenscheibe der Stadt Solothurn.» Das jetzige Häuschen – von der Narrenzunft Honolulu 1975 «ohne Hilfe von Bund und Kanton» frisch gestrichen - existiert seit 1910, während die Familie Strazzini schon seit dem vorletzten Jahrhundert Marroni in Altstadt gebraten und verkauft hatte.

Jeweils zur Fasnacht erhielt das Häuschen auch einen närrischen Dachputz verpasst, und 2003 nahm die Narrenzunft Honolulu den Cheschtelemuni in der Narrenleiter auf, die historische Stadtoriginale wie der Postheiri, Hilarius Immergrün oder das Elisi zieren. Und so nahmen all diese Figuren zusammen mit Stadtpräsident Kurt Fluri am Fasnachtsfreitag feierlich Abschied von Strazzinis, die als Geschenk eine goldene Kastanie erhielten.

Eines aber wird das Ehepaar in die Pension mitnehmen: «Die älteste, 130-jährige Pfanne», lacht Yvonne Strazzini. «Für eine Castagnata im Herbst ...»