Solothurn

Nach 42 Jahren schliesst das Ballett-Studio A seine Pforten

Zu den besten Zeiten besuchten weit mehr als 100 Schülerinnen und Schüler den Tanzunterricht im Ballett-Studio A in Solothurn. Doch diese goldenen Zeiten sind vorbei. So muss Annemarie Knobel Paterno ihre Schule nach 42 Jahren schliessen.

Nur noch Ballettstange, Spiegel und ein lachsfarbener Vorhang erinnern an die bewegten Zeiten, die Annemarie Knobel Paterno hier erlebt hat. Strauss-Musik klingt leise aus den Lautsprechern - wie eine Abschiedshymne für das Ballett-Studio A, das es ab Juli nicht mehr geben wird.

Hier an der Zuchwilerstrasse entdeckten und lebten viele Kinder ab vier Jahren sowie Jugendliche und Erwachsene die Begeisterung für den Tanz. «Sogar Frauen, die jung Mütter geworden sind und bei denen später die Lust zum Tanzen zurückkehrte.»

Knobel erinnert sich an eine Tanzaufführung, bei der drei Generationen Tochter, Mutter, Grossmutter auf der Bühne zu sehen waren. Und so zeitlos, wie das Ballettstudio die Generationen angesprochen hat, so zeitlos waren auch die Stile, die hier getanzt wurden: Klassisches Ballett, weiter Modern Dance, Jazz und Stepptanz hat Knobel unterrichtet, und bis zuletzt auch Powerplate und Callanetics-Gymnastik.

1972 hatte Knobel zusammen mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann den Grundstein zur ersten privaten Ballettschule Solothurns gelegt. Zuvor war am Stadttheater der Drei-Sparten-Betrieb aufgehoben worden: Tanz fiel weg. Seit 1982 befand sich das Ballettstudio an der Zuchwilerstrasse. Auftritte an Hochzeiten, Firmenanlässen oder an den Jubiläumsvorstellungen wie vor zwei Jahren auf der St.-Ursen-Bastion bleiben ihr aus insgesamt 42 Jahren in Erinnerung.

«Natürlich schmerzt es mich, die Schule nun zu schliessen», gibt Knobel rückblickend zu. Zu den besten Zeiten besuchten hier weit mehr als 100 Schülerinnen und Schüler den Unterricht. Gesundheitliche Probleme, von denen sie sich mittlerweile wieder erholt hat, zwangen sie vor einigen Jahren zur zeitweiligen Einstellung des Betriebs.

Die Früchte ihrer Arbeit

Was aber ist aus den Abgängern ihrer Schule geworden? Von zwei früheren Elevinnen weiss sie, dass sie selbst in Solothurn Tanz unterrichten. Ansonsten sei es schwierig, gerade jene weiter im Auge zu behalten, die die Profilaufbahn eingeschlagen haben.

Von den wenigen Buben, die ihre Ballettstunden besuchten, erinnert sie sich heute noch an den rund Siebenjährigen, der anlässlich einer Aufführung als «Zirkusdirektor» mit einer Rede das Publikum verzauberte.

Reden hält er auch heute noch, der Satiriker Andreas Thiel. Und so besteht Ballett auch für Knobel aus mehr als nur tänzerischem Ausdruck. «Ich habe von Eltern viele Feedbacks erhalten, dass der Tanz ihren Kindern gut getan habe.»

So prägt der Umgang mit Haltung und Bewegung, mit Disziplin und Leidenschaft auch, wie man in der Gesellschaft auftritt - kurz: Ballett ist eine Lebensschule. Komme hinzu, dass so auch der Bezug zur Bühne im Allgemeinen, also auch zum Theater und zur Musikalität vertieft wird.

Den Klischees entgegenwirken

«Einige Eltern wollten ihre verpasste Kindheitserfahrung ‹nachholen›, indem sie ihre Kinder fürs Ballett anmeldeten», erinnert sich Knobel. Doch sie habe den neuen Tanzmäusen oft rasch angemerkt, ob diese die innere Begeisterung für Ballett hatten oder nicht.

Und auch die Wunschträume glitzernder Tutus und Kostüme musste sie bremsen. Für den Unterricht galten schlichte Tenues, lediglich für die Aufführungen hat sie Kostüme geschneidert. Es sind deren über 4000 geworden - alle «self made». «Andere Eltern wiederum wollten ihren Schützlingen bereits im Alter von sechs oder sieben Jahren den Spitzentanz zumuten.» So habe sie durch ihre strikten Ansichten auch in Kauf nehmen müssen, Schülerinnen und Schüler zu verlieren - deren eigener Gesundheit zuliebe. «Wer aber nach einem Quartal immer noch dabei war, blieb es auch.»

Mit dem Tanzstudio wird auch das angrenzende «Café Mozart» nach 29 Jahren der Vergangenheit angehören. Beides befindet sich (noch) im Besitz von Annemarie Knobel. Jedoch ist sie mit einer anderen Stockwerkeigentümerin handelseinig geworden, die ausserdem Besitzerin der übrigen Parterre-Liegenschaften an der Zuchwilerstrasse 41/43 ist.

Die Rede ist von der Immobilienfirma Espace Real Estate, die auch ihre Büroräumlichkeiten im Gebäude hat. Wie Isaak Meyer, Leiter Finanzen, mitteilt, sei die Firma hier auch früher schon als Käuferin von Stockwerkeinheiten aufgetreten: «Wir haben vor, den Standort aufzuwerten.» Längerfristig will Espace Real Estate die Gebäude «zur eigenen Adresse» in der Bahnhofsstruktur machen, so Meyer.

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