Solothurn
Nach 108 Jahren im Dienst: Einer der ältesten Zeitzeugen der RBS wird an den Bahnhistorischen Verein übergeben

Am Mittwochmorgen wurde das älteste Fahrzeug der RBS ausrangiert: Der «Gem 4/4 121», ein 108-jähriger Gütertriebwagen, der die Industrie in der Region geprägt hat. Der Bahnhistorische Verein Solothurn-Bern übernimmt ihn und führt ihn als erstes in ihr Depot in Egolzwil.

Gülpinar Günes
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Der älteste Gütertriebwagen der RBS wurde am Mittwochmorgen ausrangiert.

Der älteste Gütertriebwagen der RBS wurde am Mittwochmorgen ausrangiert.

Thomas Ulrich

Die Tore des Depots des Regionalverkehrs Bern-Solothurn (RBS) in Solothurn stehen weit offen. Die Scheinwerfer der Fahrzeuge in den dunklen Hallen blinzeln schüchtern heraus, um etwas Tageslicht zu erhaschen. Für den Wagen in der Halle ganz links ist an diesem Mittwochmorgen ein ganz besonderer Tag: Der «Gem 4/4 121» – das älteste Fahrzeug der RBS – wird an den Bahnhistorischen Verein Solothurn-Bern übergeben und verlässt damit seine «Heimat». «Das ist ein Highlight», sagt Sascha Attia begeistert. Das Vorstandsmitglied des Vereins ist da, um den Wagen in sein neues Zuhause zu führen. «Es ist das erste Mal seit 2016, dass wir ein zusätzliches Fahrzeug übernehmen können.»

Ein Zeitzeuge der Industriegeschichte

Seit seiner Gründung 2016 hat der Verein ein Auge auf den Triebwagen mit der Nummer 121 geworfen. Nicht ohne Grund: Mit 108 Dienstjahren ist er der älteste Wagen der RBS und ein Zeitzeuge der Industriegeschichte in der Region Bern. Seit 1912 diente er jahrelang für den regionalen Gütertransport bei der Solothurn-Zollikofen-Bern Bahn (SZB ), zuerst mit Elektro- und ab den 50er-Jahren mit einem zusätzlichen Dieselantrieb.

 Der Gem 4/4 121 im Einsatz in Worblaufen im Jahr 1968.

Der Gem 4/4 121 im Einsatz in Worblaufen im Jahr 1968.

zvg/Peter Willen

«Das Spannende ist, dass es ein Güterfahrzeug für die Strassenbahn war», sagt Attia. «Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.» Er ist damit einer von insgesamt zwei solcher Fahrzeuge schweizweit und war damals die Spitze der Technik. Im Gegensatz zu seinem technischen Vorgänger, der Dampflokomotive, konnte der kleine Wagen dank des Antriebs auf allen Achsen stärkere Steigungen überwinden, wie zwischen Solothurn und Biberist. «Das Fahrzeug war in der Lage, auch bisher unzugängliche Industriebetriebe zu beliefern», so Attia. Seinen Lebensabend verbrachte der «121er» schliesslich in Solothurn, wo er als erstes Dieselfahrzeug der RBS als Baudienstfahrzeug eingesetzt wurde. Doch nun wird er definitiv ausrangiert.

Noch so erhalten wie vor 108 Jahren

Langsam fährt eine Diesellok zum «121er» heran und koppelt ihn an. Im Schritttempo wird der Triebwagen aus dem Depot der RBS gezogen. Seine rostrote Farbe leuchtet matt im morgendlichen Sonnenlicht. Die Reise führt den Oldtimer am Mittwochmorgen nach Bätterkinden. Dort wird der Triebwagen im Verlauf der Woche auf einen Tieflader umgeladen und nach Egolzwil im Luzerner Hinterland transportiert. Dort befindet sich das Depot des Vereins. «Es ist kein Fahrzeug, das viele Leute anzieht wie beispielsweise der Rote Pfeil», sagt Attia. «Es ist aber etwas ganz Spezielles und darum wollen wir es erhalten.»

 Auf der letzten Reise: Der «Gem 4/4 121» wird mit einer Diesellokomotive nach Bätterkinden geschleppt.
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 Der «121er» ist seit vier Jahren im Depot der RBS und wurde am Mittwochmorgen ausrangiert. Er ist das älteste Fahrzeug der RBS und schweizweit gibt es nur zwei seiner Art.
 Sascha Attia ist Vorstandsmitglied des Bahnhistorischen Vereins Solothurn-Bern und war dabei, als das historische Fahrzeug ausrangiert wurde.
 Seit den 50er Jahren befindet sich im Wagen ein grosser Dieselmotor.
 Seit den 50er Jahren befindet sich im Wagen ein grosser Dieselmotor.
 Das Fahrzeug sei nich sehr gut erhalten und soll nun «leicht» restauriert werden.
 Das Fahrzeug sei nich sehr gut erhalten und soll nun «leicht» restauriert werden.
 Hier wird die Diesellok an den Gütertriebwagen gehängt.

Auf der letzten Reise: Der «Gem 4/4 121» wird mit einer Diesellokomotive nach Bätterkinden geschleppt.

Thomas Ulrich

Dem Ziel eine Etappe näher gekommen

Der rund 30-köpfige Bahnhistorische Verein will das alte Fahrzeug soweit restaurieren, sodass er später in einem Museum ausgestellt werden kann. Denn der «121er» ist heute weitgehend so erhalten, wie noch vor 108 Jahren und das soll auch für die Nachwelt so bleiben. Dafür greifen die Mitglieder auch gerne ins private Portemonnaie. Vorstandsmitglied Sascha Attia: «Für uns ist heute ein freudiger Tag. Wir haben eine Etappe auf dem Weg zum Ziel erreicht.»

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