Umwelt
Müll wird zu Kunst: Mehrere Monate segelte Solothurner über Weltmeere und sammelte Plastikmüll

Insgesamt 14 Monate segelte Urs Rieder über die Weltmeere. Nicht nur wegen des Abenteuers, sondern auch um auf ein zunehmendes Problem aufmerksam zu machen: den Plastikmüll in den Meeren. Für das Projekt G-Cubes sammelte der Solothurner Abfälle ein. Daraus entstand Kunst.

Hans Peter Schläfli
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Kunst aus Müll: Urs Rieder mit zwei Würfeln des Künstlers Harald Reichenbach.

Kunst aus Müll: Urs Rieder mit zwei Würfeln des Künstlers Harald Reichenbach.

Hans Peter Schläfli

Wer hat noch nie schockierende Bilder einer Meeresschildkröte gesehen, die beim Versuch, einen Plastiksack zu fressen, verendet ist? Der Solothurner Urs Rieder hat sich entschieden, etwas dagegen zu unternehmen. Er segelte mit dem Berner Künstler Harald Reichenbach um die Welt, um an exotischen Stränden Müll für das Projekt G-Cube einzusammeln. Aus dem Abfall sind bunte Würfel entstanden – Symbole für die Verschmutzung der Weltmeere und Kunstwerke, die sensibilisieren.

Mit dieser Jacht war Urs Rieder unterwegs.

Mit dieser Jacht war Urs Rieder unterwegs.

zvg

«Ich war insgesamt 14 Monate mit der World ARC (Round the World Rally) unterwegs», erzählt Urs Rieder von seinem Abenteuer. Von der Startinsel Santa Lucia in der Karibik ging es nach Kolumbien, durch den Panamakanal, über die Galapagosinseln, wo Rieder erstmals ausstieg. Weiter segelte die Jacht «O’Deline» durch die Südsee nach Port Villa im Vanuatu Archipel, wo der Solothurner wieder zur Crew stiess.

«Über das Barrier Reef in Australien ging es nach Lombok, Indonesien, wo die Flotte sehr traurige und nachdenkliche Tage erlebte, weil die Ferieninsel im 29. Juli 2018 innerhalb einer Woche von zwei schweren Erdbeben erschüttert worden war.» Wunderschön sei dagegen der Ausflug in Borneos Tanjung-Puting-Nationalpark zu den Orang-Utans gewesen.

Am Ende kam Corona dem Projekt in die Quere

Weiter ging die Reise nach Singapur, Thailand, Indien und Sri Lanka, wo Urs Rieder erneut eine Pause einlegte. Die «O’Deline» segelte weiter nach Maskat und in Male stieg er wieder zu. «Wir segelten südwärts im Indischen Ozean nach Mauritius, La Réunion und zur Marina Richards Bay an der Ostküste von Südafrika», erzählt Rieder. Am Kap der guten Hoffnung sei dann für ihn definitiv Schluss gewesen, während der Segeltörn über Brasilien bis nach Grenada weiterging. «Am Ende ist dem Projekt die Coronapandemie in die Quere gekommen. Die ‹O’Deline› durfte nicht mehr wie geplant in Santa Lucia anlegen. Die Expedition wurde auf Grenada beendet.»

Aber wie kommt jemand vom Jurasüdfuss dazu, die Welt zu umsegeln? Aufgewachsen ist Urs Rieder in Feldbrunnen und begann in der Informatik zu arbeiten, als der Computer in den 80er-Jahren gerade die Welt eroberte. «Ich lebte ein paar Jahre in Australien und lernte dort einen Schweizer kennen, dessen Brüder segelten. Als ich wieder zurück in der Schweiz war, luden diese mich zu einem Segeltörn in die Karibik ein. Dort hat es mich richtig gepackt. Für einen Ferientörn ist es das schönste Gebiet, das man sich vorstellen kann», erinnert er sich. «Als ich zurückkam, machte ich sowohl die Segelprüfung für Binnengewässer als auch die Hochseeausweise für alle Weltmeeren. Heute besitze ich ein Schiff auf dem Neuenburgersee.»

Vom Inselhopping in den Ferien bis zu einer Weltumsegelung ist es aber noch ein weiter Weg. «Über einen mittlerweile leider verstorbenen Segelfreund wurde ich auf die Initiative des Berner Künstlers Harald Reichenbach aufmerksam. Das Timing war perfekt. Frisch pensioniert, hatte ich Zeit und Lust, also meldete ich mich an.

Am Start in St. Lucia war es wegen Starkwind schon aufregend und turbulent, jeder wollte ja als Erster über die Startlinie. Zum Glück gab in der Flotte mit 34 Jachten keine Havarien. In St. Marta ging unser Skipper wegen persönlicher Probleme von Bord und ich übernahm die O’Deline als Skipper.»

Das bedeutete, dass Urs Rieder während der Reise die zivil- und strafrechtliche Verantwortung für die Sicherheit von Schiff und Besatzung trug. Auch alle nautischen Aufgaben (Navigation, Wetter, Gezeiten) sowie Zoll und Immigration gehörten in sein Ressort.

Auf den Galapagosinseln findet man Müll aus China

«Der Abfall in den Weltmeeren ist ein sehr trauriges Kapitel», erzählt Rieder. «Es gibt Strände, fern von jeder Zivilisation, wo sehr viel Plastik angeschwemmt wird. Auf den Galapagosinseln findet man zum Beispiel Müll, der aus China stammt und von der Meeresströmung über den ganzen Pazifik transportiert wurde. Wenn wir weiter so Plastikabfall produzieren, gibt es in 20 bis 30 Jahren mehr Mikroplastik im Meer als Plankton.»

Auf solche Anblicke traf Urs Rieder auf seiner Reise: Am Strand dieser unbewohnten Insel findet sich viel angeschwemmter Abfall.

Auf solche Anblicke traf Urs Rieder auf seiner Reise: Am Strand dieser unbewohnten Insel findet sich viel angeschwemmter Abfall.

zvg

Auf der Reise habe er Kinder getroffen, die dachten, dass Müll am Strand einfach dazugehöre. Zusammen mit örtlichen Schulen und Umweltorganisationen sammelte das Projekt mit Künstler Reichenbach vor allem an den Stränden im Pazifischen und Indischen Ozean viel angeschwemmten Zivilisationsmüll ein. Dann wurde der Abfall zu Würfeln gepresst, die in die durchsichtigen Formen passen.

Die mit Harz aufgefüllten Würfel haben eine Kantenlänge von exakt 10 Zentimetern und aus 1'000 Würfeln macht Harald Reichenbach Skulpturen, die einen Kubikmeter gross ist. In jedem G-Cube sind die Koordinaten eingetragen, wovon der Müll stammt. Für 400 Franken kann man nun die Würfel kaufen und damit das Projekt finanziell unterstützen.

«Wir wollen die junge Generation mit unserem Projekt sensibilisieren, denn sie muss einen Weg finden, wie kein Plastikmüll mehr in die Umwelt kommt», sagt Rieder. «In der Südsee gibt es bereits Inseln, wo Plastik verboten ist und dort wird das Essen wieder wie früher in Bananenblätter verpackt. Es ist etwas komplizierter, aber es funktioniert.»

Hinweis

Weitere Informationen über das Projekt G-Cube gibt es unter: www.g-cubes.com

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