Premiere
Molière konnte tun, was er wollte, die Menschen hätte er nicht verändert

Begeisternde Premiere von Molières «Der Menschenfeind» im Stadttheater Solothurn. Dabei brillieren Tim Mackenbrock als Alceste und Antina Tabé als Célimène.

Angelica Schorre
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In seiner berühmten Komödie «Der Menschenfeind» zeigt Molière die Leiden eines geradezu wahnhaften Idealisten. Vorgestern Freitag fand die begeisternde Premiere im Stadttheater Solothurn statt.

In seiner berühmten Komödie «Der Menschenfeind» zeigt Molière die Leiden eines geradezu wahnhaften Idealisten. Vorgestern Freitag fand die begeisternde Premiere im Stadttheater Solothurn statt.

Ilja Mess/zvg

Warum sagt man nicht immer die Wahrheit? Aus Höflichkeit? Aus Gehässigkeit? Weil kleine oder grössere Lügen zum guten Ton gehören? Und dann kommt einer daher, der das gesellschaftlich akzeptierte Spiel nicht mitmacht, für den nur die Wahrheit oder die eigene Wahrheit gilt: Willkommen bei Molières Komödie «Der Menschenfeind», 1666 in Paris uraufgeführt – vorgestern Freitag fand die begeisternde Premiere im Stadttheater Solothurn statt.

Alceste sind die Heuchelei und Intrigen des höfischen Lebens zutiefst zuwider. So zuwider, dass er «in die letzte Wüste gehen will, um keinen Menschen mehr zu sehn», denn «Ehrlichkeit ist alles, was ich kann».

Tim Mackenbrock spielt den Ehrlichkeitsritter wunderbar facettenreich: uneinsichtig aufrichtig, mal Märtyrer, mal sympathischer Trotzkopf, immer wieder mit sich und, ach, der Liebe ringend.

Denn Alceste hat sich in die schöne Célimène (Atina Tabé) verliebt, die einen eigenen Salon führt und Meisterin der Intrigen ist. Sie verkörpert alles, was er bekämpft. Aber eben: «Sein Herz folgt nicht mehr dem Verstand.»

Selbst als auffliegt, dass sie ihre Verehrer – so richtig schön dekadent gespielt von Lou Elias Bihler und Dimitri Stapfer – gekonnt gegeneinander ausspielt, steht er zu ihr und will sie mit in seine einsame Wüste nehmen – definitiv kein Ort für die lebenslustige Dame, obwohl sie ihm durchaus gewogen ist.

Aufrichtig zugetan ist Alceste auch sein Freund Philinte (Jan-Philip Walter Heinzel), der ihn vergebens davon überzeugen will, die Menschen doch so zu nehmen wie sie sind.

Doch Alceste ist «seines Freundes Herz zu gross». Aber das «grosse Herz» Philintes und die naiv-pragmatische Weltsicht von Célimènes Cousine Éliante (Natalina Muggli) lassen die beiden zu einem Paar werden.

Alcestes engherzige Wahrheitsliebe – Aufrichtigkeit um jeden Preis – bringt ihn sogar vor Gericht: Er macht den Möchtegerndichter Oronte (Mario Gremlich) zur Schnecke und nimmt eine Verurteilung bewusst in Kauf.

Dass Wahrheit auch eine messerscharfe Waffe sein kann, zeigt die herrliche Szene, in der Célimène und die ältliche Arsinoé (Barbara Grimm) mit dem verhaltenen Aggressionspotenzial zweier Sumo-Ringer verbal aufeinander losgehen. Alceste schickt sich am Schluss des Stückes selbst in die Wüste – ob ihn Philinte noch daran hindern kann, bleibt offen.

Ein gelungener Kunstgriff in der Inszenierung von Daniel Pfluger ist das «Theater im Theater»: Das Zwischenspiel nach der Pause ist eine Anlehnung an Molières «L’Impromptu de Versailles», in dem Molière mit seiner Theatertruppe probt und feststellen muss, «dass er schreiben mag, was er will – die Menschen wird er nicht ändern».

Auch in der Komödie «Der Menschenfeind» zeigte Molière seine Fähigkeit, sich selber mit Abstand betrachten zu können, zur Selbstironie: Er spielte den Misanthropen Alceste selber, die Darstellerin der Célimène war seine um 20 Jahre jüngere Frau Armande Béjart, die ihm nicht immer treu ergeben war.

Gelungen ist auch das Spiel vor dem Vorhang: Das puristische Bühnenbild (Flurin Borg Madsen) zeigt im Hintergrund eine zu hoch gehängte Messlatte, an der bei Szenenende ein goldener Vorhang entlang rauscht ...

Weitere Aufführungen im Stadttheater: 3./12. 11., 5. 12., 8./27. 1. 2016, jeweils 19.30 Uhr.

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