«Gastgeber der reformierten Stadtkirche» – diesen Titel hat sich Heinz Däppen, weiss Gott, nicht selbst gegeben. Aber er passt, weil er weiter reicht als nur «Sigrist». Gleichzeitig erfasst auch diese Bezeichnung längst nicht das Spektrum an Tätigkeiten, die den 63-Jährigen in der Stadtkirche tagtäglich beschäftigen, inspirieren, interessieren. Am 24. Februar wird er anlässlich eines Gottesdienstes offiziell verabschiedet: Heinz Däppen geht nach 34 Jahren im Dienste der Stadtkirche und ihrer Menschen in den wohlverdienten Ruhestand.

Er behütet einen «Wald»

Er, der alle Klischees des raubeinigen, übellaunigen Hauswarts über den Haufen wirft, hat an vielen Ecken und Enden des Kirchenbetriebs seine Spuren hinterlassen. So wie schon sein Grossvater, der 1923 beim Bau der heutigen Stadtkirche beteiligt war. Der neoklassizistische Bau ist im Innern einem Waldstück nachempfunden: Dämmerlicht, grüne Wände, florale Deckenverzierungen. Däppen zeigt auf die 60 Lichter, die das fleckige Wechselspiel von Sonne und Schatten unter einem Blätterdach symbolisieren.

«In Geschichtsbücher eintauchen»

Man erfährt in wenigen Minuten viel Wissenswertes vom Gastgeber, der in diesem «Wald» zum Rechten schaut. Auch, wie die reformierte Kirchgemeinde inmitten der katholischen «Insel» Solothurn entstand. Oder wie es kam, dass Mariengesänge im protestantischen Gottesdienst zu hören waren. Oder warum die Stadtkirche erst im zweiten Anlauf so gebaut werden konnte – so drohte die erste Kirche in Schieflage zu geraten, weil sie teilweise auf Eichenstämmen früherer Bauten stand.

«Ich tauche halt gerne in Geschichtsbücher ein», sagt Däppen. Und so ist der Laienkurs in Kirchenführung als jüngster Eintrag in seinem Lebenslauf zu finden. Ein weiterer kommt nach dem baldigen Abschluss der Ausbildung hinzu: Katechet. Er, der das lebenslange Lernen nicht lassen kann, nie lassen konnte. Bewusst ausgesucht hat er sich dies aber nie. Doch immer Grossvaters Ratschlag im Ohr gehabt: «Pack das Leben wie einen Muni an den Hörnern.»

Wie er zum Glauben kam

Aufgewachsen in Thun, hat Heinz Däppen durch seine Bucheggberger Mutter auch Wurzeln hier in die Region. Sein Vater war Binnenschiffer, was den Sohn später dazu ermutigte, selbst den privaten Bootsführerschein zu machen. Nach seiner Lehre als Physik- und Chemielaborant absolvierte er ein Berufspraktikum in Yverdon. «Dort schlitterte ich in eine Jugenddepression, entdeckte aber in der deutschsprachigen Diaspora das Christentum als Rettungsanker», erinnert sich Däppen. «Obwohl ich in einem säkularen Elternhaus aufgewachsen war: In einem Schlüsselmoment lernte ich mit 20 Jahren, mich mit meinen Gedanken Gott anzuvertrauen.»

Aus einem «Nützts nüt, so schadts nüt» erwuchs die christliche Grundhaltung, die seither sein Leben prägt. Nach der Rekrutenschule trat er in der Solothurner Autophon als Werkstofftechnologe seine Stelle an – arbeitete unter anderem im Bereich Elektronische Kriegsführung. Es dauerte nicht lange, da er seine Arbeit im Dienste der Rüstungsindustrie hinterfragte. «Ich konnte es mit meiner religiösen Einstellung immer schlechter vereinbaren.» Nichtsdestotrotz beendete er regulär seinen Militärdienst – «mit Würde und Anstand». Sogar seine Reservebereitschaft als freiwilliger Armeefahrer hält er bis heute aufrecht.

Sigrist – «warum nicht?»

«An einem Brötliabend im Wald» sei es dazu gekommen, dass ein sozialdiakonischer Mitarbeiter der Solothurner Kirchgemeinde zufällig an ihn mit dem Vorschlag herantrat, in der Stadtkirche als Sigrist anzufangen: Aus einem anfänglichen «Spinnst Du?» – denn schliesslich zählte er zu den «Weisskitteln» der Autophon – wurde alsbald ein «Warum nicht?».

Auf diese Weise würde er seine manuellen Fertigkeiten wie auch sein technisches Wissen und seine christliche Grundhaltung in einen Beruf einbringen können, der eigentlich Berufung ist. Und so sagte er zu. Gerade damals noch flexiblere Arbeitszeiten boten Gelegenheit, auch seiner Berufung als Familienvater nachzukommen: Er und seine Frau haben ein Pflegekind und vier Adoptivkinder grossgezogen und hatten jahrelang einen SOS-Pflegplatz des Solothurner Sozialamtes inne.

«Man könnte mich ‹solothurnliberal› nennen»

Auch blickt er auf ein langjähriges Engagement im Jugendbereich zurück. Aus dem Einfluss von 1968 und «Woodstock» hat er sich bis heute andere Inhalte bewahrt als vielleicht die meisten: «Die damalige Zeit hat mich dahingehend geprägt, dass ich den Menschen zutraue, selbst Verantwortung zu übernehmen. Man könnte das Ganze ‹solothurnliberal› nennen.» So hat er bei der Projektierung der damals neuen Kulturfabrik Kofmehl seine Beziehungen ins Wasseramt und zur dortigen Repla spielen lassen und so auch Mittel zur Realisierung mobilisieren können. Und: Durch seine Initiative in der kantonalen Fachkommission für Jugend wurde die Verpflichtung zur Jugendarbeit in den Solothurner Gemeinden gesetzlich verankert.

IT-Crack und Tontechniker

Mit der Verbreitung des Computers begann sich ab Anfang der Neunziger auch Däppen für die neue Kulturtechnik zu interessieren: «Ich war der Zweite in der ganzen Kirchgemeinde mit einer eigenen E-Mail-Adresse.» Und in den Nullerjahren zählte er zu den Pionieren, die für den Datenaustausch von Pfarreimitarbeitern eine Cloud einrichteten. Ebenfalls liess er sich auf eigene Initiative und eigene Rechnung zum Betriebselektriker ausbilden, um auch seine berufliche Situation zu sichern.

Und bis zuletzt ist er «Chefakustiker» der Stadtkirche geblieben: «In einer Kirchgemeinde sind die Sprechanlage und ihre akustische Tauglichkeit oft Streitpunkt.» Und so hat er auch bei der Auswahl der heutigen Anlage seinen Einfluss geltend gemacht. Sein geschärftes Ohr kam dann auch dem Organisten zugute: Als Tontechniker und Produzent hat er bei drei CDs von Urs Aeberhard mitgewirkt. Zudem konnte der Organist durch eine Installation Däppens über 300 Titel einspielen.

Ab in den «Unruhestand»

Während die Frage, was die Stadtkirche ohne ihren bisherigen Gastgeber machen wird, noch offenbleibt, ist die umgekehrte Frage längst beantwortet: Däppen arbeitet weiter als Religionslehrer bei der Kirchgemeinde Olten und unterrichtet 38 Kinder.

Mehr noch: Aufbauend auf seinem akustischen Gespür, wird Däppen ein Standbein als Selbstständigerwerbender weiterführen. Er rüstet Modelleisenbahn-Anlagen mit dem passenden Sound aus. Entstanden sei die Leidenschaft bereits mit zwölf Jahren, als er mit seiner Super-8-Kamera Bahnfahrten mitgeschnitten hatte und sie später mit typischen Eisenbahn-Geräuschen vertonte. «Mittlerweile programmiere ich die elektronischen Bauteile von Modelleisenbahnen.» Sagts und ergänzt die ohnehin lange Liste: «Ach ja, doppelte Buchhaltung musste ich dafür auch noch lernen...»

Gottesdienst mit Verabschiedung von Heinz Däppen: 24. Februar, 10 Uhr, reformierte Stadtkirche.