«Weihnachten ist das Fest der Liebe, aber auch das Fest des Singens», betont Andreas Reize, musikalischer Leiter der Singknaben der St.-Ursen-Kathedrale – just zu jener Jahreszeit, da für ihn und die 62 Buben- und Männerstimmen wie jedes Jahr Hochbetrieb herrscht. Den feierlichen Jahresabschluss mit Advents- und Weihnachtsliedern bildet das Konzert am Mittwoch, 23.Dezember, um 19 Uhr in der Kirche St. Marien.

Für dieses Jahr schwebte dem Leiter eine besondere Idee vor: Bereits vor Konzertbeginn wird Buben ab fünf Jahren die Möglichkeit gegeben, für zwei bis drei Lieder am Auftritt mitzuwirken. Dazu sind sie ab 16.30 Uhr zur Probe ins Pfarreiheim der Marienkirche eingeladen. Und nach einem Imbiss und einer spielerischen Einstimmung folgt die Gesamtprobe mit den Singknaben selbst. Als Lieder hat Andreas Reize «Es kommt ein Schiff geladen» und «Stille Nacht» ausgewählt, je nach Fortschritt könnte mit «O du fröhliche» ein weiteres Weihnachtslied hinzukommen.

Reize nennt mehrere Gründe für dieses neue Projekt: «Viele Eltern kennen kaum noch Weihnachtslieder, geschweige denn können sie sie ihren Kindern beibringen.» Oft seien die Eltern damit schlicht überfordert. «Durch die Möglichkeit mitzusingen, ermöglichen wir den Buben einen spielerischen Einstieg», sagt Reize.

«Je früher, umso besser»

Natürlich betreibe man durch die Aktion auch eine Form der Nachwuchsförderung. Zwar zeigt sich Reize über den Bestand von über 60 Choristen durchaus zufrieden. «Viele sind auch erstaunt, dass es in Solothurn einen Chor auf diesem Level hat.» So gesellen sich auch Jungtalente von Olten bis Biel zu den Reihen der Chorsänger.

Dennoch besteht die Möglichkeit zum Ausbau. «Die Biologie und der Stimmbruch geben es vor: Je früher der Einstieg, umso besser», sagt Reize. Ausserdem möchte er nach dem Vorbild englischer Chöre auch die Stimmregister der Solothurner Singknaben so strukturieren, dass die Mehrheit der Buben Sopran singen und dass die Register Altus, Tenor und Bass mit Mitgliedern nach dem Stimmbruch besetzt werden.

Eine weitere Idee bestünde darin, ab 2016 eine zusätzliche Gruppe mit Augenmerk auf musikalische Früherziehung vor den Singspatzen (Vorkurs für Fünf- bis Sechsjährige), dem Grundkurs (ab sieben Jahren) und dem Chor (ab acht Jahren) aufzubauen. «Wir denken über ein Angebot für Buben ab drei Jahren nach. Bewegung und spielerisches Entdecken der Stimme stünden im Vordergrund», so Reize.

Offen für alle

Nicht zuletzt ist der über 1200-jährige und damit älteste Knabenchor der Schweiz auch bestrebt, sein Image als moderner Chor des 21. Jahrhunderts zu festigen. «Wir wollen zeigen, dass wir uns sowohl der Tradition als auch dem modernen Gesang verschreiben.»

Ausgefallene Konzertdarbietungen setzen eins drauf: Anlässlich des Weihnachtsoratoriums traten die Sänger zum Teil mit gefärbten Haaren und peppigem Outfit auf. «Hier können wir uns manche Freiheiten erlauben, die bei Gastauftritten im Ausland kaum möglich wären», sagt Reize mit einem Schmunzeln.

Natürlich wolle man darüber hinaus nicht vergessen, dass man ein Kirchenchor sei. «Schliesslich nutzen wir auch die Räumlichkeiten der Pfarrei.» Ausserdem hätte jedermann einen Bezug zur hiesigen Kathedrale. Dennoch hat sich der Chor seit 1981 laut Stiftungsstatut dem Grundsatz verschrieben, wonach die Teilnahme bei den Singknaben allen Konfessionen möglich sei.

«Oftmals haben Eltern Berührungsängste mit der Institution Kirche. Unsere Aufgabe ist es nun nicht, die Freude an der Kirche, dafür aber die Freude am Singen zu wecken.» Nourdin Khamsi ist mit 23 Jahren der älteste Chor-«Knabe» und betont die vorherrschende Offenheit: «Jeder Bub, der Interesse am Singen hat, ist willkommen.»

So ist nicht einmal die Hälfte der Singknaben katholisch. Nur über Konfessionsgrenzen hinaus ist die Vielfalt der Mitglieder noch nicht gelangt: So hatte zwar einmal ein Bub aus nichtchristlicher Herkunft Interesse mitzusingen. Nur verwehrte sich aber dessen Vater aus religiösen Gründen dagegen. Und die Zustimmung der Eltern ist nun mal erforderlich. «Hier könnten wir aber künftig eine wichtige Integrationsaufgabe wahrnehmen», so Reize.