Die ersten Lacher kamen schon gleich zu Beginn: Zu Schumanns Klavierstück «Von fremden Ländern und Menschen» tritt der erste Schauspieler auf - in typischer Bichsel-Montur mit Leder-Gilet, Uhrkette und Dächlichappe (Schiebermütze). Zwei ähnlich gekleidete Darsteller gesellen sich zu ihm, und auch die beiden Frauen im Ensemble ziehen sich zeitweise so an.

In der ersten Szene «Die Männer» sinnieren drei Beobachter über eine junge Frau, von der man wünschte, sie wäre ein bisschen verdorben. Später, in «Die Wichtigkeit des CH-Stempelns», wird konzis die Gemeinsamkeit von Kinderspiel, Stumpenasche-Sammeln und dem Schweizer Militär dargelegt: es ist die mit grossem Ernst ausgeübte Nutzlosigkeit.

Die Regisseurin verteilt die verschiedenen Prosatexte 'mal auf mehrere Personen, dann wieder lässt sie monologisieren oder als «wir"-Chor synchron sprechen; selten werden auch Rollen übernommen. Das alles ist aufs Schönste arrangiert, mit Musik - mal aus dem Lautsprecher, mal live - angereichert, mit Videoprojektionen auf Papierkulissen ergänzt. Wie aus einem Guss.

Weniger ist mehr

Bühnencollagen aus Prosatexten sind stets ein grosses Risiko: Zu stark ist die Versuchung, die nicht fürs Theater gemachten Sätze durch grelle Inszenierung zu erschlagen.

Ganz anders aber in «Mit wem soll ich jetzt schweigen?». Epstein hat sehr genau gelesen und nimmt auch winzigste Details ernst. Etwa wenn Kinder sich an die Strasse stellen und auf Autos warten - und dann lange stumm bleiben. Denn: «Das war kurz nach dem Krieg, Autos waren selten», steht im Text weiter.

Die Regisseurin ist auch nicht der Versuchung erlegen, aus dem reichen Vorrat an brillanter Bichselscher Kurzprosa eine zu üppige Mahlzeit zu kochen: Die Auswahl ist relativ klein und Wiederholung wird nicht als Zeitverlust betrachtet. Die Eisenbahn und die Natur des Erzählens sind Schwerpunkte, die Bichsel selber setzt.

Hühnerhaut

Den Abschluss bildet die Kolumne «Willi, sie lügen wieder», ein posthumer Brief an den Freund und Wanderkollegen Bundesrat Willi Ritschard, der kurz nach seiner Rücktrittserklärung als Bundesrat 1983 auf einem Spaziergang verstarb.

«Mit wem soll ich jetzt schweigen?» lautet die letzte Zeile im Stück. Das Arbeiterlied «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit» bildet den Ausklang. Einer von wenigen Hühnerhaut-Momenten an dem doch eher heiteren Abend.