«Wir sind wohl der einzige Verein, der im gleichen Jahrhundert zweimal ein rundes Jubiläum von mehreren hundert Jahren gefeiert hat.» Peter Wagner, Präsident der Schützengesellschaft der Stadt Solothurn, grinst verschmitzt.

Tatsächlich – in der grosszügigen Schützenstube am Zeughausplatz verweist ein Plakat von 1920 auf die 400-Jahr-Feier der Stadtschützen, wie sie verkürzt im Volksmund genannt werden. Warum aber dann 1962 schon das 500-Jahr-Jubiläum? Und jetzt bereits 550 Jahre? Aus dem Grinsen wird ein Lachen. «Man hat eben gemerkt, dass wir viel älter sind.»

Wahrscheinlich sogar älter als das jetzt in Anspruch genommene Datum 1462. Denn damals unterwies der Zürcher Hans Zehnder die Solothurner Schützen erstmals im Gebrauch von Bleikugeln und Schiesspulver sowie der schweren, unhandlichen Luntenbüchsen.

«Die Armbrust war damals eine Revolution»

Vorher hatten die Stadtschützen auf die hoch entwickelte Armbrust gesetzt, doch diese sollte von da an parallel nur noch ein knappes Jahrhundert verwendet werden. «Das war damals eine Revolution, vergleichbar mit der Einführung des Computers in unserer Zeit», meint Wagner.

Trotz Rohrkrepierern und ähnlich unliebsamen Zwischenfällen genossen die krachenden Feuerwaffen bald ein hohes Sozialprestige und auch die Gaben an den Schützenfesten waren weit kostbarer dotiert als die der Armbrustschützen, obwohl der «Armbruster» lange Zeit ein offizielles städtisches Amt war. Das Wichtigste aber: In Sachen Reichweite übertrafen die Büchsen die Armbrüste bald einmal um das Doppelte, wie an Schützenfesten des frühen 16. Jahrhunderts akribisch nachgewiesen wurde.

Kostbarkeiten zuhauf

Das älteste Schützenfähnlein von 1514 prangt zwar nur als Kopie von der Wand der Schützenstube, es ist im Alten Zeughaus ausgestellt. Der Original-Leuchter, die so genannte «Zunftmätz» ist dagegen im Museum Blumenstein ausgelagert; in der Zunftstube befindet sich eine kleinere Kopie.

Dazu unzählige Pokale und Ehrengaben, uralte Kassenbücher, die Wappen aller ab 1602 verstorbenen Schützenkameraden. «Einen hat man nicht gemocht, und deshalb darunter ‹Esel› vermerkt», weiss Peter Wagner. Um gleich darauf einen Stapel Originalstiche von Martin Disteli hervorzukramen.

Sie zeigen Szenen des nach 1840 zweiten eidgenössischen Schützenfests in Solothurn um 1855. Ein zweistöckiges Caféhaus wurde damals auf freiem Feld gebaut – ein «Eidgenössisches» war schon zu dieser Zeit eine monströse Angelegenheit. Dass Kostbarkeiten wie die echten Disteli-Stiche in der Schützenstube quasi «herumliegen», hat zwei Gründe: Das Staatsarchiv gab mangels Platz alles eingelagerte Material der Stadtschützen zurück, und «wir haben halt keinen professionellen Archivar.»

«Wer seicht und furzt …»

Die Stadtschützen waren über Jahrhundert auf zwei Standorte fixiert: das Schützenhaus in der Schützenmatte mit Restaurant und Kegelbahn, 1922 durch den neuen Schiessstand in Zuchwil abgelöst, und das Zunfthaus der Schützen an der Hauptgasse. «Dabei handelte es sich um das alte Rathaus, bevor im 16. Jahrhundert das jetzige erbaut worden ist», erzählt Wagner.

Denn die Schützen, anfänglich betraut mit der Stadtverteidigung, waren als Zunft organisiert, wobei diese nicht zu den elf Handwerkszünften Solothurn zählte – deren Mitglieder aber durchaus in der Schützenzunft aktiv sein konnten. Die alte Zunfthalle war Jahrhunderte lang Treffpunkt für grosse Festivitäten und sogar Empfänge ausländischer Honoratioren, ehe sie 1871 von den Schützen verkauft und nach 1920 zu einem Kino umgebaut wurde, dem heutigen «Palace».

Nicht immer führten sich die Schützen gesittet auf, zitiert Peter Wagner aus einer Schiessordnung: «Wer seicht und furzt im Schiessen wird heimgeschickt.» Legendär waren in früheren Jahrhunderten auch die jährlichen Züge von der Altstadt in die Schützenmatt, bei denen oft vor Häusern, wo schöne Frauen wohnten, drauflos geballert wurde – was immer wieder scharfe Verweise der Obrigkeit nach sich zog.

Zwei Weltmeister

1922 feierten die Stadtschützen mit Hans Hänni einen Weltmeister über 50 m. Seine Matchpistole ist in der Schützenstube ebenso erhalten wie das Trefferbild auf der Originalscheibe des WM-Ortes Mailand.

Letztes Jahr gabs für den Verein erneut einen WM-Titel: Peter Heller holte ihn in Rhodos im Dynamic Shooting, dem früheren Combat-Schiessen. «Das ist sehr populär geworden», bestätigt Peter Wagner. Und auch dank dieser Disziplin zählt der Verein weiterhin 200 Mitglieder, die zudem in den Sektionen Gewehr 300 m. Pistole 25/50 m und Luftpistole 10 m aktiv sind.

Elf Vorstandsmitglieder, darunter zwei Frauen, führt Wagner an, und das schon seit 21 Jahren. Nein, ein Kantonalschützenfest sei für die Stadtschützen eine viel zu grosse Nummer, winkt der Präsident angesichts von 8000 teilnehmenden Schützen ab.

Doch ein Gradmesser für künftige Schiessanlässe könnte das Jubiläumsschiessen (vgl. Kasten) im 90-jährigen Zuchwiler Stand werden, den man mit dem Feldwaffenverein, den Zuchwiler und Derendinger Schützen teilt. «Wir hoffen auf mindestens 600 Teilnehmer», so Wagner. Sollte damit etwas für die Kasse rausspringen, möchte er damit die altehrwürdige Anlage auffrischen.

Noch ein Ziel hat der 63-jährige Lehrer der Kaufmännischen Berufsschule ein Jahr vor seiner Pensionierung ins Auge gefasst: «Nach dem Jubiläumsjahr suche ich eine geeignete Person für meine Nachfolge.» Und dann? «Mache ich hier den Archivar!