Nichts deutet hinter der Notfallabteilung auf die modernste Einrichtung der Solothurner Spitäler hin. Haustechniker fahren mit Velos an Garderoben und Technikräumen vorbei. An den Ecken des langen Ganges verhindern Deckenspiegel, dass Patientenbetten, Personal und Putzmaschinen ineinanderprallen.

Nur eine frisch gestrichene gelbe Türnische weist auf das soeben eröffnete Herzkatheterlabor hin. Hier führt seit dem 10. Juli Professor Rolf Vogel Herzkatheteruntersuchungen durch. Hauchdünne Drähte schleust er in die Leistenarterien der Patienten ein und schiebt sie zum Herz hoch.

Der 47-jährige Kardiologie-Chefarzt etabliert damit das Bürgerspital in einem Bereich, der bis vor wenigen Jahren grossen Spitälern vorbehalten war. Zehn Monate haben die Vorbereitungen für das Herzkatheterlabors gedauert. Der 74-jährige Patient, der auf den Eingriff wartet, liegt bereits zum zweiten Mal auf dem OP-Tisch, seit er Mitte Juli einen Herzinfarkt hatte.

Ein hellblaues Tuch bedeckt seinen Körper. Nur ob der Hüfte ist ein Loch im Tuch. Dort sticht Vogel um 10 Uhr in die Arterie des Patienten. Für kurze Zeit spritzt Blut. Mit einer langen Schleuse - vergleichbar mit einer überdimensionierten Plastikspritze - dichtet Vogel die Arterie ab. Jetzt arbeitet der Kardiologe nur noch mit hauchdünnen Drähten.

Ein komplizierter Weg zum Herz

Grau-schwarz flimmern die Herzbilder über den Monitor. Arzt und Patient verfolgen den Weg des Katheters durch die Blutgefässe. Kontrastmittel macht die Herzkranzgefässe sichtbar, die sich bei jedem Herzschlag mit Blut aufplustern. Die Stimmung im Labor ist konzentriert. Nur das Röntgengerät sondert regelmässig Töne ab, die an ein Sonar erinnern.

Zwei Personen assistieren Vogel beim Eingriff. Unter der blauen Schürze tragen sie Bleiweste und Bleirock wegen der Röntgenstrahlen. Hinter einer Glasscheibe überwacht eine weitere Person am Computer Puls und Blutdruck des Patienten.

An ein geknicktes Plastikröhrchen erinnert die verkalkte Arterie in den Herzkranzgefässen des 74-jährigen Patienten. Die Verengung beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit des Patienten; zu wenig Blut fliesst zum Herzmuskel. Ob der Hüfte des Patienten zieht Vogel an den feinen Drähten, stösst sie, dreht sie.

Katheter unterschiedlich gebogen

Anders kann er den Katheter nicht bewegen. Je nach Ziel ist die Spitze des Katheters unterschiedlich gebogen, damit der Kardiologe die richtigen Abzweigungen einfacher findet. Im Beckenbereich des Mannes sind die Arterien so verschlängelt, dass Vogel eine neue Schleuse setzen muss: «Es braucht ein gewisses Gefühl und die Erfahrung, wie man mit dem Material manövrieren muss.»

Der Kardiologie-Chefarzt verfügt auch über einen Ingenieurabschluss der ETH. 24 Minuten nach Beginn des Eingriff ist Vogel am Engpass angelangt. Vorne auf dem Katheter steckt jetzt ein nur wenige Zentimeter langes, rundes Metallgerüst, der Stent.

Mit einer Handpumpe bläst Vogel den Ballon unter dem Stent auf, bis dieser die ganze Arterie ausfüllt und den Kalk an den Rand der Arterie wegpresst. Die Materialbelastung ist gewaltig: Mehr als 30 Bar beträgt der Druck im 0,3 Millimeter dicken Katheter - ein Autopneu hat rund 2,3 Bar.

In den Gefässen spielt sich beim «Ballönle» quasi ein künstlicher Kurzzeit-Herzinfarkt ab: Die Arterie ist verschlossen, das Blut kann nicht weiterfliessen. Zum einzigen Mal spürt der Patient Schmerzen.

Gut fünf Minuten später ist die Einstichstelle mit einem Druckverband verschlossen. Der Drucker im Nebenraum wirft ein Protokoll des gelungenen Eingriffs aus. Ein Tag später kann der Patient nach Hause. Das eingesetzte Metallteilchen bleibt ein Leben lang in den Herzkranzgefässen. Nicht immer geht der Eingriff so schnell vorüber. «Ich habe auch schon zwei Stunden «gegrübelt», sagt Vogel.

Ausbau erfolgt Schritt für Schritt

Rund 130 Eingriffe haben Vogel und sein Team seit dem 10. Juli durchgeführt - deutlich mehr als erwartet. Zwei Ärzte und fünf technische Assistenten arbeiten derzeit im Labor. Schritt für Schritt nimmt dieses den Betrieb auf. Ziel ist ein 24-Stunden-Betrieb mit vier Ärzten und acht Assistenzpersonen.

«Wir haben mit stabilen Patienten und geplanten Eingriffen begonnen», sagt Vogel, der vom Berner Inselspital nach Solothurn gewechselt hat. Inzwischen hat Vogel bereits erste Notfallpatienten behandelt. Ab dem 1. September will er wochentags von 7 bis 17 Uhr alle Notfälle im Solothurner Herzkatheterlabor behandeln.

«Bei einem Notfall sind sehr schnell sehr viele Personen involviert. In den Kommunikationspfaden können an mehreren Stellen Fehler geschehen.» Erst wenn der Notfallbetrieb tagsüber einwandfrei klappt, wird das Herzkatheterlabor auch nachts und am Wochenende den Betrieb aufnehmen - voraussichtlich im Januar 2013. Bis dahin werden Notfallpatienten nachts und am Wochenende weiterhin ins Inselspital gefahren.