Stadtbummel Solothurn
Mir doch egal!

Lucien Fluri
Lucien Fluri
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Lärmende Chessler? Mit Ohrenstöpsel ist das doch egal.

Lärmende Chessler? Mit Ohrenstöpsel ist das doch egal.

michelluethi.ch

Gar nichts hat die Chesslete gebracht. Der Winter ist noch da, vertrieben ist er nicht. Die Stadt: grau und kalt. Was für ein Narr muss sein, wer hier die schönste Jahreszeit sieht? Aber mir doch egal. Ich habe Ohrenstöpsel gekauft. Die Fasnacht wird mir keinen Schlaf rauben.

Mir doch egal: Das dachte sich auch der Postautochauffeur. Es regnete, es war dunkel und kalt. Das gelbe Gefährt stand auf dem Bahnhofplatz, die Passagiere warteten im strömenden Regen davor. Zehn Minuten vor Abfahrt klopften die Frierenden an die Türe. Drinnen sass ein Chauffeur, der ein Buch las. Er hatte Pause. Er genoss sie alleine. Wartende draussen?: Ihm doch egal. Es gibt ja eine Wartehalle.

Mir doch egal, Gleichgültigkeit und Desinteresse: Das kommt oft vor, manchmal unbewusst. Man sieht Dinge einfach nicht. Seit Jahren laufe ich beim Muttiturm vorbei in den Chüngeligraben. Aber welche Ferkeleien dort der Künstler Roland Flück mit seinen Hasen angebracht hat: Jahrelang habe ich nicht realisiert, dass nicht jugendfrei ist, was dort auf der Wand getrieben wird. Mir doch egal. Ich laufe weiter. Ein schönes neues Kosciuszko-Denkmal nicht weit im Park entfernt? Mir doch egal. Dort bin ich eh fast nie.

Der schöne Amthausplatz, der noch schönere Dornacherplatz, der allerschönste Postplatz. Uns doch egal. Wir laufen daran vorbei. Die Leute am Amtshausplatz? Egal. Wir nehmen sie kaum mehr wahr. Sterbende Geschäfte in der Altstadt? Uns doch egal. Das Internet funktioniert. Staustunden am Bahnhofplatz? Mir doch egal. Ich fahre Velo. Im CIS ists für Vereine nicht lustig? Sport ist Mord. Mir doch egal. Nachts ist immer weniger los? Mir doch egal. Ich habe meine Ruhe. Die höchsten Steuern der Schweiz? Uns doch egal. In der Steuerhölle sollen wir braten. (Nur bitte keine Bratwürste).

Alles egal? Das geht nicht auf. Aber es gibt sie noch, denen es nicht egal ist. Sie beleben das Nachtleben, Sie machen die trübsten Plätze mit ihren Konfettis etwas bunter. Honolulu ist nicht Solothurn. Es gibt jetzt genug Schnitzelbänke und Fasnachtszeitungen, die der Stadt den Spiegel vorhalten. Ob Bratwurst, ob CIS, Nachtleben und Tempo 30: Es ist den Narren nicht gleichgültig, was in dieser Stadt geschieht. Und deshalb sind sie mir nicht egal. Ein wenig dürfen sie mir den Schlaf schon rauben. Ist mir ganz egal.