Solothurn
Mehr Kirchenaustritte: Das Problem sind nicht die harten Kirchenbänke

2013 wuchs die Zahl der Konfessionslosen in der Stadt Solothurn um 4,5 Prozent. Nun wurden die Stadtsolothurner Vertreter der Landeskirchen zum Problem schrumpfender Pfarreigemeinschaften befragt. Eine Situationsanalyse.

Andreas Kaufmann
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«Ich nutze die Angebote der Kirche nicht, weil diese kein Teil meines Lebens ist» – für viele ist dies ein Austrittsgrund. Hanspeter BÄrtschi

«Ich nutze die Angebote der Kirche nicht, weil diese kein Teil meines Lebens ist» – für viele ist dies ein Austrittsgrund. Hanspeter BÄrtschi

Hanspeter Bärtschi

Wonach sehnt sich der Mensch im spirituellen Sinn? Und wie antworten die Kirchen auf diese Sehnsucht? Fragen, die sich die Landeskirchen angesichts des Mitgliederschwunds je länger wie mehr stellen – und stellen müssen.

Es sind Fragen, die sich auch Koen De Bruycker, Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Solothurn, stellt, wenn er die Zahlen sieht: Geht es darum, den Bestand an bekennenden Gläubigen auf städtischem Boden zu bewahren, so kämpfen alle Landeskirchen mit den gleichen Herausforderungen.

Gemessen an der absoluten Zahl an Angehörigen hat die römisch-katholische Kirche 2013 81 Mitglieder verloren und die reformierte deren 72. Die christkatholische schrumpfte von vorher 158 auf 143. Wobei der deren Pfarrer Klaus Wloemer relativiert: Die Gesamtkirchgemeinde umfasst 56 politische Gemeinden und 417 Mitglieder.

Und in diesem Kontext stehen einer Geburt neun Todesfälle gegenüber, sowie drei Eintritten zwölf Austritte. «Das sind heuer ungewöhnlich viele», sagt Wloemer: «Langfristig halten sich nämlich Ein- und Austritte die Waage.» Stetig kleiner (und älter) wird der Kreis an Kirchenmitgliedern, weil es immer mehr Todesfälle als Geburten gebe.

4,5 Prozent mehr Konfessionslose

Ein leichter Zuwachs um 28 Personen ist bei den anderen Konfessionen festzustellen, die allerdings in der städtischen Einwohnerstatistik nicht aufgeschlüsselt sind, wie Irène Bütikofer von den Einwohnerdiensten mitteilt. Auf der Verwaltung werden nämlich nur Daten erhoben, die steuertechnisch verwendet werden.

Um zehn Personen auf 135 Mitglieder ist die evangelisch-methodistische Kirche Solothurn angewachsen, wie Pfarrer Urs Rickenbacher sagt: «Ein stetig leichtes Wachstum». Als Konfessionslose registriert waren 2013 neu 6052 Menschen, 4,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Umgekehrt profitieren aber kirchenkritische Organisationen wie die Freidenker nicht direkt von den Austritten.

Bei der Vereinigung der Freidenker Solothurn/Grenchen sind 66 Mitglieder aus Grenchen und bloss 4 aus Solothurn, was sich historisch durch eine Ausrichtung auf Grenchen erklärt. «Aus der Kirche Ausgetretene haben tendenziell eher ein geringes Interesse, sich anderswo zum Thema Religion zu engagieren», sagt Präsident Stefan Mauerhofer. Nichtsdestotrotz wolle man die Stellung, die man in Grenchen habe, nun auch in Solothurn stärken: «Die politische Diskussion um den Bettag hat gezeigt, dass es die Freidenker in Meinungsbildungsprozessen braucht.»

Wie geht man damit um?

Für die «Hirten» der Landeskirchen ist der Rückgang längst kein Novum mehr. Zwei schwierige Fragen bleiben dennoch bestehen: Was steckt dahinter und wie geht man damit um? Meistens kämen nämlich die Austrittsschreiben ohne Begründung, sagt Karl Heeb, Kirchgemeindepräsident der römisch-katholischen Pfarrei St. Ursen. Und oft seien die Briefe uniform und von entsprechenden Homepages zum Ausfüllen heruntergeladen worden.

Neben Todesfällen und Wegzügen seien es insgesamt 80 Ausgetretene im vergangenen Jahr. Stadtpfarrer Niklas Raggenbass sieht dahinter diverse Gründe: «Für jüngere Menschen können es finanzielle Motive sein.» Oft würden, wie er aus Gesprächen weiss, individuelle Gründe geltend gemacht: «Ein Ereignis, das das Fass zum Überlaufen bringt, eine missratene Predigt, ein unachtsames Wort eines Seelsorgers, eine missliebige Person, für die wir uns einsetzen.»

Niklas Raggenbass, röm. kath. Stadtpfarrer «Ich glaube, dass durch Papst Franziskus weniger Leute austreten.»

Niklas Raggenbass, röm. kath. Stadtpfarrer «Ich glaube, dass durch Papst Franziskus weniger Leute austreten.»

Wolfgang Wagmann

Vielfach sei auch der regelmässige Kontakt zu den Seelsorgern nicht mehr da. «Hier müssen wir Anreize schaffen, und den Fragen, die sich stellen, nicht einfach davonlaufen.» Ein aktueller Silberstreif am Horizont ist aber bereits jetzt festzustellen: «In vielen Gesprächen auf der Strasse höre ich, wie sympathisch den Menschen der neue Papst ist. Ich glaube aus den Wortmeldungen und aus dem stärkeren Interesse an kirchlichen Themen, dass durch Papst Franziskus weniger Leute austreten», so Raggenbass.

Die Kirche werde nach negativen Schlagzeilen nun durch ihn auch positiv wahrgenommen.

«Ich nutze die Angebote der Pfarrei nicht, weil die Kirche kein Teil meines Lebens ist.» – Aussagen wie diese hört der reformierte Pfarrer Koen de Bruycker bei den Austritten oft. «Auch finanzielle Beweggründe können dahinter stehen.» Ideelle Gründe gehören hingegen eher weniger dazu.

Koen De Bruycker, ref. Pfarrer «Kleiner werden ist eine Möglichkeit, um sich über die eigenen AufgabenGedanken zu machen.»

Koen De Bruycker, ref. Pfarrer «Kleiner werden ist eine Möglichkeit, um sich über die eigenen AufgabenGedanken zu machen.»

AZ

Die Kirche habe sich den veränderten Bedürfnissen der Gesellschaft noch nicht angepasst. «Die reformierte Kirche macht hier keine Ausnahme zu anderen Organisationen oder Institutionen.»

Deshalb brauche es milieuorientierte Angebote, damit für alle etwas Passendes dabei sei. «Auf die Sehnsucht der Menschen Antwort geben, ohne die christliche Botschaft zu verändern», lautet die Devise. «Nur müssen wir uns die Frage stellen, wie wir die Botschaft verpacken.» Und die Entwicklung zur kleineren Kirche stückweit auch hinnehmen: «Kleiner werden ist auch eine Möglichkeit, sich über die eigenen Aufgaben Gedanken zu machen.»

Aktiv mitbestimmen als Weg

«Das Attraktive bei uns ist, dass man aus allen Generationen Menschen findet, denen der Glaube wichtig ist», stellt indes Urs Rickenbacher von der evangelisch-methodistischen Kirche fest. Dass auch die kleine Grösse zum Gemeinschaftsgefühl beträgt, bestätigt er ebenfalls: «So können die Mitglieder mitbestimmen und aktiv am Gemeindeleben teilnehmen.»

Was sie, wie Urs Rickenbacher weiter ausführt, auch tun. Doch auch hier wirken die Faktoren der «höheren Gewalt»: Die Aktiven sind immer älter und auch hier fallen die Todesfälle ins Gewicht. «Aber natürlich gibt es auch Austritte, wenn jemand in der Gemeinschaft nicht mehr zufrieden ist.»

Klaus Wloemer, christkath. Pfarrer

Klaus Wloemer, christkath. Pfarrer

AZ

Ungeachtet möglicher «Erfolgsrezepte» – Grund zur Hoffnung äussert Niklas Raggenbass: «Papst Franziskus sagte, dass die Wirklichkeit wichtiger sei als die Idee. Ein revolutionärer Satz, der Gewicht hat.» Mit Raggenbass dürften auch die Vertreter der anderen Landeskirchen hoffen.

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