Früher war doch alles besser. «Stimmt», sagt da einer und bezieht diese Aussage auf die Fasnacht. Früher, da war die Fasnacht das Ventil der Gesellschaft. Dinge, die den Leuten nicht passten, konnten, ohne Repressionen zu befürchten, angeprangert werden. Jemandem konnten auf subtile Art die Leviten gelesen werden, gesellschaftliche Schranken wurden durchbrochen, man konnte in eine Maske schlüpfen, zeitlich begrenzt jemand anderes sein.

Das alles brauche es heute eben nicht mehr, sagt der Solothurner Kunstmaler Peter Steinmann beim Gespräch in seinem Atelier in Leuzigen. Die Fasnacht werde heute immer mehr zum reinen Vergnügungsevent, bei dem konsumiert werden will. «Heute kann jeder permanent seinem Ärger per Twitter und Facebook Luft machen, ohne gross Konsequenzen zu befürchten.» Das Resultat: «Die Fasnacht als Psychohygiene für die Gesellschaft funktioniert so nicht mehr.»

Wo sind Gönner und Mäzene?

«Die Fasnacht hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren total verändert», sagt Steinmann. Dennoch trägt er noch heute seinen Teil dazu in der Stadt Solothurn bei. Und zwar als Maler von Dekorationen im Landhaus-Saal, wo Maskenbälle stattfinden. Oder als Wagen-Verschönerer für die Honolulu-Zunft. «Früher haben alle Leute bei der Fasnacht mitgemacht. Egal ob ein Arzt, ein Bankdirektor, ein Handwerker, ein Gewerbetreibender oder sein Angestellter: Alle machten zusammen ohne Schranken Fasnacht», berichtet Steinmann.

«Es gab auch noch Gönner oder gar Mäzene, die ihre Infrastruktur, ihre Zeit, auch etwas von ihrem Geld zur Verfügung stellten, damit die Fasnacht zu einem originellen Ganzen wurde.»
Doch niemand stelle heute mehr einfach so eine Halle für eine Wagenbau-Zunft oder ein leerstehendes Lokal für die Clique zur Verfügung. «Heute geht es allen nur noch darum, Profit zu machen – auch bei der Fasnacht.»

Wo sind die Typen?

Doch wie kam Kunstmaler Steinmann, gebürtiger Zürcher und zum grössten Teil in Graubünden aufgewachsen, überhaupt mit der Solothurner Fasnacht in Kontakt?
«Illustrator und Grafiker Rolf Imbach sah meine figurative Malerei und fragte mich vor Jahren einmal an, ob ich nicht Lust hätte, für die Fasnacht Dekorationen anzufertigen.» Das habe ihn gereizt und so sei er von der Honolulu-Zunft engagiert worden. «Wichtig ist bei dieser Art Malerei, dass ein Motiv schnell, speditiv und grossflächig umgesetzt werden kann. Man muss die Sprache der Fasnacht verstehen und ein gewisses Quantum Humor mitbringen», sagt Steinmann. Und je länger er sich im Solothurner Biotop bewegt habe, desto besser konnte er seine Fasnachtsmalereien auch umsetzen.

Doch vor Jahren habe dies noch mehr Spass gemacht. Er begründet: «Früher gab es noch Typen, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielten, die man dann auf einer solchen Fläche karikieren konnte. Das ist leider heute vorbei. Heute sind es nur noch wenige Personen, die einen Wiedererkennungswert aufweisen. Wer kennt heute noch einen Versicherungschef oder Restaurantbetreiber?», bedauert Steinmann. Bei der Fasnachtsmalerei gehe es – wie auch beim Schnitzelbankvers-Dichten – nicht bloss nur darum, schöne Kulissen zu erstellen. «Es sollen Geschichten, Hintergründiges, Überraschendes transportiert werden. Dabei soll der Künstler aber seine Bildsprache beibehalten. «Es steht also ein Prozess hinter jeder Illustration.»

Wo sind die Künstler?

Früher arbeiteten an der Solothurner Fasnacht fünf bis sechs Kunstschaffende mit, erinnert sich Steinmann. Heute sei er noch der Einzige. Warum sich keine jüngeren Künstler finden, welche die Fasnacht mitgestalten, kann er nur erahnen. «Vielleicht ist auch das dem heutigen Zeitgeist geschuldet. Man will sich nicht verpflichten für eine Sache, sich zu etwas bekennen. Man will frei bleiben, für sich selbst etwas erschaffen.» Etwas, das auch was einbringe. «Meine Arbeit an der Fasnacht hat mir natürlich direkt nichts eingebracht. Aber es brachte und bringt mir immer noch Spass, das Zusammensein mit Kollegen und auf längere Sicht vielleicht auch einmal einen Bilderverkauf, weil ein Fasnachtskollege sich für meine Arbeit zu interessieren beginnt.»

Wird denn eine künstlerische Arbeit an der Fasnacht überhaupt geschätzt? «Sicher nicht in dem Ausmass, wie man sich das wünschen würde», meint Steinmann. «Es tut dann schon mal weh, wenn so eine Arbeit nach der Fasnacht einfach vernichtet wird.» Und einen so hohen Stellenwert habe man als Künstler an der Solothurner Fasnacht halt auch nicht, wie dies beispielsweise in Basel der Fall sei. «Dort reissen sich die Künstler ja gerade darum, Laternen zu malen.»

Und auch von Künstler-Seite her sei dieses Engagement nicht hoch geschätzt. «Wahrscheinlich ist Fasnacht vielen Künstlern zu wenig intellektuell. Viele ignorieren die Fasnacht auch ganz einfach.»