Wir haben alles gegeben und es geschafft: Eine weitere Fasnacht liegt hinter uns. Trotz Sportferien, Miesepetrus am Sonntag, trotz Grippe und Medienkonkurrenz aus Pyeong Chang konnte sich der Jahrgang 2018 sehen lassen. Rund um eine gelungene Show, die Honolulu da abgeliefert hat. Show? Ja, die Party war absolut great. Party? Nun, die Begriffe Show und Party sind durchaus am Platz.

Es stellt sich aber die Frage, wie sehr sich die Fasnacht nur noch auf diese Begriffe reduziert, reduzieren lässt. Zum Big Event für das Party People in town. Die Chesslete als «Noise crash», der Umzug als «Carneval Street parade», das Verbrennen des Bööggs als «Big puppet burning»? Geile Affichen für unsere busy Event-Promotoren. Ganz nach dem abgewandelten Motto: «Make the Fasnacht great again».

Die Kunst des Banalen

Wir übertreiben wieder einmal. Noch haben wir die «alte Fasnacht». Geistreiche Schnitzelbänke, die Narrenzunft Honolulu mit ihren Traditionen. Vier gedruckte Fasnachtszeitungen mit doch einem gewissen Niveau. Wo gibts so was noch? Aber auch hier wirkt der Zeitgeist nicht nur zum Besten. Zufällig sind wir diese Tage auf eine spannende TV-Dokumentation zu Fasnacht und Karneval in deutschen Landen gestossen. Zuletzt wurde dort beklagt, dass die Tradition der gereimten Bütt und Polit-Kritik am Karneval zusehends verschwänden. Auch klassische Karnevals-Tänze und -Gesänge hätten es schwer.

Denn plattes Party-Gedudel und reiner Blödel, wie sie Comedians jahraus jahrein auf den Privatsendern zelebrieren, sei an ihre Stelle getreten. Und Solothurn? Kann sich dem nicht entziehen. Der «politische Aschermittwoch» ist nahezu inexistent geworden. Die Narrenzunft Honolulu macht sich fast nur noch über ihr Eigenleben lustig und teilt unter Kollegen aus.

Etliche Schnitzelbänke haben ihre Show-Blocks derart professionalisiert, dass sie heute durchaus TV-tauglich wären. Aber – dem Publikum gefällts. Kein Wunder, ist das Bedauern über den Verlust des «Branchen-Leaders» G.O.R.P.S riesig. Doch seien wir ehrlich: Die Truppe feierte Triumphe dank ihrer perfektionierten Kunst des Banalen, musikalisch und gesanglich allerdings auf Höchstniveau inszeniert.

G.O.R.P.S am Höflisingen 2018 – am Schluss legen die sechs Männer ihre Masken ab und sagen Tschüss

G.O.R.P.S am Höflisingen 2018 – am Schluss legen die sechs Männer ihre Masken ab und sagen Tschüss

Wer sich dagegen mit Politik und streng traditionell in Versform herumschlägt, hat es ungleich schwerer. Diese Rest-Elemente einer früheren Solothurner Fasnacht werden deshalb öfters zu unrecht im Bänke-Ranking nach hinten durchgereicht – weil ihre Fans schwinden.

Das Publikum hat immer recht

Professionalität und Publikum. Zwei Komponenten, die eng miteinander verbunden sind. Etwas Feuerwerk, Beleuchtungszauber an der St. Ursen-Fassade, Glühbirnchen und -schläuche an den Rocksäumen der drei Grossguggen, die sich auf der Treppe über dem Kronenplatz zelebrieren. Nicht besonders närrisch oder lustig. Aber effektvoll – und Tausende finden es absolut geil. Also haben die Promotoren des 12-i-Chlapfs recht. Das Dutzend Solothurner Guggen aber, das dem Show-Case bewusst fernbleibt und es (noch) vorzieht, wie bis anhin die Nacht der Nächte in den zwischenzeitlich von vielen Gästen verlassenen Beizen zu beschliessen – hat es die Zeichen der Zeit nicht erkannt? Denn diese stehen vor allem auf: «Make the Fasnacht great again!»

Beiz versus Street Party

Wir sind bei einem weiteren Politikum. Der Beizenfasnacht. Auch hier gilt zunehmend: Schriller und lauter! Schon nur, um Schritt zu halten mit dem, was draussen abgeht: Sauf- und Fress-Stände ohne Ende, upgradet mit Soundtrack im obersten Dezibel-Bereich. Support liefern vor allem in der Samstagnacht x Wägeli, gebastelt von innovativen Jungs und Girls, bestückt mit reichlich Phon und Alk. Yeah, wir haben Party und machen durch bis morgen früh!

Immerhin: Verkleidet sind alle. Und zum Glück gibt es noch andere, die Kreativen. Meist gruppenweise sorgen sie für die närrischen Kontrapunkte und unterhalten das Gassenvolk auf ihre Weise – als «Chnebeli»-Becke der Bäckerei Müller beispielsweise.

Ein Rundgang durch die Gassen an der Fasnacht 2018 in Solothurn

Ein Rundgang durch die Gassen an der Fasnacht 2018 in Solothurn

Irren wir uns, oder werden diese Kreativen im Party-Trubel bereits wieder zu Spurenelementen einer einst so aufblühenden Strassenfasnacht? Ein Trost in Sachen Indoor-Fasnacht bleibt: Etliche ruhigere Fasnachts-Hotspots, oft betrieben von gestandenen «Fachkräften», wurden noch immer gerne und rege besucht – die intime Fasnachtsbeiz behält ihren Reiz.

Das «Über-Ei des Columbus»

Das ganz grosse Ding schwebt einem Freund vor. Er, professioneller Eventmacher, sähe die Reithalle als Fasnachts-Mekka. Er ist clever. Natürlich müsste da noch echter Fasnachts-Groove rein. Schwierig, mein Freund! Denn das grosse Ding hatten wir schon mal. 1989 stürmten samstags 2200 überwiegend Kostümierte das total dekorierte Landhaus am ersten Bööggefescht. Auch der Dienstag war ausverkauft, dazu kam später noch der Böögge-Frytig. Wir hatten damals , so schien es, das «Über-Ei des Columbus» gefunden.

Doch innert weniger Jahre liefen uns die Leute wieder in Scharen davon. Um auf der Strasse Fasnacht zu feiern. Mit Guggen, denen durch die oft selbstherrliche GUSO das Betreten der Stadt an den andern Tagen verwehrt wird. Sie alle machten die Fasnacht eben «great again» in den Gassen. Mit einer Fasnacht, aus dem Bauch heraus, intuitiv, aber auch kreativ und – um nochmals gewisse Auswüchse anzusprechen – auch ein bisschen subversiv. So wie die Fasnacht seit jeher begangen wird.

Das grosse Ding, die Show in der Arena, das ist sie eben nicht, unsere Fasnacht. Musste der Freund inzwischen selbst einsehen. Die Tribüne in der Vorstadt dürfte nächstes Jahr um einiges kleines ausfallen, nachdem sie am Dienstag auch bei schönstem Wetter nur zur Hälfte gefüllt war. Wir bleiben dabei: Nicht alles, was «great» ist, bekommt der Fasnacht. Aber wir machen nächstes Jahr wieder eine. Und sie wird garantiert «great again». Versprochen!

wolfgang.wagmann@schweizamsonntag.ch