Haben Sie das Pflichtenheft des Vize-Stadtpräsidenten studiert?

Heinz Flück: Die Pflichten bestehen darin, den Präsidenten zu vertreten. Ein eigentliches Pflichtenheft gibt es nicht. Man ist an den Verwaltungsleiterkonferenzen dabei, was aber auch nicht per Gemeindeordnung festgelegt ist. Sonst gilt die Bereitschaft, ihn zu vertreten, bei Sitzungsleitungen, Begrüssungen oder der Leitung der Verwaltung, falls er länger ausfallen sollte.

Pascal Walter: Eben, ein Pflichtenheft als solches gibts nicht. Ich habe bei der Stadtverwaltung nachgefragt. Zudem habe ich mit Barbara Streit gesprochen. Sie hat dieses Amt für eine längere Zeit zur Zufriedenheit vieler ausgeübt. In der Fraktion haben wir diskutiert: Was gibt es als Vize zu tun? Wie oft begrüsst man jemanden? Wie häufig vertritt man die Stadt? Auch habe ich mich mit meinem Arbeitgeber abgesprochen, welches Pensum ich freimachen muss, um das Amt abzudecken.

Flück: Auch ich habe mit der Noch-Vizepräsidentin gesprochen, um eins zu eins zu hören, was für ein Aufwand zu erwarten ist. Im Courant normal hängt es von der Stadtpräsidentin oder vom Stadtpräsidenten ab, was er oder sie an repräsentativen Aufgaben abgeben will oder muss.

Neben den Pflichten brauchts auch die Accessoires: Haben Sie für jede Gelegenheit die richtige Krawatte?

Walter: Mich sieht man selten mit Krawatte, mit Pfadikrawatte schon eher. Ich finde, dass die Krawatte etwas an Stellenwert verloren hat, was mir auch im Beruf in der Zusammenarbeit mit Kunden bestätigt wird. In meinem Kleiderschrank hat es aber schon drei, vier Stück zur Auswahl.

Flück: Ich achte darauf, mich jeweils passend zum Anlass und zu meiner Rolle zu kleiden. Krawatten binde ich mir aber lieber nicht um den Hals.

Bei den Gemeinderatswahlen holten Sie, Pascal Walter 1024 Stimmen, Heinz Flück aber deren 1810. Die Hochrechnung spricht gegen Sie, Pascal Walter.

Es ist nicht einfach, das Amt bei der CVP zu behalten, obwohl wir es schon vor Barbara Streit innehatten. Es besteht kein selbstverständlicher Anspruch darauf. Wir müssen Stimmen holen, die Wähler mobilisieren – erst recht wegen der Stadtpräsidentenwahlen, von denen wir ausgehen, dass die SP mit Unterstützung der Grünen für Roth mobilisieren und Geld investieren. Dies wird auch auf die Vize-Wahlen Einfluss haben. 

Heinz Flück, wie sichern sich die Grünen den hochgerechneten Vorsprung?

Es ist zwar eine Personenwahl, Parteipolitik spielt aber trotzdem mit hinein. Wenn eine FDP sagt, sie unterstütze den CVP-Kandidaten, und dies bei einer knappen bürgerlichen Mehrheit, dann muss ich ebenfalls Gas geben und im ganzen politischen Spektrum Stimmen holen. Ich hoffe, dass ich dabei auch mit meiner politischen Erfahrung punkten kann – und dass man mir Führungsqualitäten zutraut.

Bleiben wir bei den Kompetenzen: Weshalb sollte man Sie wählen?

Flück: Ich kenne die Stadt und ihre politischen Strukturen. Neben Gemeinderat und Gemeinderatskommission auch durch die Finanzkommission und der Kommission für Dienst- und Gehaltsfragen, die nahe der Verwaltung agieren. Andererseits brachte mir meine Berufserfahrung die Nähe zu unterschiedlichen Bevölkerungsschichten. Ich arbeitete früher als Jugendarbeiter, und obwohl ich gleich alt bin wie Kurt Fluri, traue ich mir zu, auch die Anliegen der Jungen einschätzen zu können. Ich habe aber auch Führungserfahrung und leite ein Team. Zu 30 bis 50 Prozent bin ich Lehrer und leite im restlichen Pensum den Bereich Förderpädagogik. Integration ist ein wichtiges Thema. Und um die Förderung der Schwächeren kümmere ich mich seit nunmehr 25 Jahren. Ich habe also sicherlich ein Sensorium für die Anliegen der Schwächeren.

Walter: Ich bin immerhin seit acht Jahren im Gemeinderat, seit zwei Jahren als ordentliches Mitglied und wurde jetzt wiedergewählt. Andererseits bin ich Präsident der Jugendkommission. Und als Co-Präsident der Stadtpartei mit grossem Vorstand gibt es immer wieder Dinge zu organisieren und zu leiten. Privat konnte ich vor allem bei der Pfadi Leitungserfahrung sammeln, war vier Jahre lang Kantonalleiter der Pfadi Solothurn. Diese Erfahrungen können auch in einem Vize-Stadtpräsidium hilfreich sein. Und dann meine Nähe zur Jugend: Ich bin 33 – und das grösste Altersegment in der Stadt ist jenes zwischen 20 und 39. Auch diese Gruppe will sich vertreten fühlen. Weiter kann mein beruflicher Hintergrund als Finanzfachmann hilfreich sein, da es finanzpolitische Themen immer geben wird. Will man etwas realisieren, so brauchts Mittel. Es ist auch wichtig, dass wir im Gemeinderat Grundlagen erarbeiten können, aufgrund derer wir Entscheide treffen können. Hier wurden wir mit einer Motion aktiv, um die Steuereinnahmen genauer budgetieren zu können. Wenn das Ergebnis immer so stark vom Budget abweicht, ist das zwar schön, kann aber auch zu Fehlentscheidungen führen. Der berufliche Hintergrund kann helfen, solche Zahlen zu hinterfragen.

Wie steht es ums Solothurner Nachtleben in vier Jahren?

Flück: Wir haben in der vergangenen Gemeinderatssitzung mit dem räumlichen Leitbild eine Absichtserklärung beschlossen. Damit ist noch nichts umgesetzt, aber wir behalten es im Auge. Die Aufgabe wird sein, dass man die Interessen aller Bewohner abwägt: einerseits jener, die Party machen wollen, und jener, die andere Bedürfnisse haben. Auch müssen die gesetzlichen Spielräume betrachtet werden. Den Vorschlag, eine Zone mit erhöhten Toleranzwerten zu schaffen, finde ich gut. Doch Lärmprobleme gibt es nicht nur rund ums Nachtleben: Wenn jemand mit dem «Chare» zu jeder Tages- und Nachtzeit rumkurvt oder wenn die SBB die Sanierung ihrer Güterwagen wieder um Jahre hinausschiebt, nimmt man das einfach zur Kenntnis.

Walter: Ich hoffe, dass es nicht vier Jahre dauert, bis es sowas wie das «Eleven» wieder gibt. Es braucht bis dahin nicht 20 solcher Betriebe, aber im Moment gibt es nur das Kofmehl, das bis drei Uhr offen haben darf. Es müsste schon Platz sein für ein, zwei zusätzliche Betriebe. Aber «im Auge behalten» reicht nicht. Wir müssen aktiv was tun, um keine Schlafstadt zu sein. Logisch muss man auf die Anwohner Rücksicht nehmen. Doch es muss ein Miteinander geben, ohne dass man alles mit juristischen Ausreden abwürgt. Man kann mal eine juristische Ausrede brauchen, warum es möglich ist. Zwar versucht man jetzt auf dem Stadtpräsidium jetzt, bei den Ausnahmebewilligungen noch was zu bewirken. Aber man hätte vorher proaktiver auf die Betriebe zugehen können. Man wusste, welche Folgen der Wegfall der 20 Freinächte haben wird. Es ist ein Gewerbe mit Steuerzahlern dahinter. Einige ziehen weg, weil es die Angebote nicht mehr gibt.

Flück: Wenn jemand an eine verkehrsreiche Strasse zieht, ist er sich dessen bewusst. Ebenso wie jener, der in die Nähe eines Nachtbetriebs zieht.

Walter: Wer sich entscheidet, in einer Stadt zu wohnen, muss auch damit leben können, dass in dieser Stadt etwas läuft. Und das Nachtleben gehört dazu, um viele ehrenamtlich engagierte Junge hierzubehalten. Wer sich für ein Angebot engagiert, dem soll man keine Steine in den Weg legen.

Wie soll sich das Gebiet Weitblick in den nächsten Jahren entwickeln?

Walter: Der Planungshorizont für den «Weitblick» liegt bei 45 Jahren. Heute und morgen muss noch nichts realisiert sein. Aber es ist ein wichtiger Entwicklungsbereich, der die Weststadt an die Altstadt binden soll. Ausserdem müsste der Wohnraum gefragt sein. Nun gibt es Zeitpläne, dass man 2019 erstmals dort bauen will. Sprich: Es soll jetzt vorwärtsgehen, was wichtig ist für die Stadt. Es gibt Wohnformen, die Mangelware sind. Die Demografie zeigt auf, dass die Menschen älter werden. Altersgerechtes Wohnen wird deshalb im «Weitblick» ebenfalls Thema sein. Aber eben nicht Altersheime, sondern Wohnformen mit Serviceleistungen. Handkehrum sollten auch Familien dort Platz finden. Wenn man weiss, dass es noch ein Weilchen geht, bis gebaut wird, sind auch Zwischennutzungen wie ein Bikepark sinnvoll.

Flück: Ich hoffe, dass in den nächsten Jahren vor allem im nördlichen Teil Wohnprojekte entstehen, die nicht nur Renditeobjekte von Versicherungen sind. Die Wohnqualität muss im Vordergrund stehen. Genossenschaftliche oder andere gemeinschaftliche Projekte wären wünschenswert. Oder generationsübergreifende Wohnformen, wo eine Altersiedlung neben eine Kita zu stehen kommt. Im Süden Gewerbe mit Arbeitsplatzpotenzial anzusiedeln, wäre ebenfalls wünschenswert. Andererseits gibt es auch innerhalb der Stadt für kleinere Betriebsansiedlungen noch etliche brachliegende Gewerberäume, zum Beispiel im «Perron 1».

Gibt es bei einem Steuerfuss von 115 Prozent noch Luft nach unten?

Walter: Der Auftrag ist nicht, Geld für alle möglichen Probleme, die je einmal auftauchen könnten, zu horten. Das ist schon länger die CVP-Haltung. Wir haben in den letzten Jahren diverse Vorstösse unterstützt, damit der Steuersatz runterkommt. Auch den letztjährigen Antrag für 110 Prozent haben wir unterstützt. Und es wird mit dem positiven Ergebnis der Rechnung 2016 wieder Thema sein müssen. Es geht nicht darum, Verhältnisse wie in Feldbrunnen zu schaffen. Es kann aber nicht sein, dass die Stadt jedes Jahr fünf bis sechs Millionen zuviel einnimmt, ohne dass wir in den vergangenen Jahren auf irgendwas hätten verzichten müssen – zum Beispiel den Stadttheater-Umbau, oder der Neubau des Kulturgüterschutzraums. Und immer noch haben wir Geld für Vorfinanzierungen auf der hohen Kante, das wichtig ist für kommende Projekte wie beispielsweise Schulhaussanierungen. Nun plädieren wir auch weiterhin für massvolle, berechtigte Steuersenkungen, solange die Rechnungsergebnisse so aussehen wie aktuell. Und der Finanzplan ist auch nicht mehr so schlecht, wie er vor vier, fünf Jahren aussah...

Flück: ... Du hast den neuen noch nicht gesehen.

Walter: Das kann sein. Dass die Rechnung aber besser ist als der Finanzplan, haben wir in den vergangenen 20 Jahren immer erfahren. Es muss eine sinnvolle Politik betrieben werden, sodass wir nicht sparen müssen. Aber es ist der Einwohner dieser Stadt, der das Geld von seinem Bankkonto einzahlt und dem das Geld dann fehlt.

Flück: Dass die Stadt nicht Geld horten soll, da sind wir von der Haltung nicht soweit voneinander weg. Aber ich habe hier einen etwas anderen Ansatz. Die Frage ist: Was haben wir für Aufgaben zu erfüllen – beispielsweise an Schulhaussanierungen? Dinge, die man vielleicht ein Jahr, aber nicht ewig verschieben kann. Letztlich bestimmen die Aufgaben über das benötigte Steueraufkommen. Und nicht umgekehrt – schon gar nicht als wahlstrategisches Votum zur Steuersenkung.

Walter: Aber es gibt ja kein Projekt in den vergangenen fünf Jahren, das nicht umgesetzt wurde.

Flück: Ich habe nicht gesagt, dass wir etwas falsch gemacht haben.

Walter: Wir haben ausgewiesene 40 Millionen auf der Seite. Und wir wissen beide, dass es noch viel mehr sind, wenn man beispielsweise die Regiobank-Aktien richtig deklarieren würde, und und und... Nach dem neuen Rechnungsmodell landen wir bei 150 bis 200 Millionen Eigenkapital.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit dem künftigen Stadtpräsidenten, der künftigen Stadtpräsidentin vor?

Flück: Beide Konstellationen kann ich mir gut vorstellen, so unterschiedlich die beiden Personen auch sind. Seit einer Weile schon bin ich mit Kurt Fluri in der GRK. Und ich kann mir vorstellen, mit ihm noch einen Zacken enger zusammenzuarbeiten, auch wenn wir in einigen Belangen andere Ansichten haben. Im operativen Miteinander sind die Differenzen, die im Politisch-strategischen bestehen, dann nicht mehr so gross. Mit Franziska Roth, die ein anderes Temperament hat, fände ich es spannend. Da kann ich die Zusammenarbeit nicht so gut einschätzen, aber politisch wären wir näher.

Walter: Ich nehme an, die Zusammenarbeit mit Franziska Roth ist eher morgens um drei in einer Bar, während jene mit Kurt Fluri morgens um drei bei ihm im Büro stattfindet. Spass beiseite: Die Gesprächskultur im Gemeinderat erlebe ich als gut. Man hört einander zu. Das geht auch mit einer Franziska Roth und würde auch in diesen Positionen funktionieren, und zwar mit allen Gemeinderäten. Und es ist ja nicht so, dass Franziska Roth und ich keine Berührungspunkte hätten. Wir haben oft Geschäfte, wo wir gleicher Meinung sind wie die SP, oder wo sich der ganze Rat einig ist. Und ich finde es auch gut, dass das Gremium oft Entscheide einheitlich hinausträgt. Wir haben mit der FDP sicherlich ein paar Berührungspunkte mehr, beispielsweise finanzpolitisch. Aber geht es um Sport, sind wir der SP teils näher als der FDP.

Was wünschen Sie ihrem Kontrahenten für den Wahl-Schlussspurt?

Flück: Ich wünsche uns beiden eine gute Stimmbeteiligung und ein definitives Resultat. Es wäre das Blödeste, wenn viele beim Vizeamt, das nicht so spannend ist, leer einlegen und es deshalb zum zweiten Wahlgang käme.

Walter: Ich freue mich auf die restliche Zeit bis zu den Wahlen. Wir werden uns sicher noch sehen. Wir haben im Gemeinderat gute Gespräche. Ich wünsche Dir viel Glück. Und jener mit den meisten Stimmen ist dann eben gewählt.