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Lustig, überraschend, einschneidend: Anekdoten aus 50 Jahren Filmtagen

Die Filmtage-Direktion von früher und heute: Ivo Kummer und Seraina Rohrer

Die Filmtage-Direktion von früher und heute: Ivo Kummer und Seraina Rohrer

Zum Geburtstag des Festivals blicken Direktorin Seraina Rohrer und ihr langjähriger Vorgänger Ivo Kummer, heute Filmchef beim Bund, anhand von Archivaufnahmen zurück.

Solothurner Filmtage 1966

Solothurner Filmtage 1966

Ivo Kummer: «Peter Bichsel steht an der Treppe und hält eine Rede im Restaurant Chutz in Solothurn. Dort hat man den alten Schweizer Film, in dem alles heile Welt war, beerdigt und den Neuen Schweizer Film ausgerufen. Man sagte: Der Film soll da spielen, wo auch die Bevölkerung am meisten vertreten ist: in den Peripherien der Agglomerationen, innerhalb der Arbeiterwelt. Diese Orte zeigten ein anderes Bild der Schweiz.»

Seraina Rohrer: «Ein Schlüsselfilm dieser ersten Solothurner Filmtagen war ‹Siamo Italiani› von Alexander Seiler. Er hat die Leute erstaunt und verunsichert, denn er zeigte den nie gesehenen Alltag von Migrantenarbeitern. Durch das Medium Film begann man, die Schweiz zu hinterfragen. Das ist auch heute noch die Stärke des Schweizer Films.»

Kummer: «Solothurn hatte dazumal mit der Filmgilde Solothurn den grössten Filmclub der Schweiz. Mit den über 1000 Mitgliedern war bereits ein potenzielles Publikum da. Deshalb sind die Filmtage nicht in Bern, Zürich oder Lausanne entstanden.»

Pressekonferenz «Schatten der Engel» 1976

Pressekonferenz «Schatten der Engel» 1976

Kummer: «Das ist bei den 11. Solothurner Filmtagen im Hotel Krone. Daniel Schmid und Rainer Werner Fassbinder kamen mit drei Stunden Verspätung zur Pressekonferenz ihres Filmes ‹Schatten der Engel›. Das hat provoziert.»

Rohrer: «Es gibt verschiedene Erklärungsversionen: Sie hätten den Zug verpasst, es lag Schnee, oder sie wollten absichtlich zu spät kommen, um ihre Wichtigkeit zu unterstreichen. Die Journalisten vor Ort taxierten das Zuspätkommen als Überheblichkeit. Schmid und Fassbinder sahen sich als gefeierte internationale Stars, die viel zu gross für dieses kleine Solothurn waren. Auf die massive Kritik hin schwor Daniel Schmid, nie wieder an die Solothurner Filmtage zurückzukehren.»

Kummer: «Natürlich kam er später mehrmals zurück.» (lacht)

«Züri brännt» – Rauchpetarden im Landhaus 1981

«Züri brännt» – Rauchpetarden im Landhaus 1981

Kummer: «Das war ein einschneidendes Erlebnis. Wir wurden extrem überrascht von einer Petarde, die losging. Es entstand eine Paniksituation, die Leute wollten durch das Fenster in die Aare springen – und die Aare ist im Januar ziemlich kalt. Der Auslöser war der Film «Züri brännt», der von den Achtziger-Jugendunruhen handelt. Die Jugend dieser Zeit, meine Generation, wollte sich Luft verschaffen. Sie wusste: Wer möglichst chaotisch ist, wird medial wahrgenommen. Für die Filmtage war das eine Zitterpartie. Zwar stand die Politik hinter dem Anlass, bei der Bevölkerung sank der Goodwill aber massiv. Ich war damals auf der Suche nach einer Wohnung in Solothurn – als ich angab, dass ich bei den Filmtagen arbeite, wurde mir gesagt, solche Leute im Haus seien unerwünscht.»

Wir wollen reich und berühmt werden – Generationenkluft 1984

Wir wollen reich und berühmt werden – Generationenkluft 1984

Kummer: «Ein solche Proklamation ist auch heute noch aktuell. Es geht um die Nachwuchsgeneration. Damals hatte sie das Gefühl, dass sich die Filmförderung nur an den bereits etablierten Filmemachern orientierte. Mit diesem Manifest wollten sich die Jungen ihren Platz innerhalb der Filmlandschaft erstreiten.»

Rohrer: «Es ging aber nicht nur um Geld, sondern auch um Inhalte. Lustig ist, dass auf diesem Foto auch Leute wie Christoph Schaub zu sehen sind. Filmemacher, die heute etabliert sind, mussten damals also auch kämpfen.»

Kummer: «Heute ist die Konkurrenz aber weitaus dramatischer. Wie viele Schulabgänger gibt es pro Jahr? Extrem viele – in Zürich, Genf, Lausanne, im Tessin. Aber es ist gleich wie bei anderen Berufen: Wenn man das teure Studium absolviert hat, hat man noch keine Berufsgarantie.»

Kummer übernimmt die Leitung der Filmtage von Portmann 1987

Kummer übernimmt die Leitung der Filmtage von Portmann 1987

Kummer: «Die Übergabe. Wie Stephan Portmann den Finger hebt, ist eine typische Haltung des ehemaligen Lehrers. Er war ein sehr wichtiger Mentor. Aber auch eine umstrittene Figur. Nach meinem Gusto begann er damit, Filme sehr lehrmeisterhaft zu kritisieren. Es war nicht unsere Aufgabe als Organisator, Noten zu verteilen. Für mich war wichtig, dass wir die Filme feiern. Und ihren Machern die Möglichkeit geben, vor das Publikum zu stehen und Stellung zu nehmen.»

Rohrer: «Bis heute ist die Idee, dass die Filmtage den Filmemachern eine Plattform zum Austausch und zur Begegnung innerhalb der Branche und mit dem Publikum bieten. Man spürt hier die Lust des Publikums, Fragen zu stellen und sich kritisch mit den Filmen auseinanderzusetzen.»

«Reise der Hoffnung» – Kurdendemo 1991

«Reise der Hoffnung» – Kurdendemo 1991

Kummer: «Ich wusste im Vorfeld nichts von der Demonstration. Plötzlich kamen diese Personen auf die Bühne. Aber offensichtlich habe ich mich bei meiner Eröffnungsrede nicht verunsichern lassen. (lacht) Am meisten stören mich auf diesem Bild eigentlich die leeren Plätze ganz vorn! (lacht) Dieses Ereignis ist wieder ein Beispiel dafür, wie man Solothurn als Podium genutzt hat, um politische Botschaften rüberzubringen. Die Aktionen hatten damals aber immer mit einem Film im Programm zu tun, in diesem Fall Xavier Kollers Migrantendrama ‹Reise der Hoffnung›.»

Rohrer: «Heute haben wir das Problem, dass viele Leute die Filmtage als Plattform nutzen wollen, um irgendetwas zu propagieren – irgendeine Initiative, irgendeine politische Sache. Aber wir wollen nicht, dass Leute einfach hierher kommen und in den Sälen und Foyers Unterschriften sammeln. Da haben wir klare Regeln. Hat eine Aktion mit einem Film zu tun, dann sind wir aber offen.»

Rohrer, Kummer und Bundesrat Berset 2012

Rohrer, Kummer und Bundesrat Berset 2012

Kummer: «Das war in Serainas erstem Jahr als Direktorin, und Alain Berset war ganz frisch im Bundesrat. Das war ein sehr spezielles Jahr, für uns alle drei. Auch für mich in meiner neuen Funktion als Filmchef beim Bundesamt für Kultur war es eine Premiere.»

Rohrer: «Das erste Jahr, bis man sich in seiner neuen Position eingefunden hat, ist eine Herausforderung. Aber ich konnte ein Team übernehmen, das wusste, wie alles läuft. Hier greifen alle Zahnrädchen ineinander, das ist das Erfolgsrezept. Als Filmtageleiter muss man nicht das Gefühl haben, man sei hier der Boss,  der alles Bestehende über den Haufen werfen kann. Jede Änderung zieht einen riesigen Rattenschwanz mit sich.»

Kummer: «Ich sagte immer: Die Filmtage sind ein Tanker, den man in die Aare hineinsetzt – und wenn der mal Schub hat, braucht es extrem viel Zeit, um ihn zu bremsen. Es besteht immer die Gefahr, dass der Tanker dann in die Hafenmauer hineinfährt, wenn man ihn nicht mehr richtig steuern kann.»

Rohrer: «Dieses Foto zeigt auch, dass die Filmtage ein wichtiger Begegnungsort für die Politik sind.»

Kummer: «Wer im Nationalrat oder in einem sonstigen Parlament politisiert, muss doch wissen, was für die Gesellschaft getan werden kann, was die brennenden Probleme der Menschen da draussen sind. Darauf geben die Filme hier im Programm Aufschluss.»

Seraina Rohrer mit Harddisk 2013

Seraina Rohrer mit Harddisk 2013

Rohrer: «Wie sieht die Zukunft der Filmtage aus? Die Digitalisierung bringt ganz klar Herausforderung mit sich. Auf der einen Seite verändert sich das Filmemachen, auf der anderen Seite aber auch die Filmauswertung. Bei den Filmtagen sind wir bei der Projektion nun komplett digitalisiert. Ein grosses Thema im Moment ist, wie man mit Filmen umgeht, die nicht mehr linear auf einer Leinwand erzählt werden. Vielleicht findet nur noch ein Teil davon auf der Leinwand statt und ein anderer Teil auf den sozialen Medien, oder als Game. Da machen wir uns Gedanken, wie wir in den nächsten Jahren auch solchen Formen eine Plattform geben können.»

Kummer: «Ich glaube aber, dass die klassische Narration von A bis Z bleiben wird. Kino als Ort der Entschleunigung wird bleiben. Man nimmt sich neunzig Minuten Zeit, entschleunigt sich. Das ist ein Wert, den man verteidigen und stärken muss, weil er auch einem Bedürfnis des Publikums entspricht.»

Rohrer: «Wir reagieren aber auch auf ein Bedürfnis der Filmschaffenden, von denen wir zunehmend transmediale Projekte eingereicht erhalten. Wir hatten in den Vorjahren schon einen interaktiven Film mit einem Abstimmungstool im Programm. Auch dieses Jahr zeigen wir interaktive Inhalte. Es gehört zum Medium Film, auf technische Fortschritte zu reagieren. Und es ist auch Aufgabe der Filmtage, das abzubilden.»

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